Wolkenkratzer: Als der Strom ausfiel

Sie hießen Pitt, Patt und – nein nicht Putt, sondern Nepomuk, und sie wohnten in einem Wolkenkratzer-Hotel in der 119. Etage. Wer denkt, das sei ungemütlich, hat noch nicht in einem Wolkenkratzer gewohnt. Kein Nachbar kann einem dort Bananenschalen zum Fenster hereinwerfen, und selbst an schwülen Tagen geht ein erfrischendes Lüftchen. Ungemütlich wird es nur, wenn, ja wenn das geschieht, was an jenem 27. August Pitt, Patt und Nepomuk geschah. Der Aufzug versagte! An jenem 27. August versagte er, weil der Strom ausfiel, wie der Pförtner erklärte. Für drei volle Stunden, hieß es. Und Pitt, Patt und Nepomuk mussten unbedingt in ihr Zimmer! Nein, sie mussten nicht gerade Hausaufgaben machen; dafür waren sie schon zu alt, und überdies wäre die Sache mit dem Aufzug am nächsten Morgen in der Schule eine wunderschöne Entschuldigung gewesen! Nein, es war anders: Pitt, Patt und Nepomuk wollten am Abend ausgehen und sich noch fein machen. Rasieren und die Zähne putzen und den grauen Werktagsanzug mit einem dunklen Feiertagsanzug vertauschen. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als die Treppe zu benutzen. Nun kann man es sich ja ausrechnen, wie viele Stufen das wohl insgesamt waren, weil sie ja im 119. Stockwerk wohnten. Nach dem fünften Stockwerk schwitzten sie bereits und legten eine kurze Rast ein. »Wenn wir aber alle fünf Stockwerke einmal rasten, kommen wir vor Mitternacht nicht hinauf, geschweige denn wieder herunter!« stellte Patt ermattet fest. »Ich hätte eine Idee«, ließ sich da Pitt vernehmen, der in Rechnen früher immer eine Eins geschrieben hatte. »Wir haben jetzt noch genau 114 Stockwerke zu ersteigen. Machen wir es doch so, dass jeder eine Geschichte erzählen muss; er hat dazu 38 Stockwerke lang Muße, und ihm und uns vergeht dabei nicht nur die Zeit viel schneller, sondern wir vergessen vor lauter Aufmerksamkeit auch, wie müde wir werden, und brauchen nur noch nach jedem 38. Stockwerk, wenn nämlich wieder eine Geschichte fertigerzählt ist, eine Pause einzulegen.«
»Bei dieser Hitze Geschichten erzählen?« zweifelte Patt.
Und in diesem Augenblick bekam Nepomuk einen großartigen Einfall.
»Nicht irgendeine«, sagte er, »das würde freilich zu anstrengend sein. Aber eine Gespenstergeschichte! Die kann man auch bei 35 Grad im Schatten erzählen!«
Sein Vorschlag wurde angenommen, und Patt begann … In London existiert ein Buch-Verlag, der jedes Jahr ein Dutzend neuer Titel auf den Markt bringt. Das ist noch nichts Besonderes, denn andere Verlage tun das gleiche. Aber nun ereignete sich im vorigen Jahr etwas Seltsames. Aus einer großen Bücherei wurde ihm gemeldet, dass alle zwölf Bücher, die während des Jahres erschienen waren, den Mäusen zum Opfer gefallen seien. »Sollen halt besser aufpassen!« brummte der Verlagsleiter und schickte die bestellten Ersatz-Bände. Aber am nächsten Tag kamen Schreiben von zwei weiteren Büchereien, am übernächsten von drei Kunden, eine Woche darauf von verschiedenen Buchhandlungen, und immer war der Inhalt kurz der: Sämtliche Neuerscheinungen des Verlages waren von den Mäusen angenagt worden – und dabei hatten die Bücher keineswegs beisammengestanden!
Die Mäuse in aller Welt schienen es also ausgerechnet auf die Bücher dieses einen Verlages abgesehen zu haben! Man lachte in London und machte Witze über diesen Verlag, dessen Bücher sich gerade gut genug als Mäusefutter erwiesen! Die Autoren begannen sich zu schämen, der Verlag wurde nervös, denn niemand wollte mehr die Bücher kaufen, über die nicht nur die Buchkritiker, sondern sogar die Mäuse herfielen. Wie sollte man es sich erklären? Was waren das für Mäuse, die unter Tausenden von Büchern überall jene zwölf herausfanden und anknabberten? Das ging doch nicht mehr mit rechten Dingen zu? Ein Detektiv kam dem unheimlichen Spuk schließlich auf die Spur. Es war lediglich das Ziegenleder gewesen, das der Verlag zum Einband seiner Bücher verwendet hatte – das hatte die Mäuse gelockt. Die Autoren hatten ihre Ehrenrettung, und auch der Verlag atmete auf. Allerdings musste er alle Bücher, die noch auf Lager waren, neu aufbinden lassen, ehe er sie in die Welt verschickte. Patt hatte seine Geschichte viel ausführlicher erzählt, als sie hier wiedergegeben wurde. Auch hatte er immer wieder eine größere Pause eingelegt, teils, um sich auf die einmal gelesenen Zusammenhänge zu besinnen, teils auch, um die Spannung zu erhöhen. Als die Geschichte zu Ende war, näherte man sich jedenfalls dem 43. Stockwerk. Von da ab ging Pitt in der Mitte, denn nun war er mit dem Erzählen an der Reihe … Über eine einsame Straße fuhr ein Auto. Es war Nacht, und die beiden Scheinwerfer bohrten sich weit in die Dunkelheit hinein. Plötzlich trafen sie auf ein Haus. Erst waren nur die schattenhaften Umrisse zu erkennen, dann Einzelheiten. »Stop!« schrie plötzlich der Beifahrer, ein Mann in Polizeiuniform, und er wies erregt auf ein Fenster im ersten Stock. Im Licht des Zusatzscheinwerfers, den sie nach dem Anhalten hastig auf das Fenster richteten, sahen sie es in grausiger Deutlichkeit: Am Fensterkreuz – hing – eine Frau. Mord oder Selbstmord? Es war keine Zeit zu verlieren. Die beiden Beamten rannten aus dem Wagen, klopften an die Haustür, und als nicht gleich jemand öffnete, stießen sie die Tür mit Gewalt auf, rannten die Treppe hinauf, in das Zimmer hinein und – standen betroffen vor dem Fenster, an dem ein frischgewaschenes und mit Papier ausgestopftes, zum Trocknen aufgehängtes Kleid baumelte. Pitt hatte seine Geschichte so nach allen Seiten hin ausgesponnen, dass man zum gleichen Zeitpunkt, da die Polizeibeamten der Erzählung im ersten Stock angekommen waren, selber die 81. Etage erreicht hatte. Die Ruhepause fiel diesmal ziemlich lange aus, denn die drei Wolkenkratzer-Wanderer waren schon recht abgekämpft. Aber immerhin hatten sie bereits 81 Stockwerke geschafft, und für die letzte Etappe würde die Gruselgeschichte von Nepomuk schon den nötigen Schwung vermitteln! »Also, Nepomuk, fang an!« sagten Pitt und Patt gleichzeitig und standen auf. Sie nahmen den Freund in die Mitte, und Nepomuk begann. Er begann recht sonderbar, wie Pitt und Patt sogleich feststellten.
»Liebe Freunde, meine Geschichte ist so gruselig, dass ich mich fast nicht traue, sie euch zu erzählen.«
»Nur nicht kneifen!« lachte Patt. »Du bist an der Reihe!«
Und Pitt meinte: »Erzähle ruhig! Wir haben schon noch gute Nerven!«
»Also gut«, seufzte Nepomuk, »wenn ihr es nicht anders haben wollt!
Allerdings ist meine Gruselgeschichte nicht sehr lang. Eigentlich besteht sie nur aus einem einzigen Satz.«
»Also dann zunächst einmal diesen einen Satz«, erklärten sich Patt und Pitt einverstanden.
»Dieser Satz heißt«, sagte Nepomuk, und seine Stimme vibrierte vor verhaltener Spannung: »Freunde, ich habe den Schlüssel zu unserem Zimmer beim Portier unten liegengelassen!«