Der brüllende Hupe auf dem Berghof

Als der Mann den einsamen Bauernhof betrat, blieb alles still. Nicht einmal ein Hund schlug an. Es schien, als wäre das ganze Anwesen ausgestorben. Sogar die Hühner waren auf der Flucht vor der heißen Mittagssonne in den Schatten des Grasgartens hinter der Scheune geflohen. Der Mann hatte die Zeit gut ausgewählt. Eine Weile blieb er noch im Hof stehen, dann trat er auf die Haustür zu. Wie ein Wanderbursche, der um ein Glas Milch und ein Stück Brot bittet, klopfte er mehrmals gegen das Holz. In Wirklichkeit aber hatte er etwas ganz anderes vor. »Alles still«, flüsterte er, »gut!« Und mit geübten Händen schob er die schwere Tür auf, ohne dass sie in ihren Angeln geknarrt hätte. Er hatte einen guten Blick dafür, wie die einzelnen Räume verteilt sein mussten. Und er schien auch zu wissen, dass man das Geld in Bauernhäusern oft in der Küche aufbewahrt. Die Küche war groß und hell; die Bauersleute, die hier wirtschafteten, schienen den Hof gut in Schuss zu halten. Offenbar waren sie auch all den modernen Errungenschaften zugänglich, die die Arbeit des Bauern ein wenig erleichterten. Die Küchenmaschinen auf der Anrichte gaben Zeugnis davon. An der Fensterseite stand der schwere eichene Tisch. In der Schublade steckte der Schlüssel – und meistens lag in so einer Küchenschublade Bargeld, viel Bargeld vielleicht. Der Einbrecher näherte sich auf leisen Sohlen. Aber er war noch nicht bis in die Mitte des Raumes gekommen, da fing plötzlich eine Hupe zu brüllen an. Irgendwo im Raum – man konnte die Richtung nicht gleich erkennen, so sehr füllte der Schall die ganze Küche. Der Mann schreckte zusammen. Aber da war auch die Hupe schon wieder still. Sollte dieser Bauer gar eine Alarmeinrichtung eingebaut haben? Aber dann musste sich der Einbruch erst recht rentieren! Und mit schnellen, entschlossenen Schritten ging der Mann weiter auf den Küchentisch zu. Aber er hatte die Hand noch nicht am Schlüssel des Schubfachs, da brüllte die Hupe von Neuem. Lauter klang sie als zuvor, und sie hatte diesmal auch einen längeren Atem. Sie schien gar nicht mehr aufhören zu wollen. Den Einbrecher fasste ein Grauen. Als säße ihm ein Gespenst im Nacken, floh er zitternd und mit röchelndem Atem hinaus und über den Hof ins freie Feld. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, aber er wagte sich erst wieder umzusehen und sich dann erschöpft ins Gras zu werfen, als er bereits am Waldrand angekommen war. Fast um die gleiche Zeit aber erklärte der Bauer einem Besucher aus der Stadt, der seine Sommerferien bei ihm verbrachte und mit aufs Feld gefahren war, die Vorteile des elektrischen Weidezaunes. »Wenn nun aber einmal der Draht herunterfällt oder ein Isolator schadhaft wird oder wenn Unkraut für eine Ableitung der elektrischen Spannung in die Erde sorgt, so nützt Ihnen der ganze Zaun nichts mehr«, meinte der Städter. »Da haben Sie recht«, gab ihm der Bauer zur Antwort. »Aber das war nur früher einmal, dass man den Schaden erst merkte, wenn die Tiere ausgebrochen waren! Wenn dergleichen heute passiert, wird bei uns im Haus, in der Küche, eine Alarmhupe in Tätigkeit gesetzt. Daran merken wir, dass der elektrische Zaun schadhaft geworden ist – na, und die Stelle, wo der Strom in die Erde abgeleitet wird, finden wir dann schon schnell.«