Der Wachdienst – Alarm für Goethestraße

Herr Kläsig machte seinen Rundgang. Er wohnte im sogenannten »besseren Viertel« der Stadt und war auch dort zum Wachdienst eingeteilt. Es gab hier keine großen Geschäfte – die waren der Obhut seiner Kollegen in der Innenstadt anvertraut. Herr Kläsig betreute die vornehmen Villen reicher Leute. Was in den Kaufhäusern für Werte steckten, konnte jeder sich ausrechnen. Was aber in manchem Tresor einer Villa, in so mancher Schmuckvitrine eines hochnoblen Einfamilienhauses steckte, wusste man nicht. Nur in der Zeitung war alle paar Wochen von Einbrüchen zu lesen und von der beachtlichen Beute der Diebe. Soweit Herr Kläsig, der immerhin schon seit fünf Jahren im »besseren Viertel« Wachmann war, sich erinnern konnte, war in seinem Bezirk nur ein einzigesmal etwas weggenommen. Nichts Wertvolles gerade, nur ein eisernes Gartentor. Und auch das hatte man am nächsten Tag am nahen Bahndamm wieder gefunden. Ein paar Studenten hatten einen Streich ausgeheckt, sonst nichts! Dennoch nahm es Herr Kläsig mit seinem Wachdienst sehr genau. Er machte zwar immer zur gleichen Zeit seine Runde – Ordnung muss sein! -, aber er wechselte, um es den Spitzbuben nicht zu leicht zu machen, peinlich ab. Einmal begann er mit Schiller, das anderemal mit Goethe, das drittemal mit Mozart. Im besseren Viertel waren die Straßen nämlich nach Dichtern und Musikern benannt. Und weil Herr Kläsig in jeder Nacht vier Rundgänge zu machen hatte, kam es bei aller Systematik doch zu einer gewissen Abwechslung. Heute begann er den ersten Rundgang eine Stunde vor Mitternacht in der Mozartstraße. Die Nacht war unfreundlich, feucht und kalt. Ein leichter Nebel lag über den Dächern, und selbst hier im Villenviertel schmeckte die Luft wie abgestanden. Herr Kläsig hielt den Kopf unwillkürlich zwischen die Schultern eingezogen – freilich nur so weit, dass er noch freie Sicht nach beiden Seiten hatte. Oh, er wusste, was man von einem Wachmann erwarten durfte! Herr Kläsig bog in die Sackgasse ein, wo inmitten eines ansehnlichen Gartens die Villa eines Professors stand. Im Parterre brannte noch Licht; das war nicht außergewöhnlich. Der Professor arbeitete fast täglich bis Mitternacht, und manche Nacht erlosch das Licht in seinem Arbeitszimmer überhaupt nicht. Als hätte diese leise Feststellung des Nachtwächters den Professor einmal zum Gegenteil bestimmen können, erlosch plötzlich das Licht. Herr Kläsig zuckte richtig zusammen, so überrascht war er. Der Professor schien ganz gegen seine Gewohnheit heute einmal vor zwölf Uhr ins Bett zu gehen. Auch gut! Herr Kläsig würde seinen Rundgang durch den Garten und rings um das Haus machen wie immer. Als der Wachmann gerade wieder durch die Eisentür auf die Straße hinaustreten wollte, leuchtete hinter ihm das Licht wieder auf. Herr Kläsig merkte es an dem Widerschein, der braun und samtig auf dem Sandweg lag. Nun, auch das war noch nichts Besonderes! Warum sollte der Professor nicht nochmals Licht machen? Vielleicht war ihm eingefallen, dass er seine Uhr nicht aufgezogen hatte? Oder am Waschbecken tropfte der Hahn? Herr Kläsig trat auf die Straße hinaus. Draußen aber blieb er im Schatten eines Alleebaumes stehen. Es hatte ihn plötzlich das Gefühl gepackt, dass hier etwas nicht in Ordnung sein könnte.
Das Licht erlosch. Er blieb noch immer stehen.
Und siehe da, nach wenigen Minuten flammte es wieder auf.
Und erlosch. Und flammte auf.
Dunkel. Licht. Alle paar Minuten dieser beunruhigende Wechsel!
Herrn Kläsig fielen die seltsamsten Geschichten von Notsignalen ein.
Irgendwann hatte er einmal von einem Mann gelesen, der sich in den Bergen ein Bein gebrochen hatte, noch bis zur nächsten Hütte gekrochen war und von dort mit Rauchsignalen aus dem Hüttenkamin Retter herbeirief. Vielleicht brauchte der Professor auch Hilfe und konnte sich nicht mehr anders als durch das Aus- und Einschalten der Zimmerbeleuchtung bemerkbar machen? Der Wachmann begann zu schwitzen. Mit den Fingern zählte er den Wechsel zwischen Dunkelheit und Licht. Als er so bis zehn gekommen war, stand es für ihn fest: Hier stimmte etwas nicht! Hier musste er, Herr Kläsig, eingreifen! Alles hing jetzt von seiner Beherztheit ab – vielleicht sogar ein Menschenleben? Er betrat erneut den Garten. Diesmal schlich er im Schutz der Büsche zum Haus hin. Alle Fenster waren und blieben dunkel, nur das Licht im Arbeitszimmer brannte, erlosch, brannte … Herr Kläsig lauschte. Es war nichts zu hören, rein gar nichts, und das machte die Situation nur noch gespenstischer. Wenn hier Diebe und Mörder am Werk waren, hatten sie den Wachmann vielleicht auch schon erspäht!
Und lauerten ihm auf!
Wer sollte dann den guten Professor retten? Herr Kläsig machte kehrt und fing an zu laufen. Nicht einmal die Gartentüre schloss er wieder hinter sich zu. Er rannte und rannte und purzelte schließlich schwitzend und stöhnend in die Wachstube des nahen Polizeireviers. Der Garten und das Haus waren schnell umstellt. Aber die Haustüre blieb versperrt. Weder auf Glockenzeichen noch auf Rufen hin wurde sie geöffnet. Erst die ebenfalls alarmierte Feuerwehr verhalf ein paar beherzten Beamten zu einem mutigen Einstieg im ersten Stock. Herr Kläsig war nicht dabei, aber er lebte vom Garten aus jede Phase dieser Schlacht gegen die verbrecherische Unterwelt mit. Nach zehn Minuten kamen die Polizisten wieder. Ohne Verbrecher. Aber das Licht trieb noch immer sein Wechselspiel. Herr Kläsig vermochte es gar nicht zu fassen. Die Beamten konnten ihr Lachen nur schlecht verbergen, als sie dem Nachtwächter Aufklärung gaben: Der findige Professor, der – wie eine telefonische Rückfrage bei Verwandten ergab – in Urlaub gefahren war, hatte nach außen hin den Eindruck erwecken wollen, als sei seine Villa auch weiterhin bewohnt. So hatte er die Zimmerbeleuchtung eingeschaltet und hinter den Schalter eine elektrische Uhr angeschlossen. Alle paar Minuten schaltete diese das Licht ein und dann wieder aus. Wieder ein. Und wieder aus. Herr Kläsig schüttelte fassungslos den Kopf. »Warum denn so viel Technik«, stöhnte er schließlich, »wo doch ich da bin!«

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Info 22.09.2017 - 08:15
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