Der Soldat Mikita gegen fremde Schatten

Mikita fingerte nach den Streichhölzern. Die Kerze, die er anzündete, brannte mit einer großen gelben Flamme. »Erster Advent«, schrieb Mikita auf den Briefbogen, und dann füllte er ihn bedächtig Zeile um Zeile. Schließlich steckte er das Papier, säuberlich gefaltet, in einen Umschlag, auf den er die Anschrift seines Freundes geschrieben hatte. Anschließend las Mikita in einem Buch. Nach einer Weile löschte er die Kerze und ging im Finstern zum Fenster hin. In der Nachbarschaft war alles dunkel. Mikita öffnete das Fenster. Kein Laut war draußen zu hören, keine Stimme, kein Schritt. »Ich könnte noch einen Spaziergang unternehmen«, überlegte Mikita, »ja, einen kleinen Stadtbummel!« Er ging in den Nebenraum, machte sich an einigen Hebeln und Schaltern zu schaffen. Dann trat er ins Freie. Dort, wo ihn vorhin tiefe Schwärze angegähnt hatte, empfing ihn jetzt eine hellerleuchtete Straße. Mikita schien sich nicht darüber zu wundern. Auch nicht darüber, dass er in der ganzen Stadt der einzige Spaziergänger war und nicht einmal vor dem Kino mit anderen Menschen zusammentraf. Mikita sah auf seine Armbanduhr. »Eigentlich könnte ich mir heute eine Vorstellung gönnen«, sagte er dann halblaut und ging zur Kasse. Aber er löste keineswegs eine Eintrittskarte, sondern betrat die Vorführkabine, schaltete auch dort an einigen Hebeln und zwängte sich dann durch eine Zwischentür in den Kinosaal, in dem das Licht eben langsam erlosch. In der mittleren Loge nahm Mikita Platz. Er brauchte keine Angst zu haben, dass ihm jemand die gute Sicht versperren könnte – er war der einzige Anwesende! Mitten im Film – es war eine Mondscheinszene am Weiher – schlief Mikita ein. Er hatte den Streifen schon des Öfteren gesehen und wusste, dass alles gut hinausging. Warum hätte er sich also vor Anteilnahme wachhalten sollen? Er schnarchte sogar ein bisschen, und es war niemand da, der es ihm übelgenommen hätte. Rechtzeitig zum Schluss, als die Hochzeitsglocken dröhnten, wachte Mikita wieder auf. Er gähnte einmal laut, dehnte und streckte sich, schaltete in der Vorführkabine Licht und Geräte aus und ging auf die Straße zurück. Plötzlich blieb er stehen. Es war an der Kreuzung unter der elektrischen Uhr. Sie zeigte fünf Minuten vor neun. Mikita nahm langsam die Hände aus den Taschen und griff nach der Pistole, die er am Gürtel trug. Dann ging er, fast an die Häuserwand angeschmiegt, in die Seitenstraße hinein, wo er den Schatten eines Menschen gesehen hatte. Dass er bisher mutterseelenallein in der Stadt lebte, hatte ihm keine Angst einflößen können. Aber der Schatten eines anderen Menschen – und schon entsicherte Mikita die Pistole. Noch zwanzig Meter, noch zehn Meter. Der Schatten, der quer über die Straße fiel, bewegte sich nicht. Auch als Mikita den Fremden anrief, geschah nichts. Und dann erblickte Mikita den anderen – und musste lachen: Es war nur eine Schaufensterpuppe, die in einer Vitrine stand und, von einem Scheinwerfer angestrahlt, den drohenden Schatten warf. Mikita steckte die Pistole wieder zurück. Er war also doch ganz allein in der Stadt, und das schien ihn sehr zu beruhigen. Bevor er wieder sein Zimmer betrat, löschte er durch ein paar Handgriffe am großen Schaltbrett die Straßen- und Ladenbeleuchtungen aus. Dann schlief er zufrieden ein. Einige Wochen später meldete die Presse, dass Mikita, ein amerikanischer Soldat, in die Heimat zurückgeholt worden sei. Ein ganzes Jahr hindurch war es seine Aufgabe gewesen, einen amerikanischen Stützpunkt nach Abzug der Streitkräfte allein zu bewachen. Zwölf Monate hatte er nicht nur über ein eigenes Aggregat für Strom, sondern auch über mehrere Autos verfügen können. Seine Wäsche hatte er abwechselnd in sechs Waschmaschinen gewaschen.

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Info 20.11.2017 08:53
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