Geschichte aus dem Archiv des Gespenstermuseums

Im Polizeirevier läutete das Telefon. Mit aufgeregter Stimme gab ein Mann an, eben vor seiner Gartenlaube überfallen worden zu sein. Es müsse ein Gespenst gewesen sein, denn er habe nicht einmal einen Schatten gesehen. Der Beamte notierte Straße und Nummer. »Einsame Gegend dort«, murmelte er vor sich hin, »aber ein Gespenst?« Nun, er gab den Alarm unverzüglich weiter.
Die Funkstreife aus der Stadt war in wenigen Minuten zur Stelle. Und auch die Untersuchungen am Tatort nahmen nicht viel Zeit in Anspruch. Bereits zwanzig Minuten nach dem ersten Anruf konnten die Männer des Streifenwagens dem alarmierten Polizeirevier melden: »Alarm abgeblasen. Fall ist aufgeklärt. Der Mann ist nur auf einen eisernen Rechen getreten, den er selber vor der Laube auf den Boden gelegt hat. Beule am Kopf ist allerdings recht beachtlich. Ende.« Wilde Tiere
Die Leute vom Bergdorf rannten von den Äckern und Wiesen zusammen. So etwas war in ihrer Gegend noch nie passiert! Auf den Feldern hinter dem Birkenwäldchen war ein Elefant gesehen worden! Ein Elefant, wahrscheinlich dem Zirkus entsprungen, der zur Zeit in der nahen Stadt seine Zelte aufgeschlagen hatte. Ein Elefant, der vielleicht in wenigen Stunden die ganze Ernte zertrampelte! Der – man hatte doch schon über solche Einzelgänger gelesen – auch den Menschen gefährlich werden konnte!
Bis Rettung aus der Stadt kam, war es vielleicht schon zu spät. Also rückte man mit eigenen Waffen aus … Bis sich freilich der Haufen der tapferen Jäger zusammengefunden hatte, verging einige Zeit, und als man endlich das Birkenwäldchen erreichte, stand schon der Abendstern hell und glitzernd über dem Berg. Doch das Tageslicht war immer noch stark genug, um den Elefanten deutlich zu erkennen; er stand weiter oben in einem Getreidefeld: grau und wuchtig und in bedrohlicher Unruhe. Die Männer schlichen sich vorsichtig näher. Der Mühlenbauer trug als einziger eine richtige Waffe bei sich, aber dieses Gewehr gab – wenn es auch noch aus dem letzten Jahrhundert stammte – allen Mut. Oh, der Mühlenbauer war schon ein wirklicher Held! Jetzt bedeutete er den Genossen, zurückzubleiben, und schritt, das Gewehr anschlagbereit vor sich hertragend, langsam näher an das riesengroße Tier heran. Zweihundert Schritte mochte er noch entfernt sein, da blieb er stehen, hob das Gewehr, zielte, zielte lange, setzte einmal ab, zielte nochmals und – schoss! Pulverdampf hüllte ihn sekundenlang ein. Noch standen die anderen still und starr, fluchtbereit, wenn der graue Koloss auf sie zustürzen sollte. Aber er kam nicht. Er war überhaupt nicht mehr zu sehen! Ja wirklich, er war spurlos verschwunden! »Aber das geht doch nicht mit rechten Dingen zu«, wiederholte der Bürgermeister ein ums andere Mal. »So rasch kann der Elefant doch nicht davongelaufen sein, dass wir ihn nicht gesehen hätten! Und wenn er zu Boden gestürzt wäre, müsste man ihn doch auch noch ausfindig machen! Das Getreide steht doch kaum einen Meter hoch!« Inzwischen kam auch der Mühlenbauer in kopfloser Flucht zurück. »Das – das muss ein Spuk gewesen sein!« keuchte er. »Ich erkannte ihn ganz deutlich über Kimme und Korn – und jetzt – jetzt ist kein bisschen mehr von ihm zu sehen! Ich bin bestimmt nicht ängstlich, aber mit rechten Dingen geht es hier nicht mehr zu.«
»Ein Spuk!«
»Ein Gespensterelefant!«
»Ein Geisterelefant!« So flüsterten die Männer, und ohne dass jemand das Kommando dazu gegeben hätte, machten sie kehrt und schritten ziemlich rasch dem Dorf zu, nicht ohne sich immer wieder umzublicken. An diesem Abend verrammelte man die Hoftore, als seien plündernde Landsknechte gemeldet, und in den Stuben saß man noch lange beisammen, weil an Schlaf nicht zu denken war. Immer wieder wurde das Problem besprochen: Konnte der Elefant so rasch geflohen sein, dass niemand seine Flucht bemerkte? Oder war er in eine Mulde gestürzt, von der niemand etwas wusste? Oder – oder war es heute hinter dem Birkenwäldchen doch nicht mit rechten Dingen zugegangen? Der nächste Morgen brachte auf alle Fragen Antwort. Der Bürgermeister hatte notgedrungen in die Stadt telefoniert und kleinlaut von der geisterhaften Elefantenjagd berichtet. Eine Stunde später fuhr schon ein Lastwagen des Zirkus ins Dorf herein. Drei Angestellte des Unternehmens ließen sich zum Birkenwäldchen führen, und dann schritten sie vorsichtig, um möglichst wenig Getreide niederzutreten, ins Feld hinein. Ziemlich in der Mitte sah man sie sich wiederholt bücken. Nach einer Weile stapften sie wieder heraus und trugen eine riesige Plastikhaut mit. Und obwohl diese an einer Stelle ziemlich zerfetzt war, konnte man doch noch den zerschossenen Fesselballon in seiner ursprünglichen Elefantenform erkennen und auch die weiße Aufschrift: »Besucht den Zirkus! Morgen letzter Spieltag!« Mordwerkzeuge
Herr Müller rieb sich die Augen. Dann schloss er sie für eine Sekunde und starrte schließlich erneut durch die offene Balkontür hinaus. Kein Zweifel, da draußen stand jemand. Jetzt bewegte er sich. Vorsichtig wie ein Einbrecher.
Oder wie ein Mörder?
Herr Müller erinnerte sich an Zeitungsberichte von Fassadenkletterern und Raubmördern, denen ein Menschenleben keine zwanzig Mark wert war. Und er hatte in dieser Nacht doch einen ganz schönen Haufen Geld im Zimmer! Die ganze Reisekasse seines Vereins, der morgen früh auf große Tour ging! Irgendwie musste das bis in die Unterwelt der Stadt gedrungen sein – und nun stand der erste Raubmörder schon auf dem Balkon!
Bestimmt hatte die Hauswirtin wieder vergessen, die Gartentür abzuschließen! Aber so mir nichts dir nichts ließ sich ein Herr Xaver Müller nicht einige Hundert Euro wegnehmen! Er würde das anvertraute Geld verteidigen. Bis zum letzten Blutstropfen! Schließlich besaß er als Bankbote nicht nur einen Waffenschein, sondern auch eine Pistole! Herr Müller tastete nach der Schublade seines Nachttischchens. Es vergingen Minuten, bist er sie ganz leise aufgezogen und die Waffe herausgenommen hatte. Währenddessen ließ er den Blick nicht von dem Raubmörder auf dem Balkon. Der wagte sich offenbar noch nicht ins Zimmer herein. Ein paarmal schien es, als komme er näher, aber ebensooft wich er wieder in seine Ausgangsstellung zurück. »So kann das nicht weitergehen!« schimpfte Herr Müller innerlich. »Ich kann doch nicht die ganze Nacht hier warten, ob der Kerl endlich ins Zimmer kommt! Am Schluss schlafe ich auch noch ein, und der Kerl murkst mich ab oder geht mit der dicken Brieftasche auf Nimmerwiedersehen davon! Und morgen früh – ach, nicht auszudenken, wenn die anderen Vereinsmitglieder das Schreckliche erfahren!« Nach weiteren zehn Minuten nervenaufreibenden Wartens beschloss Herr Xaver Müller, die Initiative zu ergreifen. Die Pistole in seiner Hand gab ihm Mut dazu. »Hände hoch!« schrie Herr Müller und sprang mit einem Satz aus dem Bett. Aber der Einbrecher auf dem Balkon zuckte nur ein wenig. Die Hände behielt er unten.
In diesem Augenblick schoss Herr Müller. Der Schuss durchfuhr die Nachtstille wie ein harter Peitschenknall.
Aber – wie gespenstisch! – der Einbrecher wankte nicht. Als die Hauswirtin schlaftrunken mit einem Kerzenlicht kam und verstört fragte, was denn eigentlich los sei, hatte Herr Müller den Einbrecher bereits entlarvt. Und ziemlich verschämt berichtete er der alten Dame, dass er auf seine eigene Jacke geschossen habe, die die Wirtin nach der Reinigung zum Auslüften über einen Bügel und an den Rahmen der Balkontür gehängt hatte. Das Gute an der Geschichte war nur, dass Herr Müller nicht gerade ein Schützenkönig war. Die Kugel musste irgendwo im Garten niedergegangen sein; jedenfalls fand Herr Müller kein Loch in seiner Jacke, soviel er auch suchte. Musikinstrumente
Frau Meyer traf Frau Schmitt im Stiegenhaus. »Denken Sie nur«, begann sie, »mein Untermieter – ich will ja nichts gesagt haben, aber mit dem ist etwas nicht in Ordnung!« »Was sie nicht sagen, Frau Meyer! Mir ist er auch gleich ein bisschen verdächtig vorgekommen – aber wie haben Sie’s denn herausgebracht?« Frau Meyer ließ sich kaum Zeit zu atmen und erzählte der Nachbarin mit großem Stimmaufwand die unheimliche Begebenheit, wie sie gestern einmal durchs Schlüsselloch geschaut habe – in Sorge um ihren Untermieter, versteht sich! Weil sie den ganzen Nachmittag nichts von ihm gehört hatte! »Und was meinen Sie, Frau Schmitt – da steht der junge Mann mitten im Zimmer, hat eine Geige unters Kinn geklemmt und fuchtelt mit dem Geigenbogen auf den Saiten herum, dass es ein Vergnügen ist, ihm zuzusehen, aber – man hört keinen Ton! Keinen einzigen Ton! Ich schaue ihm eine Weile zu, da läutet’s. Es ist die Müllersche, die sich ein bisschen Bohnerwachs ausleihen will. Und dann stehen wir beide abwechselnd vor dem Schlüsselloch und starren ins Zimmer hinein. Wir träumen nicht, denn jede sieht es ja mit eigenen Augen, wie der Mensch Geige spielt, ohne dass ein Ton zu hören ist! Ich kann Ihnen sagen, Frau Schmitt, mir ist das in den Magen gefahren; ich habe mir heute Nacht kalte Umschläge machen müssen, so hat mich das aufgeregt. Als Untermieter einen zu haben, der so etwas Gespenstisches fertigbringt! Also ich sage Ihnen: Ich weiß nicht, wie lange ich das aushalte …« Nun, der Fall sprach sich im Stadtviertel herum. Nur der junge Mann, der bei Frau Meyer in Untermiete wohnte, ahnte nicht, wieso er dermaßen schnell überall bekannt geworden war. Wo er auch ging, schielten die Leute zu ihm her, und ihre Blicke fühlte er noch lange im Nacken. Schließlich rief jemand die Abteilung »Gespensterbekämpfung« an. Und dann genügte ein einziges Telefongespräch, den geheimnisvollen Fall aufzuklären. Der junge Mann, der neben seinem Hochschulstudium das Geigenspiel erlernen wollte, hatte seinen Bogen mit einer Flüssigkeit eingestrichen, die der berühmte Geiger Joseph Carcione erfunden hatte. Sie macht auch die grässlichsten Töne, die der Anfänger hervorzaubert, unhörbar. Der junge Mann wollte seiner Wirtin mit seinem Spiel nicht zu sehr auf die Nerven fallen – und ahnte dabei nicht, wie gerade seine Rücksichtnahme die Frau von einer Aufregung in die andere stürzte. Verkehrsmittel
Für einen Teil der Bewohner der beiden holländischen Grenzdörfer stand es fest, dass am Bahndamm ein Spuk sein Unwesen trieb. Wie hätte es auch anders sein können, dass die Ampeln am Übergang ganz unregelmäßig aufleuchteten und erloschen. Sie trieben ihr Possenspiel ganz unabhängig davon, ob ein Zug kam oder nicht. Erst hatte man an einen Dummejungenstreich geglaubt, aber nachdem sich drei Gemeinderäte höchstpersönlich eine halbe Nacht auf die Lauer gelegt hatten und niemand und nichts erspähten, was mit gutem Grunde verdächtigt werden konnte, blieb für viele nur noch die Möglichkeit, an Gespenster zu glauben. Die Bahnbehörden waren freilich nicht so leichtgläubig. Sie wollten der Sache nachgehen. Und ihre Fahndung brachte nach einiger Zeit auch ein Ergebnis. Als man nämlich den Schaltkasten an den Schienen öffnete, entdeckte man darin ein Mäusepärchen. Die Tiere schienen gute Nerven zu haben, denn sie hielten in ihrem Nest aus, obwohl täglich einige Dutzend Züge über sie hinwegratterten. Und sie hielten nicht nur aus, sondern hatten obendrein die Verwegenheit besessen, die Isolierung der Verbindungsdrähte durchzunagen. Friedhofgespenster
Seit undenklicher Zeit spukte es auf dem Pennycross-Friedhof in einer kleinen englischen Stadt. Aber der Geisterglaube der Leute war hier nicht nur auf die Erzählungen zurückzuführen, die sich von Generation zu Generation weitervererbten; hier konnte man das Gespenst mit eigenen Augen sehen! Nicht in jeder Nacht, aber häufig genug. So häufig, dass es die Leute, deren Häuser an den Friedhof grenzten, eines Tages nicht mehr aushielten. Sie richteten an ihre Stadtväter eine Bittschrift, es solle »wegen des Gespenstes und der damit verbundenen allgemeinen Unsicherheit« eine Mauer um den Friedhof gezogen werden. Schon den Kindern wäre man das schuldig. Die Stadtväter überschlugen im Kopf die Summe, die eine so lange Steinmauer kosten würde, und sandten dann erst einmal ein paar beherzte Beamte auf den Friedhof. Die sollten zunächst erkunden, ob wirklich ein Gespenst vorhanden war. Wenn sich das herausstellen sollte, dann – na, vielleicht war dann immer noch mit dem Spukgeist zu reden, ob er nicht umziehen wollte. Etwa in einen Friedhof, der schon eine Mauer besaß. Die Beamten mussten eine Nacht umsonst wachen, aber in der zweiten wurden ihr Mut und ihre Ausdauer belohnt: Der Geist erschien. Sogar noch vor der Mitternachtsstunde! Ja, und dann stellte sich heraus, dass es lediglich der Totengräber war, den die Nachbarn beobachtet hatten, sooft er mit seiner Laterne nachts zwischen den Gräbern herumlief. In England arbeiten nämlich viele Totengräber nach einer alten Überlieferung nur nachts und bei Laternenlicht. Poltergeister
»Also, nun sagt einmal, wer hat denn da die Kochplatte eingeschaltet, ohne einen Topf Wasser draufzustellen?« schimpfte die Bäuerin. Aber niemand wusste etwas davon.
»Aber sie ist ja gar nicht eingeschaltet!« entdeckte der Sohn plötzlich und deutete auf den kleinen Hebel, der auf Null zeigte.
»Aber sie glüht doch beinahe!« schimpfte die Bäuerin weiter und hielt ihrem Sohn den fast verkohlten Topflappen unter die Nase.
»Dazu hat sich auch die Wasserpumpe von allein in Betrieb gesetzt«, stieß der Bauer hervor, der gerade unter die Tür trat. »Ich habe genau nachgeschaut – sie ist nicht eingeschaltet und läuft dennoch!«
Die Bäuerin ließ den Topf, den sie gerade auf die Herdplatte stellen wollte, herunterfallen.
»Alle guten Geister!« jammerte sie. »Ist unser Haus plötzlich verhext? Sind die Poltergeister eingezogen? Mann, was fangen wir nun an?«
»Immer mit der Ruhe«, sagte der Sohn und rannte ans Telefon, das schon die ganze Zeit Sturm läutete. Aber da meldete sich kein Mensch!
Doch Poltergeister?
Aber nein! Als man mit den Nachbarn zusammen dem Spuk auf den Grund ging, stellte man fest, dass die Dreschmaschine einen Kurzschluss verursacht und das Haus unter Strom gesetzt hatte. Sobald der Schaden behoben war, waren auch die »Poltergeister« wieder verbannt. Gespenstische Geräusche
Der schwerhörige Allan verlor bald die Nerven. »Ich bin doch nicht verrückt!« sagte er zu sich selber. »Aber diese geheimnisvollen Stimmen bringen mich noch ins Irrenhaus!« Immer wieder war es in den letzten Wochen vorgekommen, dass Allan abends plötzlich Stimmen hörte. In seinem Zimmer, wo ihm bestimmt niemand einen Schabernack spielen konnte, wurde er plötzlich von diesem Wortschwall überfallen, er wusste nicht wie. Zweimal hatte er Bekannte zu sich eingeladen, aber die hörten nichts! Währenddessen verstand er ganz genau Worte wie »Roger and Out«. Die Freunde lächelten und meinten, er arbeite vielleicht zuviel. Aber Allan sagte nur leise, wie zu sich selbst: »Ich bin doch nicht verrückt!« Und blieb künftig mit seinem gespenstischen Geheimnis allein. Aber dann lernte er eines Tages einen freundlichen Piloten des benachbarten Flughafens kennen, mit dem er über dies und das ins Gespräch kam. Schließlich erzählte er ihm auch von den geheimnisvollen Stimmen. »Roger and Out?« wiederholte der Flugzeugführer nachdenklich, und dann ließ er sich, einer jähen Eingebung folgend, das Hörgerät Allans geben, legte es an sein eigenes Ohr und – in diesem Augenblick setzten gerade wieder die gespenstischen Stimmen ein, teils mit einem amerikanischen Akzent, andere in schnarrendem Schottisch. Und deutlich konnte man den Ausdruck »Roger and Out« vernehmen. Der Pilot gab Allan lächelnd das Hörgerät zurück. »Keine Gespenster«, sagte er dabei. »Ihr Gerät fängt nur bisweilen die Anweisungen des Kontrollturms von unserem Flughafen ein!«

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Info 24.11.2017 14:13
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