Der unheimliche Fahrgast

»Sieh zu, dass du nicht in einer Dienstagnacht die Strecke fahren musst, wenn gerade Vollmond ist!« hatten mir meine Kameraden gesagt.
»Nanu?« lachte ich. »Das hört sich ja recht geheimnisvoll an! Es wird doch keine Wegelagerer mehr in eurer Gegend geben?«
»Wegelagerer nicht! Die würden sich sicherlich auch nicht nach dem Vollmond richten! Aber – na ja, du wirst es doch einmal erfahren müssen! Also hör her, es ist dergleichen nämlich nicht das erste Mal auf dieser Strecke passiert …« Ich war damals von meiner Omnibus-Gesellschaft in das Waldgebiet geschickt worden, um für einen Kameraden die Strecke zu fahren, der verunglückt war und nun Erholungsurlaub bekommen hatte. In einer Dienstagnacht war das Unglück geschehen, und der Vollmond hatte geschienen.
Meine neuen Kollegen erzählten mir die Geschichte ausführlich, während wir in der »Goldenen Krone« bei einem Sprudel beisammensaßen und auf unsere Abfahrtzeiten warteten. Ich hatte die weiteste und einsamste Strecke zu fahren. Das Waldtal hinter bis dahin, wo sich die Füchse Gute Nacht sagten. Die erste Woche verging, ohne dass sich etwas Besonderes ereignet hätte. Ich fuhr früh, mittags, abends und – je nach Bedarf – auch noch einmal in der Nacht die Strecke.
Dann kam wieder ein Dienstag. In meinem Taschenkalender hatte ich es schon längst gelesen, dass auf diesen Dienstag Vollmond fiel. Ganz geheuer war mir nicht, aber schließlich war ich ja kein Anfänger mehr hinter dem Steuerrad! Ich würde mich schon nicht so schnell kleinkriegen lassen – so dachte ich wenigstens. Und überdies war es ja noch gar nicht bestimmt, ob ich die Strecke auch in der Nacht zu fahren hatte. Am Montag Nachmittag bekam ich es jedoch sogar schriftlich, dass ich in einer zusätzlichen Fahrt Leute zu einer Abendveranstaltung in die Stadt und gegen Mitternacht wieder nach Hause bringen sollte. »Mensch, Kerl!« sagten meine Kollegen. »Ausgerechnet Dienstag, wenn Vollmond ist! Wenn das nur gut geht! Du weißt doch …« Und sie gaben mir die Hand wie einem zum Tode Verurteilten.
Ich lachte und ließ mir nicht anmerken, wie nervös sie mich mit ihrem Reden machten. Allein – was konnte mir denn schon Großes passieren? Um elf Uhr und zehn Minuten fuhren wir vom Marktplatz in der Stadt ab. Vierzig Leute saßen im Wagen. Die Nacht war lau und sehr hell, denn es stand keine einzige Wolke am Himmel. Wir fuhren ein zügiges Tempo, denn ein paar Männer hinter mir gähnten schon laut, weil sie sonst um diese Zeit längst im Bett lagen.
In jeder Ortschaft, durch die wir kamen, stiegen ein paar Leute aus. Sie verabschiedeten sich freundlich, als sei ich ein alter guter Bekannter von ihnen, obwohl ich kaum einen von ihnen dem Namen nach kannte.
Auf der vorletzten Station blieb nur noch ein einziger Fahrgast im Wagen; offenbar wollte er bis zur Endstation mitfahren. Mir konnte das nur recht sein; dann fuhr ich wenigstens nicht so allein. Es ging jetzt kilometerlang mitten durch den Wald. Die schwarzen Föhren berührten sich fast mit ihren Zweigen, sodass der Vollmond nur einen ganz schmalen Silberstreifen auf die Fahrbahn legen konnte. Plötzlich sah ich im Rückspiegel, wie sich mein Fahrgast vom hintersten Sitz erhob und langsam durch den Mittelgang nach vorne kam. Im gleichen Augenblick fiel mir natürlich wieder all das ein, was mir meine Kollegen über meinen Vorgänger und seinen geheimnisvollen Unfall zugeflüstert hatten. Nach ihren Schilderungen war nämlich auch er von der vorletzten Station mit nur einem einzigen Fahrgast im Wagen weitergefahren. Auch bei ihm war dieser Fahrgast während der Fahrt langsam nach vorne gekommen und – hatte dann – plötzlich einen Hebel nach dem andern aus dem Instrumentenbrett gerissen, bis der Wagen ohne Gangschaltung und ohne Lenkrad, ohne Gaspedal und ohne Bremse immer rascher die Talstrecke entlanggerast war – – – bis bei der Eisenbahnbrücke die gefährliche S-Kurve kam: An ihren steinernen Pfeilern war der Wagen zerschellt. Wie durch ein Wunder hatte der Fahrer nur ein paar Prellungen davongetragen; der Nervenschock freilich machte einen längeren Erholungsurlaub nötig. Von dem unheimlichen Fahrgast hatte man keine Spur mehr gesehen. Und seltsamerweise auch nichts mehr von den herausgerissenen Instrumenten.
Es wird ein ganz gewöhnlicher Unfall gewesen sein, und ein paar Schrottdiebe haben die fehlenden Teile des Autos eben gestohlen, so hatte ich mir bisher die Sache erklärt. Aber jetzt, wo der unheimliche Fahrgast hinter mir aufgestanden war und langsam zwischen den gepolsterten Sitzen nach vorne kam, da fühlte ich plötzlich: Die Aussagen meines verunglückten Kollegen waren wahr!
Sollte ich nicht lieber meinen Wagen anhalten und den unheimlichen Gast zum Aussteigen zwingen?
Wenn es aber nun wirklich nur ein harmloser Reisender war? Dann würde er mich mit Recht anzeigen, und ich hatte meinen guten Posten als Omnibusfahrer ein für alle Mal verloren! Nein, mit Gewalt ging es nicht.
Und mit List? Sonst kamen mir immer die besten Einfälle, aber diesmal war mein Gehirn wie ausgetrocknet. Kein Ausweg fiel mir ein.
Kein einziger!
Und der unheimliche Fahrgast war schon in der Mitte des Wagens angelangt!
Und kam langsam näher.
Kam näher.
Kam immer noch näher.
Jetzt – ich nahm unwillkürlich das Gas weg – stand er schon dicht hinter mir. Ich fühlte seinen Atem. Einen warmen, nach Tabak riechenden Atem. Jetzt schob der Unheimliche die Hand tastend nach vorn.
Tastend nach vorn und …
Ja, und was er jetzt tat, musst du dir schon selber ausdenken. Ich habe nämlich keine Ahnung!
Weil die ganze Geschichte doch nur erdichtet und erlogen ist!