Die verhexte Halle: Wenn der Motor spukt

Kurt hatte einen schrecklichen, gespenstigen Traum. Er hatte sich in der großen Montagehalle befunden, in der er tatsächlich seit einem Vierteljahr als Lehrling tätig war. Diesmal stand er aber mutterseelenallein, wie verloren zwischen den riesigen Stanz- und Formmaschinen. Erst war es ringsum ganz still gewesen. Aber dann hatte plötzlich vor ihm ein rotes Licht zu leuchten begonnen. Maschine ist eingeschaltet, bedeutete das. Und da lief plötzlich auch rechts von ihm eine Maschine, wie von Geisterhänden in Gang gebracht. Und links und hinter und vor ihm! Alle Maschinen liefen auf einmal; es dröhnte, dass er sich die Ohren zuhielt. Aber das war noch nicht das Schreckliche gewesen. Das Schreckliche kam erst. Plötzlich langte nämlich die große Stanzmaschine nach ihm, und er fühlte instinktiv, dass der eiserne Koloss ihn in seinen gefräßigen Schlund reißen wollte. Der Junge schrie auf, wich zurück. Aber da versuchte ihn eine andere Maschine zu ergreifen, und als er auch vor dieser durchging, fasste eine dritte, vierte, fünfte nach ihm. Links und hinter und vor ihm, überall lauerten ihm die Maschinen auf. Wie riesige Ungeheuer nahmen sie sich aus, und Kurt lief um sein Leben – aus einer Gefahr in die andere hinein. Er lief um sein Leben, aber immer Kreise. Er fand keinen Ausgang mehr aus dieser verhexten Halle. Plötzlich erloschen die Lampen. Nur die roten Augen an den Schaltbrettern der Maschinen leuchteten weiter, unruhig flackernd. Bis sie mich haben, dachte Kurt erschöpft, und das Herz krampfte sich ihm zusammen. Wohin hätte er in der Dunkelheit fliehen sollen? Vielleicht genau in die gierig ausgestreckten Arme der nächsten Maschine hinein? Die Aufregung wurde zu groß – und das war wohl der Grund gewesen, warum Kurt mitten in der Nacht erwachte. War es wirklich der Grund? Kurt riss plötzlich die Augen auf, denn der Motorenlärm von vorhin war ja geblieben! Kurt lauschte. Tatsächlich, da lief ein Motor: Ziemlich gleichmäßig, stellte er fest. Nein, jetzt setzte er aus – aber ein paar Augenblicke später hörte man ihn erneut. Kurt richtete sich auf. Er ärgerte sich, dass er nicht sagen konnte, woher das Motorengeräusch überhaupt kam. Es füllte einfach das Zimmer aus, aber man konnte nicht sagen, dass es von der Straße her kam oder von irgendwo im Hause. Diese Unsicherheit trug nicht dazu bei, dass Kurt so schnell hätte wieder einschlafen können. Schließlich stand er auf. Seine Augen hatten sich inzwischen so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass er sich im fremden Zimmer zurechtfinden konnte. Er schlief diese Nacht ja in der Wohnung seiner Großeltern, die er auf seiner Urlaubsfahrt aufgesucht hatte. Großmutter hatte eigens das Fremdenzimmer für ihn hergerichtet. Kurt trat ans Fenster. Er wollte doch sehen, ob der Ruhestörer vielleicht auf der Straße stand. Aber die Straße war menschenleer. Als sich Kurt weit hinausbeugte, um die Lunge voll frische Nachtluft zu nehmen, stellte er nicht nur fest, dass ein steifer Wind aufgekommen war, sondern auch, dass das Geräusch plötzlich leiser klang. Das wurde anders, sobald er den Kopf wieder ins Zimmer zurücknahm. Jetzt kam die Sache Kurt wirklich gespenstisch vor. Der Traum vorhin war ungefährlich gewesen; er war sicher nur von diesem Motorengeräusch verursacht worden. Aber jetzt musste Kurt die Quelle dieses unerklärlichen Geräusches herausbekommen, koste es, was es wolle. Er tastete sich zum Lichtschalter an der Tür. Ganz plötzlich, noch ehe er den Schalter erfasst hatte, hörte das Geräusch auf. War es nicht, als würde irgendein unheimliches Wesen ihn beobachten, jede seiner Bewegungen beobachten, um ihn zu narren? Endlich fühlte Kurt den Lichtschalter. Die hohe Deckenlampe gab genügend Helligkeit, um den Raum zu überblicken. Es schien alles in Ordnung zu sein. Nichts Außergewöhnliches war zu entdecken. In dem Augenblick jedoch, wo Kurt – vorsorglich – unter die Bettstatt sah, war das Geräusch wieder da. Genauso wie vorher, so laut und in der Gleichmäßigkeit, die ihn eben an den Lauf einer guten Maschine erinnerte. Kurt ging quer durchs Zimmer und dann an den Wänden entlang. Und jetzt vermochte er doch eine Richtung zu bestimmen! Das Geräusch kam vom Kamin her, der viereckig neben der Tür ein wenig in den Raum hereingebaut war. Sollte hinter dem Kamin eine Höllenmaschine laufen? Oder befanden sich Einbrecher im Keller, auf dem Dach, und der Kamin wirkte wie ein Hörrohr und gab die Geräusche der Bohrmaschine so stark weiter, dass man meinte, die Kerle arbeiteten schon hier im Raum? Kurt überlegte, ob es nicht an der Zeit wäre, die Großeltern zu wecken. Aber gerade noch rechtzeitig fiel ihm ein, dass Großvater Nachtdienst hatte. Großvater wusste ja noch gar nicht, dass sein Enkel auf Besuch gekommen war; Kurt hatte ihn bei seiner Ankunft am Abend nicht mehr angetroffen. Und Großmutter wecken? Sie würde sich nur unnötig beunruhigen, denn schließlich war es Männersache, mit Einbrechern fertig zu werden. Als Kurt in seinen Überlegungen so weit gekommen war, fiel sein Blick zufällig auf die Blechkapsel, die ziemlich weit oben im Kamin die Öffnung ausfüllte, die eigentlich für ein Ofenrohr gedacht war. Kurt starrte die Blechkapsel an. Zitterte sie nicht ständig? Kurt zog einen Stuhl heran, stieg darauf und legte die Hand ganz leicht auf die Kapsel. Sie zitterte wirklich! Aber der Ton war plötzlich ein anderer, weil die Schwingungen durch die Hand abgebremst waren. Und als Kurt jetzt die Kapsel ganz fest andrückte, hörte das Geräusch vollständig auf. Da hatte er also des Rätsels Lösung! Die Kapsel saß nicht ganz fest in der runden Öffnung des Kamins. Und im Wind, der in der Nacht aufgekommen war und sich im Kamin fing, bebte das Blech der Abdeckung und schlug rasch und gleichmäßig gegen seinen metallenen Rahmen. Er suchte im Zimmer herum, aber schließlich fand er doch nur den Rohrstock im Blumenfenster, der lang genug war, dass man dem Kaminspuk damit abhelfen konnte. Kurt stellte zwei Stühle übereinander und klemmte den Stock zwischen Lehne und Kapsel. Damit schien der Spuk endgültig abgestellt. Aber nein, endgültig war das nicht! Denn gerade in diesem Augenblick kam der Großvater von der Nachtschicht heim. Von der Straße aus hatte er das Licht im Fremdenzimmer gesehen und wollte, als er seine Frau schlafend fand, besorgt nachschauen, was dort vorging. Vom Besuch seines Enkels wusste er ja noch nichts. Er öffnete die Tür mit einem plötzlichen Ruck, um den Einbrecher, falls einer hier war, zu überrumpeln. Dabei stieß er hart an den einen Stuhl, und die ganze mühsam aufgebaute Pyramide stürzte krachend und polternd zusammen. Kurt, der gerade wieder am Einschlafen war, fuhr in die Höhe, und mit einem Aufschrei kam die Großmutter herbeigestürzt. Der Großvater aber musste sich erst einmal auf einen Stuhl setzen, als er die Lage überschaut hatte. Er hielt sich den Bauch vor Lachen.