Das Märchen von den Erbsenmännchen

Künftig werde ich vorsichtiger sein, wenn ich wieder einmal zu Verwandten aufs Land reise! Im vorigen Jahr konnte ich es allerdings noch nicht wissen, dass es dort kurzweiliger und auch abenteuerlicher zugehen kann als bei uns in der Stadt. Es fing damit an, dass Tante Theres bei einem ihrer seltenen Besuche mich eingehend musterte und dann zu meiner Mutter sagte: »Das Mädel sieht aber blass aus! Das müsste einmal ein paar Wochen zu uns aufs Land kommen! Gute Butter und frische Luft – das wäre einmal etwas anderes als Lehrbücher und Benzingestank!« Nun hatte ich ja auch daheim täglich manches Butterbrot verdrückt und nicht etwa von Schulbüchern gelebt, aber zu der Bemerkung von der besseren Luft nickte meine Mutter bereits sehr nachdenklich, und wer meine Mutter so gut kennt wie ich, weiß, dass es jetzt höchste Zeit war, ihr einen fast-fertigen Plan noch schnell auszureden. Diesmal war ich jedoch mit all meinen Überredungskünsten (dass ich ja mit Bärbel und Petra zu Petras Onkel nach London fahren wolle, und dass ich das, was ich dort alles sehen und erleben würde, so gut in der Schule wieder verwenden könne) zu spät dran. Mutter entschied, Tante Theres lächelte, und ich sagte verärgert: »Ausgerechnet in dieses langweilige Kuh-Dorf!« Tante Theres lächelte auch jetzt noch, Mutter zog die Augenbrauen hoch, und ich verschwand niedergeschlagen und über mich und die ganze Welt verärgert auf mein Zimmer. Vier Wochen später war es so weit, dass ich mit zwei Koffern aus der Kleinbahn ausstieg und nach meinen beiden Kusinen ausschaute, aber offenbar wussten die nicht einmal, dass man einen Gast am Bahnhof empfing und ihm wenigstens die schweren Koffer abnahm! Ach, was würden das für langweilige Ferien werden! Ich seufzte, nahm meine beiden Koffer wieder in die Hände und keuchte zur Bahnsperre – die allerdings nur durch zwei Pfosten angedeutet war.
Der Beamte nahm meine Fahrkarte entgegen, schaute sie sehr genau an und murmelte dann: »Sie wollten doch wohl bis Untermühlbach fahren, mein Fräulein?«
Ich nickte.
Da deutete er lediglich mit dem Kinn auf das Brett, das schwarz auf weiß den Ortsnamen zeigte. Ich las: Unterkuhdorf!
»Du lieber Schreck!« rief ich. »Da bin ich wohl an der verkehrten Station ausgestiegen?« Und ich musste mich erst einmal auf einen meiner beiden Koffer setzen, denn der Bummelzug war schon längst zwischen Wiesen und Feldern in die Waldschneise hineingedampft.
In diesem Augenblick rannten zwei übermütige Mädchen hinter der Schalterhalle hervor und auf mich zu. Sie lachten und schrien und packten erst mich, dann meine beiden Koffer und zogen und schoben mich auf den Wiesenweg zu ihrem Hof, der ein wenig abseits vom Dorf lag. Erst unterwegs dämmerte es mir langsam, was meine beiden Kusinen da für einen Streich ausgeheckt hatten. Ich erfuhr, dass sie selber das Brett bemalt und ausgetauscht und den Bahnhofsvorsteher, der weitläufig mit ihnen verwandt war, so lange bestürmt hatten, bis er mitspielte.
»Du bist uns aber nicht böse deswegen?« bettelten sie.
Ich schüttelte den Kopf; ich war sogar herzlich froh, denn wenigstens meine beiden Kusinen schienen nicht so langweilig zu sein, wie ich befürchtet hatte. Müde von der Fahrt, ging ich an diesem Abend buchstäblich mit den Hühnern schlafen. Wenn ich die ersten Stunden meiner Sommerfrische ehrlich überdachte, musste ich zugeben, dass alle sehr nett zu mir gewesen waren und dass der große Bauernhof einen schon beeindrucken konnte. Aber auf die Dauer würde es wohl doch ziemlich fade für mich werden, fürchtete ich. Dieser eine Streich bei der Ankunft konnte ja schließlich nicht für zwei, drei Wochen langen! So schlief ich denn mit ziemlich gemischten Gefühlen ein. Ich konnte noch nicht lange geschlafen haben, da klopfte es, und ich wurde wach. »Ja bitte?« fragte ich halblaut.
Es rührte sich nichts. Sollte ich nur schwer geträumt haben? Ich lauschte angestrengt, aber weder bei mir im Zimmer noch draußen auf dem Hausflur war irgend etwas Verdächtiges zu hören.
Eben wollte ich mir wieder das Kommando zum Einschlafen geben, da klopfte es erneut. Es war ein ganz eigenartiges, schwer zu beschreibendes Klopfen. Es klang etwa so, wie wenn einer mit jedem Fingerknöchel nacheinander einmal gegen die Tür schlägt. Ziemlich in Bodennähe, wie es mir vorkam. Und gar nicht sehr laut.
Mir fielen allerlei Geschichten aus meinem ersten Lesealter ein: von Heinzelmännchen und Kobolden und Tieren, die nichts anderes als verzauberte Menschen waren.
»Dummes Zeug!« murmelte ich und sprang aus dem Bett. In diesem Augenblick klopfte es wieder, klopfte nochmals – und dann war es still.
Lange Zeit.
Ich öffnete leise die Tür. Nichts.
Ich tastete mich zu meinem Bett zurück. Gerade wollte ich mich wieder hinlegen, da klopfte es von Neuem, und, wie mir schien, nicht mehr in der Nähe der Tür, sondern direkt vor mir. Oder wenn ich es ganz genau beschreiben soll: Es war, als würde das Klopfen bei der Tür beginnen und unmittelbar vor mir auf dem Fußboden enden. Ich hatte mir längst einzureden versucht, dass hier meine beiden Kusinen mit einem neuen Streich aufwarteten, aber nachdem das Klopfen so deutlich in meiner unmittelbaren Nähe geschah, ohne dass ich irgendein Wesen ausfindig machen konnte, wurde es mir unheimlich zumute. Ich kämpfte eine Weile mit meiner Angst, und dann stand ich doch plötzlich am Lichtschalter und drehte.
Das große Licht flammte auf, aber nichts Verdächtiges war zu sehen. Oder doch: Am Rande meines Bettvorlegers lag eine Erbse, die ich vorher dort noch nicht erblickt hatte. Sie war grün und rund und glänzte.
Als ich mich bückte, um sie aufzuheben, gewahrte ich an der Tür noch eine zweite, ebenfalls grün und rund und glänzend. Und von Neuem schoss mir die Geschichte von den Heinzelmännchen durch den Sinn.
Später – ich legte mich wieder ins Bett, nachdem ich das Licht gelöscht hatte, weil alles still blieb – träumte ich sogar von ihnen. Es waren fünf oder sechs kleine Wichte mit langen Mützen, drollige Kerlchen, und sie schleuderten grüne Erbsen nach mir … Beim gemeinsamen Frühstück am nächsten Morgen kam natürlich die unausbleibliche Frage, wie ich denn in der ersten Nacht unterm fremden Dach geschlafen hätte.
»Ach, nicht schlecht«, sagte ich, »nur hat es ein paar Mal geklopft, ich weiß nur nicht wo und warum. Ich habe jedenfalls niemanden entdeckt und bin dann wieder eingeschlafen. Da habe ich dann allerdings ziemlich aufregend geträumt. Von Heinzelmännchen, die mich mit Erbsen beworfen haben.
Aber daran war sicher nur schuld, dass ich, ehe ich wieder ins Bett stieg, zwei Erbsen auf dem Fußboden liegen sah.«
»Erbsen?« fragten da meine beiden Kusinen wie aus einem Munde. »Erbsen?« Und Christine, die ältere, legte bedeutungsvoll den Finger hinters Ohr und meinte: »Dann werden es wohl die Erbsenmännchen gewesen sein!«
»Erbsenmännchen?« lachte ich. »Du, ich bin bereits über das A-B-C-Schützenalter hinaus!«
»Darauf kannst du zwar stolz sein, aber die Erbsenmännchen werden sich wenig darum kümmern«, fuhr Christine fort. »Die kommen immer, so erzählt man sich bei uns, wenn jemand geringschätzig von anderen denkt. Und dann bombardieren sie ihn so lange mit grünen Erbsen, bis er seinen Hochmut endlich ablegt. Manchmal sollen die Leute richtige blaue Flecken davontragen, obwohl sie glauben, sie hätten das Erbsen-Bombardement nur geträumt. Hast du dich schon einmal genau betrachtet? Dort an der Stirn den blauen Flecken hattest du doch gestern noch nicht?«
»Und auch hier am Hals zwei blaue Flecken!« Ursula schien sich geradezu über ihre Entdeckung zu freuen. Mir aber wurde es ein bisschen ungemütlich, und ich ging unter irgendeinem Vorwand hinaus, um mich im Spiegel zu betrachten. Blaue Flecken? Ich entdeckte nichts. Die beiden wollten mir sicher nur Angst einjagen! Aber den ganzen Unsinn mit den Erbsenmännchen sollten sie lieber jemand anderem aufbinden! Mir jedenfalls nicht! War doch wirklich nur ein großer Unsinn, das Ganze! Vielleicht wollten mich meine beiden Kusinen nur ein bisschen fühlen lassen, dass meine Bemerkung »Kuhdorf« unhöflich gewesen war? Dabei fand ich meinen Aufenthalt ja schon gar nicht mehr so ärgerlich wie damals, als Tante Theres mich einlud. Ich fing an, sogar Gefallen an dieser Sommerfrische auf dem Lande zu finden. Und das mit den Erbsenmännchen war gewiss nichts anderes als ein neuer Streich von Christine und Ursula!
Aber es hatte doch geklopft? Ich hatte es ja deutlich gehört! Und sollte sich der Spuk vielleicht gar in der kommenden Nacht wiederholen? Nein, er wiederholte sich nicht. Meine beiden Kusinen konnten nämlich nur bis zum späten Vormittag schweigen. Dann wären sie sicherlich geplatzt, wenn sie mir nicht alles hätten erzählen und zeigen können. Freilich waren sie es gewesen, die mir die »Erbsenmännchen« ins Zimmer geschickt hatten, aber wie großartig hatten sie es sich ausgedacht! Ich musste meine Einstellung zu diesen Leuten in »Kuhdorf« wirklich gründlich ändern!
Sie hatten eine Blechdose mit Erbsen gefüllt, Wasser dazugegossen und die Dose dann neben der Tür hinter den Ofen gestellt, kurz bevor ich schlafen ging. Die Erbsen waren nun gequollen, immer mehr gequollen, und schließlich kollerte die erste Erbse über den Dosenrand auf den Boden. Das war das eigenartige Klopfen gewesen, das mich wachgemacht hatte.
Die Erbsen waren weiter gequollen, und so fiel immer wieder eine über den Rand auf den Boden. Zwei, die ein bisschen weit gekollert waren, hatte ich entdeckt. Und erst als ich davon erzählte, erfand Christine geistesgegenwärtig das Märchen von den »Erbsenmännchen«.

Forum (Kommentare)

Info 26.09.2017 - 00:09
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.