Das Fremde Hand und die Zehn Finger

Theo Rübe, Gründer und Vorsitzender der Wach- und Schließgesellschaft »Keinbruch« – auf diesen werbewirksamen Namen war er sehr stolz! – hatte Geburtstag. Den fünfzigsten. Er musste die Feier jedoch auf den nächsten Tag verschieben, da er schon eine Woche lang für einen erkrankten Nachtwächter bis Mitternacht Dienst tat. Als Theo Rübe in dieser Geburtstagsnacht gegen halb ein Uhr die Haustür aufschloss, hing sich das Gefühl, es stände ihm noch ein Abenteuer bevor, so schwer an ihn, dass er nur zögernd die Tür hinter sich zuzog. Im Dunkeln, wie er es von seinen Wachgängen her gewohnt war, schlich er die Stiege zum dritten Stockwerk hinauf – aber plötzlich blieb er erschrocken stehen. Hinter den gerillten Scheiben der Wohnungstür im ersten Stock starrte ihn eine gespenstische Fratze an. Der Mund war weit aufgerissen, und die Augen sprühten Feuer. Theo Rübe war kein Hasenfuß. Als sich seine erste Überraschung gelegt hatte, knurrte er sogar beifällig. »Nicht schlecht gemacht, alter Frechdachs!« sagte er halblaut, fuhr wie liebkosend über die gerillte Scheibe, die ihn von dem Kürbisgesicht trennte, und ging dann weiter die Stiege hinauf. »Dieser Frechdachs!« murmelte er, als er schon ein paar Stufen weiter oben war, und er wiederholte es auf jedem Treppenabsatz. Als er aber dann die eigene Wohnungstür aufschloss, spürte er wieder so ein ungutes Gefühl in der Magengegend. »Entweder habe ich mich heute Nacht erkältet«, murmelte Theo Rübe, »oder es steht mir tatsächlich noch etwas Unangenehmes bevor.« Sonst schaute sich Theo Rübe erst einmal in der ganzen Wohnung um, ehe er sich schlafen legte; diesmal war er jedoch zu müde. Wenn die Geburtstagsfeier auch erst am kommenden Abend stattfand, so hatte er doch eben auf dem Heimweg noch schnell ein paar Gläser geleert. Ein wenig zu schnell vielleicht, denn der Kopf wollte ihm vor Schläfrigkeit schier auf die Brust sinken, noch ehe die Krawatte abgebunden war. Seinen Revolver griffbereit auf den Nachttisch zu legen, das versäumte Theo Rübe allerdings auch in diesem Zustand nicht. Als er später aufwachte, wusste er nicht, wie lange er schon geschlafen hatte. Der Mond schien ins Zimmer; alles schien friedlich und ruhig. Aber warum war er dann überhaupt aufgewacht. Theo Rübe sah mit dem »wachen Blick«, auf den er sich etwas einbildete, durchs Zimmer. Am unteren Bettrand blieb sein Blick hängen. Da – da – da war doch eine Hand?
Eine fremde Hand!
Und daneben noch eine?
Eine zweite fremde Hand!
Zehn Finger!
Da verbarg sich also einer!
Und der war gerade im Begriff, sich an seinem Bett in die Höhe zu ziehen. Um dann auf ihn zuzustürzen!
Aber soweit würde er, Theo Rübe, es nicht kommen lassen. Er hatte immerhin die Wach- und Schließgesellschaft »Keinbruch« gegründet! Und wofür besaß er eine Pistole!
Er tastete nach der Waffe, ohne sich sonst zu bewegen. »Einem gefährlichen Einbrecher muss man mit dem Überraschungsmoment kommen«, sagte er seinen Leuten immer vor. Also!
Theo Rübe zielte auf die fremden Finger, zielte gut und drückte ab. An der Feier seines fünfzigsten Geburtstages hinkte Theo Rübe ein wenig. Er hatte sich nämlich in die eigenen Zehen geschossen.

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Info 24.11.2017 14:16
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