Gruseln ist nichts für kleine Kinder! – Der Schwarze Mann

»Wenn du jetzt keine Ruhe gibst«, sagte die große Schwester (und sie hatte dergleichen schon öfters zu ihrem kleinen Bruder gesagt), »dann kommt der Schwarze Mann und steckt dich in seinen Sack!«
Aber der kleine Bruder gab sich nicht zufrieden und wollte bald dieses, bald jenes, und seine große Schwester wurde allmählich wütend. »Diesem Lausejungen müsste es einmal gezeigt werden!« dachte sie, und plötzlich fiel ihr Manfred ein, ein Schulkamerad, der im gleichen Haus wohnte, und der heute aus dem Schulmuseum eine hölzerne Tanzmaske hatte mit heimnehmen dürfen, um sie abzuzeichnen. Es war eine wilde, eine furchterregende Maske.
Manfred war auch gleich mit dem Plan, den ihm Liesl vortrug, einverstanden. Er fand noch eine alte schwarze Decke, die er sich umwarf; die Maske band er sich vors Gesicht.
So klopfte er ein paar Minuten später an die Tür, gerade in dem Augenblick, wo Liesl dem kleinen Bruder erneut mit dem Schwarzen Mann drohte. Der Kleine, der ihr eben noch als einzige Antwort die Zunge herausgestreckt hatte, schrak zusammen. Wenn sonst jemand sie besuchte, läutete er. Das Klopfen jetzt kam dem kleinen Frechdachs unheimlich vor.
Die große Schwester blieb jedoch ganz ruhig. »Das wird wohl der Schwarze Mann sein«, sagte sie lediglich und ging, um die Türe zu öffnen.
»Nein, bitte nicht!« rief da der kleine Andreas, der es nun mächtig mit der Angst zu tun bekam. »Bitte nicht! Lass ihn nicht herein!«
Aber Liesl blieb unerbittlich. »Du bist auch immer so frech zu mir!« sagte sie nur.
Als der maskierte Manfred das Zimmer betrat, sprang Andreas mit einem Aufschrei unter den Tisch.
»Komm nur vor!« befahl die große Schwester. »Du bist selber schuld daran!« Und mit Gewalt zerrte sie den kleinen Bruder unter dem Tisch hervor. Als sie aber sein schreckverzerrtes Gesicht sah, bekam sie doch Mitleid mit ihm. »Nun, diesmal soll dich der Schwarze Mann noch nicht mitnehmen«, sagte sie, »aber merk es dir für die Zukunft!«
Andreas konnte nicht einmal nicken, so gelähmt war er noch von dem ausgestandenen Schrecken. Auch als Manfred schon längst wieder in seiner eigenen Wohnung die Maskerade abgelegt hatte, sprach der kleine Andreas noch kein einziges Wort. Schließlich bekam es Liesl, die zu spät spürte, dass Bangemachen eine schlechte Erziehungsmethode ist, mit der Angst zu tun.
»Nun red’ doch schon etwas!« sagte sie.
Aber der kleine Bruder, dessen Fragen und Wünschen ihr immer zuviel gewesen war, bemühte sich umsonst, Worte hervorzubringen. Er hatte vor Schreck die Sprache verloren.

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Info 22.09.2017 - 15:26
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