Bobby das Hundgespenst

Bobby war der Hund eines Bauern aus Bradford. Zu seinen Vorfahren gehörten Bulldogge, Terrier und Pudel. Er schien von allen die großen Absonderlichkeiten geerbt zu haben – aber gerade das machte ihn einmalig, machte ihn – wie sein Herr ernsthaft versicherte – schön! Dennoch würde außer den Nachbarn niemand etwas von Bobby wissen, wenn er nicht eines Tages hinterm Haus in einen schlecht abgedeckten Schacht gestürzt wäre. Man hörte das Wimmern des schwerverletzten Tieres die halbe Nacht hindurch, es war schier nicht mehr zum Aushalten! Schließlich ließ ein Mann vom Tierschutzverein, den man um Rat angegangen hatte, vergiftetes Fleisch in den Schacht hinunter, damit das Tier nicht noch länger leiden müsse. Wenige Minuten später hörte das Wimmern auf, und die Bauersleute schritten mit hängenden Köpfen ins Haus zurück. Die Kinder heulten, so oft an den folgenden Tagen die Rede auf Bobby kam, aber langsam ebbte auch ihr Schmerz ab, und nach einer Woche konnten sie schon lachenden Gesichts von Bobbys früheren Streichen erzählen. Doch dann kam jene gespenstische Nacht. Der Bauer war später als sonst von einer Gemeinderatssitzung nach Hause gekommen. Vom Kirchturm herunter hatte es längst Mitternacht geschlagen, und in der Straße, in der sein Hof lag, brannte kein einziges Licht mehr. Als der Bauer das Hoftor hinter sich geschlossen hatte und auf die Haustür zuging, hörte er ein leises Wimmern. Er blieb stehen und lauschte. Narrte ihn die Erinnerung? Das Wimmern kam von der Gartenseite her, dort, wo der Schacht war, in den Bobby zwei Wochen zuvor gefallen war. Bobby war tot, und der Bauer hatte eigenhändig starke Bretter über den Schacht gelegt, damit nicht noch einmal ein Unglück passierte. Ein anderes Tier konnte folglich nicht in den Schacht gefallen sein. Woher kam also das Wimmern? Der Mann ging ein paar Schritte auf den alten Schacht zu. »Verrückt!« murmelte er. Er hätte wetten mögen, dass das, was er da hörte, die Stimme seines toten Hundes war. Aber es gab doch keine Gespenster! Und Hundegespenster schon gar nicht! Als der Bauer endlich unmittelbar vor dem Schacht stand, schien das Wimmern aus der Tiefe plötzlich stärker zu werden. Da hielt es der Mann nicht mehr aus und rannte ins Haus und weckte den Knecht. Der lachte erst – bis er selber vor dem Schacht stand. »Das ist der Bobby!« erklärte er dann. »Kein Zweifel!«
»Aber Bobby ist doch tot! Seit zwei Wochen schon!«
»Dann spukt es hier eben!« Der Knecht schüttelte sich, aber sicherlich nur, weil er ohne Jacke dastand und die Nacht recht kühl war.
Die Bäuerin kam und wenig später auch die Magd, und schließlich wurden sogar die Kinder wach, und alle umstanden den schrecklichen Schacht und hörten das unheimliche Wimmern.
»Bobby!« rief plötzlich der Junge laut in die Tiefe – und für ein paar Sekunden hörte das Wimmern auf. Dann setzte es umso dringlicher wieder ein. Im ersten Morgengrauen stieg ein Feuerwehrmann in den Schacht hinunter, Er brachte – ja er brachte Bobby herauf, der vor Freude bellend und heulend die Bauersleute umsprang, als sei er nie schwerverletzt dort unten im Schacht gelegen.
Die Kinder wurden nicht müde, ihn zu streicheln. Die Erwachsenen aber standen dabei und schüttelten die Köpfe: Wie war so etwas möglich! Der Tierarzt, der zufällig am Hof vorbeikam, ließ sich die Geschichte ausführlich erzählen. Dann meinte er: »Ich kann es mir nur so erklären, dass der Hund schon bei dem ersten kleinen Bissen von dem vergifteten Fleisch in einen Dämmerzustand fiel, in dem er sich nicht mehr regte. Dadurch konnte sein gebrochenes Bein fast so gut heilen, als sei es in Gips gelegen.«