Alexander in der Gespensterbahn

Alexander wühlte in der Tasche herum. Er musste doch noch – ah, hier steckte noch ein Fünfziger! Also konnte er sich die Fahrt mit der Gespensterbahn noch leisten. Alexander hatte den Besuch im Prater, dem Vergnügungspark von Wien, über den ganzen Nachmittag ausgedehnt. Er war mit dem Riesenrad gefahren und hatte aus der Höhe auf die Stadt geschaut; er hatte so viele Runden auf dem Kettenkarussell mitgemacht, dass es ihm schier schwindelig geworden war, und er hatte sich dreimal Eis für zwanzig geleistet. Alles in allem ein ziemlicher Aderlass für seine Urlaubskasse. Aber schließlich war er das erste Mal bei seinem Onkel in Wien, und schließlich war es der letzte Tag vor seiner Abreise. Alexander trat einen Schritt zurück. Genießerisch betrachtete er das buntbemalte Zelt der Gespensterbahn, wo man ein Gerippe tanzen und einen Zauberer seinen Kopf auf dem Zeigefinger balancieren sah. Sogar vom Zeltdach starrte eine weiße unförmige Spukgestalt herunter. Nun, das waren alles nur Attrappen. Aber drinnen im Zelt selber, da musste es toll zugehen. Alexander hatte während der letzten Viertelstunde schon oftmals Leute gellend aufschreien hören, und eine dicke Frau war nach der Fahrt herausgeschwankt und hatte »mein Herz!« gerufen; dabei waren ihr vor Lachen die Tränen gekommen. »Nur immer hereinspaziert!« sagte der Mann an der Kasse freundlich, als Alexander seinen Fünfziger hinschob. »Dort steht die Gespensterkutsche schon bereit! Dass du dich aber nicht aus dem Wagen lehnst! Sonst -« Er sprach nicht mehr weiter, denn der Wagen fuhr schon, wie von Geisterhänden geschoben, an, fuhr auf eine Pendeltür zu, die sich im letzten Augenblick öffnete, und dann war es stockdunkel um Alexander. Und nun ging es Schlag auf Schlag. Lichter flammten auf, rot, blau, grün, grell weiß. Der Wagen fuhr kreischend um scharfe Kurven. Plötzlich kam ihm unter einer knatternden Serie von Lichtblitzen ein anderer Wagen entgegen. »Zusammenstoß!« schrie Alexander auf. Aber da waren sie auch schon aneinander vorbei. Erst viel später dämmerte es Alexander, dass es sein eigenes Fahrzeug gewesen sein musste, das er im Spiegel gesehen hatte. Unerwartet hielt der Wagen jetzt an. Seitlich sprang eine schwarze Tür auf – und ein Gerippe hob grüßend die Hand. Alexander kam langsam ins Schwitzen. Und der Bär, der plötzlich überlebensgroß vor ihm stand, das Gespenst, das auf ihn zuschwebte, der kühle Wind, der ihn anblies, die bizarre Musik, die auf einmal einsetzte, all das ließ Alexanders Atem rascher gehen, bis er auf einmal – über ihm tat es einen furchtbaren Donnerschlag – mit seinem Fahrzeug wieder im Zelteingang stand. Hinter ihm schlug die Pendeltür zu. Der Mann an der Kasse lachte, weil Alexander noch so aufgeregt war, dass er beinahe den Ausgang nicht gefunden hätte. Aber mit Angst hatte das natürlich nichts zu tun; es kam lediglich daher, dass sich die Augen erst wieder an das helle Sonnenlicht gewöhnen mussten. Ja, genauso trug es sich zu. Ein paar Wochen später aber war Jahrmarkt in der Kleinstadt, in der Alexander wohnte. Und auf dem Rummelplatz – niemand hätte das für möglich gehalten – stellte auch eine Gespensterbahn ihr Zelt auf. Zum ersten Mal, denn nicht einmal Alexanders Großvater konnte sich erinnern, je einmal dergleichen auf der Festwiese gesehen zu haben. Alexanders Klassenkameraden redeten schier den ganzen Tag von nichts anderem mehr, als von den gruseligen Dingen, die sie mit der Gespensterbahn in Zusammenhang brachten. Und jeder behauptete, sich kein bisschen zu fürchten. Bis Alexander sein Ferienerlebnis zum besten gab. Da bekamen sie mit einem Mal alle Bedenken … Also, als ich in den kleinen Wagen eingestiegen war, ging zunächst alles ganz harmlos zu. Aber kaum war mein Fahrzeug ins Innere des Zeltes verschwunden, da krachte es plötzlich fürchterlich und ein richtiger Funkenregen prasselte auf mich nieder. Das pikte ganz schön auf der Haut, sage ich euch. Man hat noch Tage später die kleinen Brandflecken gesehen! Auf einmal kam ein Neger auf mich zu, der hatte ein riesiges Messer in der Hand, und wie er nur noch drei, vier Schritte von mir entfernt war, da wackelte er so stark mit dem Kopf, dass ihm der vom Hals und in die Hände fiel. »Da, fang auf!« rief der Neger. »Und wenn du ihn fallen lässt, muss dein eigener Kopf dran glauben!« Und er warf mir seinen Kopf zu. Ich habe ihn gerade noch auffangen können, denn er warf ihn ziemlich hoch und ich musste ganz schön springen. Aber auf den Boden kam ich nicht wieder so schnell, denn der war, während ich sprang, mitsamt meinem Fahrzeug weggezogen worden, sodass ich in einer Grube landete. Ich weiß nicht, wie tief sie war, aber ich schätze drei, vier Meter, denn die Matratzen, die mich auffingen, federten ganz schön. Na, bis jetzt hatte ich mich natürlich kein bisschen gefürchtet. Aber nun begann es richtig unheimlich zu werden. Wenn mich nämlich vorher noch von irgendwoher ein schwacher Lichtschein getroffen hatte, so war es jetzt in der Grube stockfinster. Und – was mir noch viel schlimmer vorkam – es ereignete sich nichts. Gar nichts. Langsam kamen mir Zweifel, ob dieser Sprung in die Grube überhaupt zum Programm gehörte. Vielleicht war nur ein technisches Versagen daran schuld? Und man würde überhaupt nicht merken, dass ich abhanden gekommen war? Nach einer Weile versuchte ich, aus der Grube herauszuklettern. Ich kam auch an den Seitenwänden ein Stück höher. Aber jetzt packte mich der Graus: Über der Grube befand sich nämlich plötzlich eine Decke. Ich war also ganz und gar eingeschlossen. Wie in einem Verlies! Vielleicht war ich Räubern in die Hände gefallen? Sklavenjägern, die mit jungen Burschen wie mit Arbeitselefanten handelten? Und die ganze Gespensterbahn nur als Schemgeschäft betrieben? Aber wie ich eben noch so darüber nachdachte, hörte ich plötzlich über mir jemanden »Pssst!« sagen. Ich schaute hoch, aber es war ja so dunkel, dass ich nichts erkennen konnte. Da hörte ich wieder: »Pssst!« Und nach einer Weile genauso leise: »Bist du der Neue?«
»Welcher Neue?« fragte ich zurück.
»Nun, der Ersatz für mich! Weil ich es mit meinen morschen Knochen doch nicht mehr schaffe!«
Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken, aber ich fragte doch weiter: »Was soll denn geschafft werden?« »Nun, die Leute als Gerippe erschrecken!« »A-a-aals Gerippepepe?« stotterte ich aufgeregt.
»Freilich«, sagte der über mir, »sonst geht das Geschäft doch nicht mehr. Aber jetzt ist es Zeit, dass du heraufkommst. Ich glaube, sie suchen schon nach mir. Hier, fass meine Hand an – ich ziehe dich herauf!« Ich langte mit der Hand hoch, denn ich dachte mir: Hauptsache ist jetzt nur, dass du aus dieser Grube kommst! Der Kerl, der da von Gerippe und morschen Knochen redet, will dir nur Angst einjagen. Ich tastete also in der Dunkelheit nach der Hand, die er mir entgegenstrecken wollte, und fasste sie auch plötzlich. Aber ich ließ sie ebenso plötzlich mit einem Aufschrei wieder los.
Ich hatte nämlich – ganz deutlich war es zu fühlen – eine Knochenhand zwischen die Finger bekommen. Als ich schrie, ging ein Licht an, und der Neger von vorhin stand vor mir. Er trug seinen Kopf wieder ganz normal und meinte freundlich: »Erschrocken?«
»Mächtig«, sagte ich.
»Na, dann brauchen wir dir ja den Eintrittspreis nicht zurückzubezahlen«, lachte der Neger, und ich sah jetzt, dass der Mann nur schwarz angemalt war. Und immer noch lachend zeigte er mir den Ausgang.

Forum (Kommentare)

Info 22.09.2017 - 15:26
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.