Abteilung: Gespensterbekämpfung

Wer es nur von außen sah, hätte in dem großen grauen Gebäude niemals so helle und freundliche Zimmer vermutet. Der Direktor des Unternehmens hatte diesbezügliche Ausrufe der Überraschung schon so oft gehört, dass er auch heute, wo ihn ein alter Schulfreund besuchte, das Lob nur mit einem Lächeln quittierte und die wohlberechnete Bemerkung hinzufügte, da müsse man erst einmal die Abteilung »Gespensterbekämpfung« besichtigen – da würde man staunen! Natürlich brannte jetzt der Besucher darauf, diese Spezialität der großen Versicherungsgesellschaft kennenzulernen. Es handelte sich ja um eine durchaus ernstzunehmende Firma, bei der man neben den üblichen Abschlüssen auch recht sonderbare tätigen konnte. Vielleicht hatte erst an diesem Vormittag wieder jemand seinen Balkon gegen Rostfraß oder seinen Hund gegen die Räude versichert. Wenn man die Abteilung »Gespensterbekämpfung« betrat und in den Regalen vielleicht verrostete Ketten und blutbefleckte Dolche erwartet hatte, sah man sich getäuscht. Dort standen nämlich die modernsten Apparate, und der stets liebenswürdige Leiter der Abteilung stellte sie dem Besucher gerne im Einzelnen vor … Kürzlich wurde unsere Abteilung »Gespensterbekämpfung« alarmiert, im Hafen würde es spuken. Zwischen zwei Transatlantikfrachtern habe man ein unförmiges Wesen erblickt, das Hörner auf dem Kopf trage und fürchterlich schnaube. Sicher handle es sich hier um einen Spukgeist, der von Übersee eingeschleppt worden sei. Nun ist das gesamte Hafengebiet bei unserer Gesellschaft versichert, und wir hatten schon öfter erfahren, wie leicht Gespensterangst zu einem Unfall führen kann. Wir rasten also auf dem Schnellboot der Wasserpolizei zu den genannten Frachtern. Erst sahen wir gar nichts, so sehr wir auch die Augen anstrengten. Schiffe und Wasser, von einem Ungeheuer keine Spur! Wir wollten schon abdrehen, und einer der Beamten brummte etwas von »Fehlalarm« und »Dummejungenstreich«, da erblickte einer von uns – wir fuhren eben parallel zur Breitseite des einen Schiffes – tatsächlich ein gutes Stück weiter vorne zwei Hörner im Wasser. Allerdings schien der sonderbare Spuk schon ziemlich müde zu sein, denn er machte weder große Wellen, noch hörte man ihn wie einen Drachen schnauben. Wir drosselten den Motor und näherten uns mit halber Fahrt – und dann erkannten wir die Spukgestalt deutlich: Es war eine Kuh!
Jawohl, nichts anderes als eine Kuh!
Nun ist es ja auch kein alltägliches Ereignis, wenn eine Kuh im Hafen zwischen Ozeanriesen herumschwimmt. Überdies schien dem Tier das Bad gar nicht gut zu bekommen, denn es machte nur noch ganz lahme Bewegungen, und wir hatten alle Mühe, es über Wasser zu halten und in behutsamem Schlepp an Land zu bringen. Später stellte sich heraus, dass es sich um eine Kuh handelte, die auf dem Weg zum nahen Schlachthaus vom Wagen gesprungen und in ihrer Angst zum Hafen gestürmt war. Aber wer sollte schon auf solche Zusammenhänge kommen! Viel lieber schrien die Leute gleich: »Ein Gespenst, ein Gespenst! Ein Spuk, frisch aus Übersee importiert!«

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Info 20.11.2017 05:02
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