Geisterschiffen auf den Meeren

Wenn die Novemberstürme über die Meere brausen, wenn die Frühnebel bis Mittag über dem Wasser liegen, wenn der Mond über die Wellenberge geht in wildem Tanz, dann haben schon in uralter Zeit ängstliche Menschen auf späten Fahrten und vom Meeresstrand aus Gespensterschiffe gesehen. Da mochten sich die Mädchen bei den Händen halten und bisweilen selbst die Buben sich ducken, wenn man in den Fischerhütten zwischen Nidaros und Mogador von den Geisterschiffen zu erzählen begann. Da waren Schiffe gesehen worden mit schwarzen Segeln und Totengerippen am Bug, mit züngelnden Schlangen auf überhohen Masten; Piratenschiffe, deren hölzerne Bordwand von rostigen Mordwaffen starrte, deren oberstes Leinen Totenschädel zeigte und abgehauene, blutende Hände; Schiffe, tausend Kilometer vom Festland weg mit riesigen Vögeln im Geäst zerfetzter Masten; Schiffe, aus deren Leibern Wasser sprudelte; Schiffe, die bis zum Bordrand im Wasser lagen, und doch nicht untergingen; Schiffe, von denen man sagte, der Teufel selber sei Steuermann und vielerlei Seuchen lauerten an Bord; Schiffe, in deren Kielwasser schaurige Ungeheuer auftauchten, feuerspeiend, schnaubend und hässlich … Solche Geisterschiff-Geschichten, das wissen wir wohl, haben nicht nur abergläubische, erschreckte Gemüter erdichtet; mehr als einmal wurden sie von Stürmen, Raubüberfällen und Kriegen wirklich wahr gemacht. Da trieben dann Wracke steuerlos, ohne Masten und mit toten Matrosen an Bord, wohin Meeresströmung und Winde sie schickten. Von manchen dieser Irrfahrer hat man nie erfahren, welcher Katastrophe sie zum Opfer gefallen waren. Ein Dreimaster, der mit Salpeter aus Chile kam, wanderte herrenlos die ganze Westküste von Südafrika nach Norden. Als er endlich in Höhe des Äquators gestellt wurde, fand man die ganze Mannschaft von einer Seuche weggerafft. Ein anderes Wrack irrte im Mexikanischen Golf. Man fand die Matrosen erschlagen, die Schiffspapiere geraubt. Von einem größeren Ozeandampfer wurde ein Segler in voller Fahrt gerammt, sodass er mitten entzweibrach. Die beiden Schiffshälften gingen keineswegs sogleich unter, sondern schaukelten noch lange Zeit auf dem nördlichen Atlantik umher. Ohne einen einzigen Menschen an Bord wurde ein französischer Dampfer vor Cap Hatteras aufgefunden. Das Unheimliche war, dass die Feuer noch glimmten, aber man nie erfuhr, wohin die Besatzung so kurze Zeit vorher verschwunden war. Heute versehen die Kriegsschiffe Englands und Amerikas den Polizeidienst auf den Meeren und bringen alle irrenden Schiffswracke zur Strecke. Aber Stoff zu unheimlichen Geschichten liefern die Meere auch heute noch.

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Info 19.11.2017 11:17
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