Nachts als der Vollmond schien

Unsere Großfahrt hatte wirklich abenteuerlich angefangen: Bimbo zählte an diesem ersten Tag durchschnittlich auf je zwanzig Kilometer eine Panne; am Nachmittag kamen wir in einen Gewitterregen, der so plötzlich und so heftig einsetzte, dass wir bis auf die Haut durchnässt waren, ehe wir den nächsten Heuschober erreichten; am Abend begann es sich dann »einzuregnen«, sodass wir für die erste Nacht die Zeltbahnen lieber zusammengerollt ließen und bei einem Bauern anfragten, ob wir in seiner Scheune übernachten dürften. Entzückt schien er zwar nicht zu sein, aber er sagte nach kurzem Überlegen schließlich doch ja. »Nur«, fügte er noch hinzu, »benutzt bitte den hinteren Eingang, den bei den Ställen, und nicht diesen beim Hof hier!« Uns war das recht, und ehe es vom Kirchturm zehnmal schlug, schliefen wir schon alle. Müde genug waren wir. Schon wegen der sieben Pannen. Plötzlich stieß mich eine riesige Maus in die Seite. Oh, Entschuldigung! Ich bin jetzt beim Erzählen etwas durcheinandergekommen und muss mich insofern berichtigen, als ich nur von einer riesigen Maus geträumt hatte, die mich mit ihrer spitzen Schnute in die Seite boxte. In Wirklichkeit war es Karl, der neben mir schlief und der jetzt angstvoll auf mich einflüsterte. Bis ich richtig wach geworden war, musste er mir seine Geschichte schon das zweite oder dritte Mal erzählt haben. Es handelte sich um folgendes: Er war aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen, weil ihn das Stroh überall kitzelte. Offenbar hatte er seinen Schlafsack nicht richtig benutzt. Schließlich stand er auf, um zum Brunnen hinunterzugehen und sich kalt abzuwaschen. Und als er schon auf der Leiter stand, sah er es. Das Fürchterliche, Gespenstische, Schauerliche … Ich wühlte mich aus meinen Decken und schlich zur Leiter. Tatsächlich! Es war genauso, wie Karl behauptet hatte. Unten auf dem Tennenboden lag ein Brett über einem runden Korb, und das Brett schwebte, wie von Geisterhänden getragen, bald mit dem einen, bald mit dem anderen Ende in die Höhe, um dann wieder bis zum Boden hinunterzusinken. Es war eine richtige Wippe. Uns quollen schier die Augen aus den Höhlen, so strengten wir uns an, jemanden ausfindig zu machen, der die Wippe in Bewegung hielt. Unsere Mühe war umsonst. Das dort unten musste eine richtige Gespensterwippe sein! Ich wollte Karl gerade ins Ohr flüstern, dass wir die anderen wecken müssten, da merkte ich, dass ich allein stand. Karl war verschwunden. Nicht lange, da kam er wieder, und neben ihm drängten sich Ed und Philipp, Franz und Edgar. Und alle standen sprachlos und schauten und schauten. Unten wippte es weiter. »Wollen wir hinuntergehen?« fragte Edgar auf einmal halblaut. Nun, wo wir alle beisammen waren, fühlten wir uns stark genug. Edgar ging voraus, wir stiegen hinterdrein. Immer in Tuchfühlung! Als wir dann unten auf der Tenne standen, sahen wir im Mondschein, dass noch mehr so runde Körbe herumlagen. »Brotkörbe«, flüsterte Ed, dessen Vater Bäcker war. Hier schien also schon alles fürs Brotbacken am anderen Morgen vorgerichtet zu sein, und wir begriffen, warum uns der Bauer nicht in diesem Teil der Scheune haben wollte. Ob er aber wusste, dass es bei ihm umging? Oder war vielleicht gerade diese Gespenster-Wippe die Ursache, warum er uns nur zögernd aufgenommen hatte? Wir schlichen im Licht des Vollmondes noch näher an die unheimliche Wippe heran – und da erst erkannten wir es: Auf dem Brett saßen am Ende je zwei Flöhe, und die wippten, was sie nur konnten!

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Info 24.11.2017 14:16
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