Das Telefongespenst und der vierte Apparat

»So, das hätten wir wieder einmal«, meinte aufatmend der Mann vom Störungsdienst und legte den Arbeitsnachweis zur Unterschrift vor. Er brauchte der Hausfrau nicht mehr zu erklären, wo und warum sie ihren Namen auf die Bescheinigung setzen müsse – er war heute ja immerhin das zehnte Mal in diesem Monat wegen des Telefons bei ihr! Ein merkwürdiges Jubiläum, dachte der Mann bei sich. Laut sagte er: »Hoffen wir, dass es diesmal hält!« Die Frau sah ihn unsicher an. »Ich weiß nicht«, meinte sie ein wenig beklommen, »mit diesem Wunsch haben wir uns schon öfter verabschiedet …« »An uns liegt es aber gewiss nicht, gnädige Frau«, verteidigte der Mann seine Arbeit und seine Firma. »Es waren doch unsere fähigsten Leute da und haben alles untersucht. Wir haben neue Leitungen gelegt. Wir haben die Anschlüsse überprüft. Wir haben alles getan, was man machen kann. Dass dennoch Ihre Gespräche plötzlich unterbrochen werden, weil der Apparat ausfällt, ist uns unerklärlich. Übrigens: Apparat – dieser ist auch schon der dritte, nein vierte, den wir Ihnen in die Wohnung gestellt haben. Am Telefonapparat kann es also auch nicht liegen.« »Dann werden es wohl Gespenster sein!« Die Frau hatte das nur so vor sich hingesagt. Eine kaum überlegte Redensart! Um den heimlichen Ärger zu verbergen! Aber der Mann vom Störungsdienst griff den Gedanken auf. »Ja«, sagte er und nickte bedächtig, »da werden es wohl die Gespenster sein!« Und man konnte schlecht unterscheiden, ob das im Ernst oder im Spott gesagt war. Die Frau aber saß an diesem Abend allein in der Wohnung – ihr Mann war zu einem Vortrag weggegangen – und dachte, während die Stricknadeln in ihren Händen immer langsamer gingen, an das Telefongespenst.
Ob es so etwas gab? Ach was, dummes Zeug!
Oder vielleicht doch?
Es war doch immerhin höchst sonderbar, dass ausgerechnet ihr Telefon dauernd ausfiel! Vielleicht war es bereits in diesem Augenblick schon wieder unbrauchbar? Die Frau legte das Strickzeug nunmehr ganz weg und sah dabei zu dem kleinen schwarzen Apparat auf der gegenüberliegenden Zimmerseite. Mit seinem Zahlengesicht schien er sie anzulachen. Übermütig.
Oder höhnisch?
Die Frau wurde langsam nervös. »So geht das nicht weiter!« murmelte sie halblaut und stand auf. Die Telefonnummer ihrer besten Freundin wusste sie auswendig. Sie wählte. Das Rufzeichen ertönte – der Apparat war also noch in Ordnung.
Die Freundin meldete sich. »Was Besonderes?« fragte sie.
»Ach, eigentlich nicht. Ich wollte nur mal …«
»Ach so!« lachte die Freundin. »Du wolltest nur dein Telefon ausprobieren, ja? Hast wohl wieder einen neuen Apparat bekommen? Du, ich weiß, woran es liegen könnte, dass er so oft ausfällt. Nimm doch mal bitte dein Bandmaß und miss die Zuleitungsschnur!«
»Was soll ich messen
»Die Leitung von der Anschlussdose an der Zimmerwand bis zum Apparat! Wie lang sie ist!«
»Oh, du! Mich kannst du nicht hereinlegen! Den alten Witz kenne ich schon! Damit haben wir letzten Silvester den Professor über uns hereingelegt. Das war ein Spaß, kann ich dir sagen, hahaha! Was haben wir damals alle gelacht, ha -«
Knack, machte es in diesem Augenblick in der Leitung.
»Hallo!« rief die Frau. »Bist du noch da, Elvira?«
Aber Elvira war nicht mehr da. Der Apparat schwieg.
Mit einem lauten Stöhnen sank die Frau in den Lehnstuhl zurück. »Der vierte Apparat – und schon wieder kaputt!« seufzte sie.
Und zum dritten Mal an diesem Tag ging sie der Frage nach, ob es nicht doch so etwas wie Telefongespenster gab. Mit dem alten Witz (»Jetzt messen Sie doch mal bitte die Leitung vom Hörer zur Steckdose? Wie lang bitte? Mensch, haben Sie aber eine lange Leitung!«), mit diesem alten Witz also hatte sie das Telefongespenst offenbar gereizt. Erfolg? Sie musste morgen früh erneut die Störungsstelle anrufen. Die Telefongesellschaft schickte Fachleute von weither. Und einem von ihnen gelang es schließlich auch, das Gespenst zu entlarven. Er war stutzig geworden, als er bei den verschiedenen Berichten, die er von der Frau erhielt, feststellte, dass die Telefongespräche immer dann unterbrochen worden waren, wenn die Frau etwas Lustiges erzählt hatte. Der findige Ingenieur holte komplizierte Apparate und fing zu messen an – und dabei machte er einige Späße. Und da erwies sich seine Vermutung als richtig: Das Lachen der Frau hatte die gleiche Frequenz wie das mechanische Störsignal! Als man die reparierte Telefonanlage erneut übergab, geschah es unter der Bedingung, dass die Frau am Telefon nicht mehr lachen dürfe!

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Info 22.09.2017 - 08:15
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