Waldemar und das Schlossgespenst

Scheppernd schlug die alte Turmuhr an. Vier Schläge und dann nochmals – eine Terz tiefer – zwölf Schläge. Mitternacht. In Schloss Grauenstein waren die Lichter längst erloschen. Die Bewohner schliefen. Auch Waldemar, ein junger Student und entfernter Verwandter des Grafen, der das Erkerzimmer gerade unterhalb der Turmuhr als Gaststube bewohnte, schlief traumlos und rechtschaffen müde von der weiten Fahrt. Die Wolkendecke riss auf, und das milchige Mondlicht fiel breit auf das alte Gemäuer des Schlosses und zauberte hinter jeden Mauervorsprung tiefschwarze Schatten. Die Schatten wuchsen und verschwanden wieder, je nachdem, ob sich gerade eine Wolke vor den Mond schob oder nicht. Es sah aus, als würde der Regisseur einer riesigen Freilichtbühne am elektrischen Widerstand der Bühnenbeleuchtung spielen, sodass die Scheinwerfer bald stärker und bald schwächer aufstrahlten. Das unruhige Mondlicht war jedoch nicht die einzige Bewegung, die auf Schloss Grauenstein festzustellen war. Droben in der Uhrenkammer löste sich nämlich in diesem Augenblick ein weißlicher Schatten aus der hintersten Ecke, schwebte in torkelnden Flugfiguren zwischen den beiden Glocken hindurch, die sofort geheimnisvoll zu summen begannen, und wischte nun mit einem verhaltenen Seufzer durch den offenen Türspalt nach draußen. Unter erneutem Seufzen bückte sich das Gespenst zu den letzten Dachziegeln hinter dem breiten Kamin hinunter, hob dort ein morsches Brett hoch und – kam mit einem Paar unförmiger Schuhe in der Linken und einem Totenkopf in der Rechten keuchend wieder zum Vorschein. Gemächlich zog sich der Spukgeist die groben Schuhe an, ohne sie jedoch ordentlich zuzuschnüren, nahm dann den Totenkopf, den er abgestellt hatte, wieder unter den Arm und lief mit lautem Trappen zur Treppe hin und dann Stufe um Stufe ins oberste Stockwerk hinunter, wobei er wie ein kleines Kind jedes Mal den linken Fuß zuerst aufsetzte und dann den rechten auf die gleiche Stufe nachzog. Tapp – tapp, machte es, und dann wieder: tapp – tapp – tapp – tapp. Waldemar, der junge Student im Erkerzimmer, wurde davon wach. Zunächst musste er sich eine Weile besinnen, wo er eigentlich war. Und als ihm schließlich die Erinnerung kam, dass er sich ja der Geborgenheit von Schloss Grauenstein erfreuen konnte, überlegte er angestrengt, was dieses eigenartige Geräusch vor seiner Tür wohl zu bedeuten habe. Erst meinte er, es könne vielleicht einer von der Dienerschaft sein, der der guten Ordnung halber nochmals durchs Haus lief. – Aber der würde nicht dauernd auf dem Gang draußen auf und ab marschieren! Und ganz bestimmt würde er nicht so rücksichtslos laut trappen, sondern leise und behutsam auftreten, um ja niemanden zu wecken! Und – man musste schon sehr genau hinhören! – murmelte er nicht auch dauernd etwas vor sich hin? »Wo soll ich ihn bloß hintun?« glaubte Waldemar zu vernehmen. Aber vielleicht täuschte er sich auch; die Türen im Schloss waren ja schier eine Handspanne dick und dämpften alle Geräusche. Als der Unbekannte auf dem Gang das achtemal auf die Tür des Erkerzimmers zukam, stehen blieb, kehrt machte und wieder zurücktappte, hielt es der junge Student nicht mehr länger aus. Er zog sich die Pantoffeln an, die ihm sein Onkel freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte, schob den Riegel zurück und zog die Tür einen Spalt weit auf. Er hatte nicht verhindern können, dass es dabei ein quietschendes Geräusch gab – und sogleich drehte sich auch schon die graue Gestalt auf dem Gang nach ihm um. Einen Augenblick schien das Gespenst zu überlegen, dann kam es mit tappenden Schritten auf den neugierigen Studenten zu. Ganz deutlich hörte Waldemar jetzt die Frage, die unablässig wie ein Brunnen plätscherte: »Wo soll ich ihn hintun? – Wo soll ich ihn bloß hintun?« Und dabei hob die Spukgestalt Waldemar etwas Rundes, Fahlleuchtendes entgegen. Im gleichen Augenblick aber, da Waldemar den Totenschädel erkannte, riss ihm ein Windstoß die Tür aus der Hand, sodass er völlig frei und ungedeckt dem Schlossgeist gegenüberstand. »Wo soll ich ihn hintun?« kam erneut die Frage, und die Geisterstimme klang so dumpf und schaurig, als würde sie aus einem unterirdischen Gewölbe heraufdringen.
»Wo soll ich ihn bloß hintun?«
Immer wieder die gleiche Frage! Und dabei kam das Gespenst drohend näher und näher, den Totenschädel weit von sich gestreckt.
»Wo soll ich ihn bloß hintun?«
Einen Augenblick schwieg das Gespenst jetzt, gleichsam als wolle es seinem Opfer Zeit zum Überlegen lassen. Und in diesen unheimlichen, beängstigenden, nervenzermürbenden, schrecklichen Augenblick des Schweigens hinein tönte – völlig unerwartet – die Stimme des Studenten, der mit gefährlicher Frechheit zur Antwort gab: »Am besten dorthin, wo du ihn hergenommen hast!« Ruckartig blieb das Schlossgespenst stehen. Mit jeder Sekunde schien es größer zu werden. Schon reichte es bis zur Decke des Ganges. Gleich würde es den Spötter mit seinen würgenden Händen packen! Gleich, gleich …
Aber nein, nichts von alledem geschah. Es wuchs nur immer größer und verlor mehr und mehr seine Gestalt. Und aus dem letzten Hauch der sich auflösenden, weißlichen Wolke hörte Waldemar eine freundliche Stimme aufatmend sagen: »Gott sei Dank, junger Freund! Auf diese kluge Antwort warte ich schon elfhundert Jahre!«

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Info 19.11.2017 11:19
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