Robert der Hexenmeister

Sie saßen um den runden Tisch herum. Die Vorhänge hatte sie zugezogen, sodass im Zimmer jenes Dämmer-Dunkel herrschte, das sie als Voraussetzung für ihre Geistersitzung betrachteten. Robert, der »Hexenmeister«, nahm aus einer Schachtel einen kleinen Holunderzweig. Acht bis zehn Zentimeter lang und ein bis zwei Millimeter stark mochte er sein. Er war dürr, und Werner, der ihn anfassen durfte, wunderte sich, wie leicht er war. Robert langte nochmals in die Schachtel, aber man sah nicht, was er herauszog. Erst als er damit zu hantieren begann, begriffen es die anderen: Es war ein Haar, ein langes, dünnes Haar. Robert hatte es sich von Marianne, seiner Schwester, geben lassen. Das eine Ende des Haares knotete er nun an der Hängelampe fest, am anderen brachte er den Holunderzweig an und zwar so, dass dieser am Schluss genau waagrecht hing. »Damit sind meine Vorbereitungen abgeschlossen«, erklärte Robert endlich mit tiefer Stimme. »Nun aber werden Sie Zeugen eines aufregenden Schauspiels sein. Ohne den Zweig zu berühren, nur mit meinem bloßen Willen also, werde ich ihn bewegen! Ich werde so lange so fest an ihn denken und selbstverständlich daran, dass er sich bewegen soll, bis er es wirklich tut. Das kann zehn Minuten dauern oder auch länger. Es hängt davon ab, ob ich mich richtig konzentrieren kann. Ich muss Sie deshalb um äußerste Ruhe bitten!« Die Freunde hielten Ruhe. Ihrer Meinung nach war das, was Robert angekündigt hatte, völlig unmöglich! Man konnte doch nicht mit bloßem Willen etwas rein Stoffliches beeinflussen! Das grenzte ja tatsächlich an Zauberei! Sie warteten also gespannt, was sich ereignen würde. Einer saß allerdings in der Runde, der leise vor sich hinlächelte. Es war Roberts Bruder, vier Jahre älter als die übrigen und sozusagen nur als Besuch geduldet. Er wusste, dass in früheren Jahren ein französischer Spiritist schon einmal den gleichen Versuch angestellt hatte – aber davon wollte er den anderen erst nach dem Experiment erzählen. Robert hielt noch immer in einem Abstand von etwa zwanzig Zentimetern die Hände dem Zweig entgegen und zwar so, dass die Handflächen zum Zweig hin gerichtet waren.
Es geschah nichts. Sehr lange.
Die Freunde wollten schon ungeduldig werden, da – der kleine Holunderzweig machte deutlich eine Vierteldrehung! Dann hing er wieder unbeweglich da. Der Beifall war groß, wenn es den meisten in der Runde auch ein wenig unheimlich geworden war. Schließlich räusperte sich Roberts älterer Bruder und sagte: »Nun bekommt mal bitte keine Gänsehaut! Die Sache ist nämlich sehr einfach zu erklären!« Und er wies darauf hin, dass das Zimmer, in dem sie saßen, ziemlich kühl sei, dass aber Roberts ausgestreckte Hände Wärme ausgestrahlt hätten. Nichts anderes als diese Wärme sei an der Drehung des Holunderzweiges schuld gewesen. Das Experiment wäre also auch dann gelungen, wenn Robert an etwas ganz anderes gedacht hätte. »Übrigens«, schloss Roberts Bruder, »dieses Experiment war schon einmal Leuten zum Verhängnis geworden. Ein französischer Spiritist wollte damit beweisen, der menschliche Wille könne auf die Materie einwirken. Er fand auch zahlreiche Anhänger seiner Ansicht, bis eines Tages ein Physiker den wahren Zusammenhang aufdeckte und die Spiritisten sich kleinlaut geschlagen geben mussten.«

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Info 20.11.2017 05:07
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