Totenschädel – Das Lenkrad hielten Knochenhände

Es war ein lauer, sonnenübergoldeter Abend. Vögel zwitscherten von überall her, und in den Vorgärten blühten Blumen in den zartesten Farben. Weißer und blauer Flieder, der die Hauseingänge im Villenviertel der Stadt überwucherte, duftete betäubend und lockte einen, den Spaziergang immer noch weiter ausdehnen: geradeaus und dann wieder einmal nach links abbiegend oder nach rechts … Immer weniger Häuser standen am Weg; dafür wurden die Gärten immer prächtiger! Und wenn man in der niederfallenden Dämmerung auch kaum mehr die Farben der einzelnen Blüten unterscheiden konnte: der Duft, den sie verströmten, berauschte um so mehr. Schließlich musste ich mich doch auf den Heimweg machen; denn hoch über mir stand schon der Abendstern, und von der Stadt her wuchsen schwarze Dunstwolken über den blauschimmernden Himmel. Mir fiel ein, dass daheim niemand wusste, wo ich mich herumtrieb. Ich hatte nur einen ganz kurzen Bummel machen wollen, um mein Kopfweh loszubekommen. Wenn die sich nur keine Sorgen um mich machen, dachte ich. Wir wohnten nämlich erst seit ein paar Wochen in der fremden Stadt. Schleunigst nach Hause, sagte ich mir also und schritt rasch aus. Irgendwo musste ja eine Straßenbahn oder ein Omnibus verkehren, kam mir der rettende Gedanke, als es schon ganz dunkel geworden war und ich immer noch durch einige Außenstraßen lief. In diesem Augenblick überholte mich in langsamer Fahrt ein Auto. Ein Jeep war es, wie ich gleich erkannte. Vielleicht Militärpolizei, dachte ich mir; genau war es in der Dunkelheit nicht zu unterscheiden. Den hättest du eigentlich nach der nächsten Haltestelle fragen können, überlegte ich weiter. Aber dafür war es nun schon zu spät. Seltsamerweise stoppte der Wagen aber etwa hundert Meter von mir entfernt seine langsame Fahrt vollends ab, wendete und fuhr dann die Straße mit abgeblendeten Lichtern gemächlich wieder zurück. Jetzt aber, ehe es zu spät ist! Ich trat auf die Fahrbahn und blieb stehen. Der Jeep kam langsam heran und hielt dann mit einem Ruck, während ich schon meine Frage nach der nächsten Straßenbahn- oder Omnibushaltestelle hervorsprudelte. Allein, ich kam damit nicht zu Ende! Plötzlich sah ich nämlich etwas, was mir die Stimme verschlug. Im spärlichen Licht des Armaturenbrettes erkannte ich nämlich die Hände, die das Steuerrad hielten: Es waren – die Hände – eines – Toten! Knochenhände! Entsetzt schaute ich jetzt dem Fahrer voll ins Gesicht – und da grinste mich wahrhaftig ein Totenschädel an! Gellend schrie ich auf und stürzte davon. Im gleichen Augenblick schwang sich auch das Totengerippe aus dem offenen Wagen!
Mir wurde es schwarz vor den Augen. Ich stolperte und schlug der Länge nach auf dem Bürgersteig hin.
»Aber mein Junge!« sagte eine freundliche Stimme ganz nahe bei mir.
»Hab’ ich dich denn so erschreckt?«
Ich machte die Augen einen Spalt weit auf und sah im Licht der Auto-Scheinwerfer einen Soldaten neben mir knien. Seine Haare hingen ihm ziemlich wirr ins Gesicht, sonst aber machte er den allerbesten Eindruck.
»Du musst entschuldigen!« bat er. »Aber wir haben heute unseren sogenannten Unfallverhütungstag, und da muss immer einer von uns mit diesem Tuch über dem Kopf herumfahren. Zur Abschreckung, weißt du! Ich hatte mich nun heute so an meine Maskerade gewöhnt, dass ich gar nicht mehr daran dachte, sie nach Einbruch der Dunkelheit abzulegen. – So, aber komm jetzt und steh’ wieder auf!«
Ich erhob mich, immer noch ein wenig ängstlich. Als ich aber vor dem Jeep ein zeltbahngroßes schwarzes Tuch liegen sah, auf dem mit Phosphorfarben ein Totenschädel, Rippen, Arm- und Beinknochen aufgemalt waren, musste ich doch wieder lachen. Es sah nämlich gerade so aus, als hätte sich hier ein Gespenst – wie eine Schlange gehäutet!
»So«, sagte der Militärpolizist und deutete auf seinen Wagen, »zum Ersatz für den ausgestandenen Schrecken fahre ich dich jetzt aber nach Hause! Ist dann alles wieder gut?«
»Okay«, sagte ich und nickte.