Begegnung mit dem schwarzen Mann

»Wenn man noch so jung und unerfahren durchs Leben zieht wie ich«, begann Thomas Brend, »dann erlebt man nicht wenige Überraschungen. Eine davon war meine erste Begegnung mit dem ›Schwarzen Mann‹, dem ›black boy‹, wie er von den Kolonisten in Westaustralien genannt wird. Ich ritt – es ist jetzt erst ein paar Monate her – auf einsamem Pfad zu einer Farm, deren genaue Lage ich nur von der handgezeichneten Karte eines Schulfreundes her kannte. Meinen Berechnungen nach konnte ich nur noch ein paar Meilen entfernt sein, und das war gut so, denn die Dämmerung fiel rasch über die weite Ebene herein. Plötzlich stutzte ich und hielt im jähen Erschrecken mein Pferd an. Dort vorne duckte sich doch der struppige Kopf eines Eingeborenen gegen den Boden? Und rechts daneben noch einer! Und links gleichfalls! Sieben, zählte ich insgesamt, und sie schienen nichts Gutes im Schilde zu führen, denn sonst hätten sie sich nicht geduckt und mich aus ihren Verstecken heraus erwartet. Mein Pferd, das nach Rast und Futter verlangte, mochte über den unerwarteten Aufenthalt nicht sonderlich erbaut sein; jedenfalls wagte es, sobald ich den Griff der Zügel und Schenkel wieder etwas locker ließ, einen Schritt nach vorn und wieder einen, und als es merkte dass ich keinen Einspruch erhob, fiel es erneut in seinen gemächlichen Trab. Ewig kannst du hier ja nicht stehen bleiben, sagte ich mir und war eigentlich froh, dass mir mein treuer vierbeiniger Kamerad die Entscheidung auf seine Weise abgenommen hatte. Schritt für Schritt kamen wir dem Eingeborenen, der etwa in der Mitte lag, näher. Dass wir ihn aber immer noch nicht erreichten, berührte mich seltsam. Und jetzt – ich schlug mir mit der flachen Hand vor die Stirn – jetzt endlich zündete bei mir der Gedanke an den ›black boy‹, an den ›Schwarzen Mann‹, von dem mir mein australischer Onkel oftmals erzählt hatte. Der und nicht etwa ein wilder Eingeborener hatte mich erschreckt! ›Black boy‹ ist nämlich ein Baum, und zwar ein Grasbaum, wie es ihn nur im fünften Erdteil gibt. Es handelt sich dabei um eine sehr eigentümliche Pflanze. Sie besitzt einen etwa drei Meter hohen, starken Stamm, der sich in wenige sehr dicke Äste gabelt, die mit einem riesenhaften ›Grasbüschel‹ besetzt sind, während irgendwelche Zweige vollständig fehlen. Diese in den dämmerdunklen Himmel gehobenen ›Grasbüschel‹ haben schon tausendmal einsame Kolonisten und Jäger erschreckt, denn sie sehen wahrlich aus wie die wilden, struwweligen Schöpfe der Eingeborenen!« »Um solche Abenteuer könnte man Sie geradezu beneiden«, meinte der Junge vom Wirt, der die ganze Zeit hinter dem Stuhl des Gastes gestanden hatte. »Ach, weißt du,« sagte da der Weltenbummler, »auf meiner Reise durch den australischen Kontinent habe ich mich mehr als einmal – nach der Wiese hinter unserem Elternhaus gesehnt! Wenn die an einem sonnigen Septembermorgen abgemäht worden war, dann zog am Nachmittag und die Tage danach ein so köstlicher Duft durch das ganze Haus, wie er ähnlich stark nur noch einmal in den Tagen vor Weihnachten, wenn gebacken wurde, die Nase kitzelte. Und oftmals habe ich mir von jeder Grassorte, die ich fand, einen Halm hereingeholt und sie dann alle zwischen Zeitungspapier in meinem Schulatlas säuberlich gepresst … Ja, ja, ob Wiese hinterm Haus oder Grasbäume in Australien – Abenteuer kann man überall erleben! Man muss nur die offenen Augen und das junge Herz dazu behalten!«