Die Geschichte mit dem Mitternachtsseufzer

Jetzt erzählten sie es sich schon in den Nachbardörfern, dass es im Einödhof umging. Nun gut, solche Geschichten waren nicht neu in einer Gegend, in der so wenig passierte, dass man jeden Wanderburschen hoch willkommen hieß, weil er ein paar Neuigkeiten aus der großen Welt mitbrachte. Wenn aber keiner kam, oft ein ganzes Jahr kein einziger, dann mussten eben die alten Geschichten herhalten, auch alte Gruselgeschichten, wie sie schon vor hundert und mehr Jahren erzählt worden waren. Aber die Geschichte mit dem Mitternachtsseufzer hatte keine Tradition. Und die sie weitererzählten, brauchten auch nicht zu behaupten, dass der oder jener es ihnen berichtet hätte, sondern diesen Mitternachtsseufzer hatten sie selber gehört. Oftmals sogar. Und ganz deutlich. Der kleine Seppl schilderte es in der Schule. Er wusste es haargenau: »Das erste Mal war es vor zwei Wochen gewesen. Abends, an einem Dienstag. Ich hatte gerade Gute Nacht gesagt und wollte in meine Kammer hinauf. Wie ich mitten auf der Stiege war, ertönte plötzlich dieser wimmernde Seufzer. Ich war so erschrocken, dass ich nicht einmal geschrien habe. Aber in die Stube bin ich zurückgerannt, als sei der Teufel hinter mir her. Die anderen hatten alle nichts gehört, und meine Geschwister lachten mich aus, ich hätte Angst, und wenn einer furchtsam sei, höre er allerhand. Am nächsten Tag aber – ich schlief längst – war es Heinrich, mein großer Bruder, der das Wimmern vernahm. Er rief gleich meine Eltern herbei, aber auch diesmal blieb es bei dem einen Seufzer. Die folgenden Abende und Nächte hörten es dann nacheinander alle, manchmal mehrmals hintereinander. Unten, im Erdgeschoss, war es weniger deutlich zu vernehmen als in den Kammern oben. Ich zog deshalb mit meinem Bettzeug um, ins Fremdenzimmer unten. Wenn ich schlief, hörte ich nichts. Dafür aber meine Eltern! Die wurden nunmehr beinahe jede Nacht aufgeschreckt. Meine Mutter schlief schon gar nicht mehr richtig ein, weil sie jeden Augenblick auf das Wimmern wartete. Gestern geschah es dann zum ersten Mal, dass bei Tag, mitten unterm Essen, der Seufzer geisterhaft durchs Haus tönte. Wir hatten wegen der Hitze alle Türen aufstehen, und so hörten wir es in der Küche. Mir fiel der Löffel aus der Hand mitten in meinen Suppenteller hinein. Ein anderesmal hätte mir mein Vater dafür wahrscheinlich eine Ohrfeige gegeben, aber diesmal saß er genauso starr wie die anderen und lauschte nach oben.« »Und ihr seid nicht hinaufgegangen und habt gesucht, woher das Geräusch nun ganz genau gekommen ist?« forschte der Lehrer. Der kleine Seppl schüttelte den Kopf. »Ein Gespenst ist es halt!« meinte er. »Ich komme heute Nachmittag einmal bei euch vorbei!« sagte der Lehrer noch, und dann fuhr er mit dem Unterricht fort. Man musste fast annehmen, das Gespenst hätte auf den Lehrer gewartet, denn kaum war er am Nachmittag auf dem Hof erschienen, begann das Seufzen und Wimmern mit einer Lautstärke wie noch nie. Der Lehrer nahm sich nicht einmal die Zeit, die Bäuerin und den Bauern richtig zu begrüßen, sondern schlich, nachdem er den anderen bedeutet hatte, sich ruhig zu verhalten, so rasch er konnte die Treppe hinauf. Heinrich und sein Vater folgten nach einigem Zögern. Heinrich hielt noch die Mistgabel in der Hand. Der Lehrer lauschte. Dann öffnete er die Tür zum Speicher. Heinrich und sein Vater hielten ein bisschen Abstand, aber – sie kamen nach. Noch einmal klang der Seufzer auf, und in diesem Augenblick stieß der Lehrer einen kleinen, spinnwebenüberzogenen Bretterverschlag auf. Die drei Männer sahen gerade noch, wie Peter, der Kater, durch eine Fensterluke aufs Dach hinaus verschwand. In dem Verschlag aber baumelte eine alte Gitarre. Über deren Saiten hatte der musikalische Kater mit sichtlichem Behagen seine Krallen gezogen!

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Info 24.09.2017 - 03:21
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