Die Nacht bei den Wachsfigurenmuseum

Als er das erste Stockwerk durchlaufen hatte, gähnte er lange und ausgiebig. Im zweiten Stock musste er sich schon dreimal für fünf Minuten auf einen der rotgepolsterten, leicht angestaubten Plüschsessel setzen. In der nächsten Etage aber drückte er sich in eine der dämmerigen Ecken, wo ihn kein Aufseher beobachten konnte, streckte genießerisch die Beine von sich und stellte zum so und sovielten mal fest, dass es doch sehr anstrengend war, durch ein Museum zu gehen – auch wenn seine einzelnen Säle mit den interessantesten Wachsfiguren angefüllt waren, die man sich denken konnte. Kaiser, Wilderer und Mörder, Erfinder und Scharlatane, Gauner und berühmte Künstler: Alles, was Eingang in die Geschichte gefunden hatte – rühmlich oder nicht -, war hier vertreten. Hein in seiner Schlummerecke fühlte, wie ihn der Schlaf überkam. Er stützte den rechten Ellenbogen aufs Knie und legte den schweren Kopf in die rechte Hand. So schlief er ein. Er konnte noch nicht lange geschlafen haben – oder täuschte er sich? -, da schreckte er zusammen. Irgendjemand hatte ihm auf die Schulter getippt. Noch im Aufschauen überlegte der Junge, was er dem Wärter zur Entschuldigung sagen wollte; denn nur einer von den rotbemützten Männern konnte es sein, der ihn entdeckt hatte und nun aus der gemütlichen Ecke trieb. Doch – nirgendwo war ein Aufseher zu sehen. Ja, es war überhaupt kein Mensch zu sehen! Oder sollte jemand einen Schabernack mit ihm getrieben haben? Hein guckte sich um. Hinter ihm stand eine Wachsfigur in Lebensgröße; sie hielt die rechte Hand weit von sich gestreckt, und in dieser Hand trug sie – man sah ihn deutlich glänzen – einen Dolch. »Deveroux, einer von Wallensteins Mördern«, entzifferte Hein auf dem Messingschildchen am Boden. Der Junge beugte sich hinter die Figur, ob sich vielleicht dort jemand versteckt hielt. Niemand! Auch hinter den anderen Wachsplastiken war kein Mensch zu entdecken. »Aber irgendjemand hat mich doch angestumpt!« murmelte Hein und schritt auf den Zehenspitzen quer durch den Saal. Er wollte zum Ausgang zurück. Es bedrückte ihn, keinem Menschen zu begegnen. So allein inmitten der vielen Figuren – auch wenn sie nur aus Wachs nachgebildet waren -, das gefiel ihm nicht. Und mit jedem Schritt wuchs dieses dumme Gefühl des Unbehagens noch mehr an. Auch im nächsten Saal war Hein der einzige Besucher. Im übernächsten wagte er leise »Hallo?« zu rufen. Doch niemand gab Antwort. Nur weiter vorne schien sich etwas bewegt zu haben; aber als Hein näher kam, war auch dort alles leblos und still. Jetzt bekam es der Junge mit der Angst zu tun. »Ich werde doch nicht so lange geschlafen haben, dass das Museum inzwischen geschlossen worden ist?« stammelte er. »Das wäre – ja — nicht — auszudenken!« Aber es musste doch wohl so sein. Ja, tatsächlich, es gab keinen Zweifel mehr: Das Museum war geschlossen! Kein einziger Besucher außer ihm befand sich noch in diesen schaurigen Räumen. Und auch die Männer von der Aufsicht schienen alle nach Hause gegangen zu sein – und ihn hatte man hier sitzen lassen und eingesperrt! Hein zog sein Taschentuch hervor; der Schweiß stand ihm auf der Stirn – wie sonst höchstens an einem ganz schwülen, hochsommerlichen Gewitternachmittag. Von Saal zu Saal irrte der Junge. Immer öfter stellte er fest, dass er da und dort schon einmal gewesen war. Er fand nicht mehr zum Treppenhaus hin und schon gar nicht zum Ausgang, wo er sich vielleicht durch Klopfen hätte bemerkbar machen können. Die Fenster – das hatte er schon ausprobiert – waren nicht zu öffnen; nur auf der einen Seite vermochte man die Oberlichter aufzuschieben. Aber ohne Leiter konnte man auch da nicht auf die Straße hinuntersehen. Zudem – das fiel Hein erst jetzt wieder ein – stand das Wachsfigurenmuseum ja abseits der Straße in einem kleinen dunkellaubigen Park. War er wirklich dazu verurteilt, eine ganze Nacht bei den wächsernen Puppen zuzubringen, bis morgen das Museum wieder geöffnet wurde? Na, da wollte er sich aber bei der Direktion beschweren! Hätten die Aufseher nicht erst laut rufen können, bevor sie das Museum schlossen? Da wäre er bestimmt aufgewacht und aus seinem Winkel … Halt! Waren das nicht Schritte gewesen? Hein erstarrte, als sei er selber aus Wachs. Da kam doch wer? Ein Wärter vielleicht, der nochmals einen Rundgang machte? Hein hätte jubeln mögen – aber die Lippen blieben ihm geschlossen, als seien sie aufeinandergeklebt. Der da vorne um die Ecke bog, war doch – war doch – ja ganz gewiss: war niemand anders als Deveroux! Hein erkannte ihn an dem dreieckigen Spitzhut und an der ausgestreckten Hand, die den Dolch hielt. Dem Jungen setzte das Herz einen Schlag lang aus. Was war denn hier los? Ging denn das noch mit rechten Dingen zu? Plötzlich überfiel Hein ein Zittern. »Wenn mich der Wallenstein-Mörder nur nicht entdeckt!« flüsterte er. Und ohne sich recht bewusst zu werden, was er tat, drängte sich Hein unter die neben ihm stehende Gruppe. Wilderer stellten diese Wachsfiguren dar; sie trugen schwarze Bärte, dicke Rucksäcke und lange Flinten. Und als Hein sich jetzt in ihre Mitte schob, wichen – wichen – wichen sie ein paar Schritte zur Seite und machten dem Jungen bereitwillig Platz! Hein brauchte ein paar Sekunden, bis sein Verstand es richtig aufgenommen hatte, was da eigentlich passiert war. Wachsfiguren, also Drahtgestelle, die mit Wachs verschmiert waren und denen man richtige Kleider angezogen hatte, bewegten sich! Bewegten sich, als wären es keine toten Puppen, sondern lebendige Menschen! Der Junge wagte kaum zu atmen, als jetzt – wenige Meter von ihm entfernt – Wallensteins Mörder in einen anderen Raum hinüberschritt. Er ging, ohne den Kopf zu wenden, mit steifen Knien und hatte die Hand mit dem Dolch weit nach rechts ausgestreckt. Ganz deutlich hörte man es, wenn er die Füße aufsetzte. Tapp – tapp, tapp – tapp. Langsam ebbte das Geräusch ab und verwehte nun völlig. Hein fühlte sich so elend wie damals, als er heimlich eine Zigarette geraucht hatte. »Nur jetzt nicht schlapp machen«, redete er sich ein, »sonst bin ich unter diesen unheimlichen Gesellen unweigerlich verloren!« Am liebsten hätte er schnell einmal die Wilderer studiert, die neben ihm standen und ihm vorhin Platz gemacht hatten. Aber er traute sich nicht einmal die Pupillen zu bewegen, obgleich er fühlte, dass ihn jemand starr ansah. Endlich fasste er sich ein Herz und hob unmerklich den Blick. Und – sah einem der Wilderer direkt ins Gesicht. War das wirklich noch eine Wachsfigur? Eine tote, zusammengebastelte Wachsfigur? Der Kerl lebte doch! Auch wenn er sich Mühe gab, geradeaus zu schauen! Freilich, man sah doch, wie seine Lippen ganz leicht bebten! Hatten sich hier vielleicht ein paar übermütige Kerle maskiert, um Hein einen Schrecken einzujagen? Schon wollte Hein hell hinauslachen, um denen zu zeigen, dass er ihr Spiel durchschaut hatte, da sah er es. Er sah es, und er dachte nur noch: Mensch, ich werde verrückt! Er sah nämlich, dass eben diesem Wilderer, der da vor ihm stand, der Hut mitsamt dem ganzen Kopf von einem furchtbaren Messerhieb auseinandergespalten war, wie es vielleicht in einem Ringen zwischen Wilderer und Förster, in einem Ringen auf Leben und Tod, sich einmal zugetragen haben mochte. Hein fühlte, dass er jetzt gleich zusammensinken würde; da packte ihn der Wilderer vorne an der Jacke und schrie: »He, junger Mann! Aufwachen! Das Museum wird in zehn Minuten geschlossen!« Und als Hein sich die Augen rieb, lag der Raum in freundlichem Lampenlicht, und vor ihm standen zwei rotbemützte Männer von der Aufsicht und lachten: »Schlecht geträumt, was, junger Mann?« Hein, der noch ganz benommen war, nickte.