Das kleine Gespenst

Das kleine Gespenst saß auf dem Eisengitter, das den Friedhof umgab. Das kleine Gespenst weinte. Die Tränen waren groß, und wo sie hinfielen, entstand eine Wasserlache. Bei jedem neuen Tränentropfen, der in die schwarze Lache fiel, gab es einen leisen Knall. Bei Gespenstertränen ist das so. Die Tränen von Gespenstern sind übrigens schwarz; daher die Farbe der Wasserlache! Dass man kaum welche zu Gesicht bekommt, rührt daher, dass Gespenster verhältnismäßig selten weinen. Eigentlich weinen nur die kleinen. Unser kleines Gespenst war erst einhundertfünfzig Jahre alt. Bei Gespenstern ist das kein Alter! Das älteste Gespenst, das unserem kleinen je begegnet war, behauptete, über zweitausend Jahre alt zu sein. Seinen genauen Geburtstag konnte es nicht angeben; denn sein Gedächtnis ließ seit einigen Jahrhunderten ziemlich nach. Dieses alte Gespenst war übrigens auch schuld daran, dass das kleine Gespenst am helllichten Tag auf dem Eisengitter des Friedhofs saß und weinte. Am helllichten Tag hätte es dort überhaupt nichts zu suchen gehabt; das kleine Gespenst hatte das oft genug in der Schule gesagt bekommen. Aber es mochte einfach nicht mehr in den alten Turm zu den anderen zurück. Weil es dauernd geschimpft wurde! Weil es niemandem etwas recht machen konnte. Weil da überhaupt kein anderes Gespenst war, welches das kleine Gespenst verstanden hätte! Angefangen hatte es, als das alte Gespenst so stark Gliederreißen bekam, dass es sich nicht mehr auf den Schlossturm traute. Ein paar Wochen hindurch war das Schloss also ohne Spuk gewesen, denn die übrigen Gespenster, die noch im Turm wohnten, hatten ihren Dienst schon an anderen Stellen zu verrichten. An der großen Straßengabelung im Wald zum Beispiel. Oder unten an der Brücke, wo früher einmal die Raubritter den Kaufleuten aufgelauert hatten. Oder bei den Birken draußen, wo das große Moor beginnt. Wen hätte man also für das Schloss einteilen sollen? Ein paar Wochen blieb das Schloss mithin ohne Gespenst. Aber da begannen die Fremden, die eigens des Gespenstes wegen das Schloss aufsuchten, unzufrieden zu werden. Sie hielten dem Bürgermeister, der gleichzeitig der Vorsitzende des Fremdenvereins war, den Prospekt ihres Reisebüros unter die Nase, deuteten auf eine ganz bestimmte Stelle und sagten: »Na, wo ist denn nun euer Gespenst, von dem ihr hier so großspurig schreibt? Das habt ihr wohl nur so zusammenfantasiert, um uns herzulocken! Denn sonst habt ihr ja gewiss keine Sehenswürdigkeiten zu bieten! Oder ist es vielleicht so, dass eure Angst das Gespenst erfunden hat? Ja, so wird es wohl sein! Ihr fürchtet euch, nachts über die Straße zu laufen, und deshalb habt ihr die Geschichte mit dem Schlossgespenst erfunden!« Genau so sagten die fremden Besucher, und der Bürgermeister konnte nur immer wieder versichern, dass wirklich bis vor Kurzem ein Gespenst das Schloss bewohnt habe, und er selber sei höchst betroffen, dass es sich seit einigen Wochen nicht mehr zeige. Einmal saßen ein paar Fremde über die Polizeistunde hinaus im Wirtshaus beisammen und redeten wieder über das Gespenst, das gar nicht existiere, als das Moorgespenst des Weges kam. Neugierig wie Gespenster bisweilen sind, trat es unter das beleuchtete Fenster und hörte dem Gespräch eine Weile zu. Na, und so erfuhr das zweitausend Jahre alte Gespenst die ganze Sache. Ach, es tobte trotz seines Rheumatismus. »So geht das nicht weiter!« ächzte es. »Wir brauchen Ersatz! Warum schicken wir denn nicht unser kleines Gespenst? Schließlich sitzt das schon eineinhalb Jahrhunderte an unserem Tisch! Jetzt soll es auch einmal den Ernst des Gespensterlebens verkosten und arbeiten!« Durch Sippenbeschluss wurde das kleine Gespenst von heute auf morgen für das ganze Schloss verantwortlich. Es gab sich auch die beste Mühe – aber es schien ihm alles danebenzugehen. Schon in der ersten Nacht. Es rannte, mit der alten rostigen Kette beladen, die der Burgschmied vor sechshundertzwanzig Jahren angefertigt hatte, über den Schlosshof, da sah es Licht hinter einem Fenster im Erdgeschoss. Neugierig schaute das kleine Gespenst in die Stube und erkannte, dass sich drinnen die Frau des Schlossverwalters um ihr Kind bemühte, das seine ersten Zähne bekam und deshalb fürchterlich schrie. Das kleine Gespenst verspürte Mitleid und überlegte sich, wie es helfen könnte. Aber so sehr es auch nachdachte, es fiel ihm nichts ein. Mittlerweile schien sich der Knirps im Zimmer beruhigt zu haben und – plötzlich war er eingeschlafen. Das kleine Gespenst lächelte zufrieden und wollte weitergehen, als ihm plötzlich seine Kette einfiel. Ach, wie würde die klirren, wenn es nun die Treppe hinaufschlurfte! Der kleine Junge im Zimmer würde gewiss wieder aufwachen und seine Zahnschmerzen von Neuem spüren! Und dann müsste wieder die Mutter kommen und – nein, das durfte nicht sein. Das kleine Gespenst schüttelte den Kopf und dachte wieder nach. Und diesmal kam ihm ein Einfall. Es ließ die Kette im Hof liegen, schwebte schnell in den hintersten Schuppen, holte sich einen Eimer Wagenschmiere und begann, die alte rostige Kette dick einzufetten. Als es eine Weile darauf die Treppe hinaufschwebte, zog es die Kette wie eine stumme Schlange hinter sich her, so geräuschlos glitten die einzelnen Glieder über die Stufen. Nach Mitternacht wurde die Kette allerdings von einem anderen Gespenst benötigt, das an der Brücke zu spuken hatte. Und da kam es heraus, was das kleine Gespenst getan hatte. »Wie kannst du nur unsere einzige Kette kaputtmachen!« schrie das alte Gespenst erbost. »Jahre werden wir brauchen, bis die Kette wieder ordentlich verrostet ist! Du bist wirklich ein Gespenst, das zu nichts taugt!« Am nächsten Abend wollte das kleine Gespenst es besser machen. Es zog seine Kette die Treppe hinauf, dass sie bald links, bald rechts an das Gemäuer schleuderte. Aber der kleine Junge im Zimmer hatte keine Zahnschmerzen mehr, und seine Eltern schliefen ebenfalls ungestört weiter, denn sie waren den Lärm der Kette schon seit vielen Jahren gewöhnt. Als das kleine Gespenst in dieser Nacht im Turm ankam, um die Fensterläden auf- und zuzustoßen, weil das so ein schaurig-schönes Geräusch gab, entdeckte es plötzlich eine ganz kleine Eule. Die saß ganz allein unter einem Balken; die Euleneltern waren auf Futtersuche geflogen. Das kleine Gespenst kauerte sich dem Eulenkind gegenüber auf die staubigen Speicherbretter und schaute es aufmerksam an. Dabei entdeckte es, wie das Eulenkind fror. Es zitterte, so fror es im kühlen Nachtwind, der zu den offenen Fenstern hereinwehte. Da schlich das kleine Gespenst voll Mitleid an die Fenster und machte alle Läden zu. Das Eulenkind legte den Kopf schief auf die Schulter und zitterte kein bisschen mehr. Ja, aber die Euleneltern konnten nun nicht mehr in den Turm zurückfliegen! Sie mussten sich schließlich durch eine Dachluke, wo der Sturm ein paar Schieferplatten weggerissen hatte, hindurchzwängen und beschwerten sich deshalb bei dem alten Gespenst. So kam es also wieder heraus, was der kleine Spukgeist aus Mitleid angestellt hatte. »Ein Gespenst mit Mitleid taugt nichts!« schrie das Gespenst, das schon über zweitausend Jahre alt war und das starke Gliederreißen hatte. »Ich möchte nur wissen, wem du das abgeschaut hast! Mitleid! So eine Untugend für ein rechtschaffenes Gespenst!« Das kleine Gespenst schluckte schwer und beschloss, sich künftig wirklich wie ein ordentliches Gespenst zu betragen. Der nächste Tag war der dreizehnte im Monat! Laut Gespenster-Terminkalender musste an diesem Tag der Blutfleck in der Bibliothek des Schlosses erneuert werden. Nun konnte das kleine Gespenst alles – nur kein Blut sehen. Und das legte seinem Eifer ziemlich die Zügel an. Aber nach einigem Nachdenken entdeckte es einen Ausweg. Flugs rutschte es an der Dachrinne in den Schlosshof, hüpfte in den hintersten Schuppen, wo es neulich neben der Wagenschmiere rotes Bohnerwachs entdeckt hatte, und schleppte den ganzen schweren Kübel hinauf in die Bibliothek. Und dann strich es dort, wo der Blutfleck im Parkett unter den vielen Schuhen der Besucher schon ziemlich verblasst war, eine kleine Fläche mit rotem Bohnerwachs ein. »Das sieht genauso gut aus wie echtes Blut«, nickte das kleine Gespenst sich selber zu (Gespenster können das) und vergrößerte die Fläche noch ein wenig. Dann trat es ein paar Schritte zurück und betrachtete kritisch das Werk aus dem Blickwinkel der Schlossbesucher. »Die Ränder sind noch zu glattgezogen«, stellte das kleine Gespenst fest und brachte noch etwas rotes Bohnerwachs an den Rändern an. Dadurch wurde die eingewachste Fläche ein Stück größer. Wieder erhob sich das kleine Gespenst, und wieder hatte es etwas an seinem Werk auszusetzen und – wie hätte es anders sein können – wieder vergrößerte sich die eingewachste Fläche des Parketts um ein gutes Stück. Als es schließlich ein Uhr schlug, war der Wachskübel halb leer und der ganze Fußboden in der Bibliothek säuberlich eingewachst. So gleichmäßig übrigens, dass man nicht einmal mehr erkennen konnte, wo früher der berüchtigte Blutfleck gewesen war. Jetzt wurde es dem kleinen Gespenst doch ein wenig sonderbar zumute. »Wenn das nur gut geht«, seufzte es und wollte mit dem halbleeren Wachskübel aus der Bibliothek verschwinden. Aber unter der Tür stand das alte, das zweitausendjährige Gespenst, jenes mit dem Gliederreißen. Es hatte sich mühsam die Treppen herauf geschleppt, um das kleine Gespenst zu kontrollieren. Als es nun sehen musste, dass der Blutfleck, der vierhundert Jahre ununterbrochen in der Bibliothek gezeigt worden war, spurlos durch das rote Wachs ausgelöscht war, bekam es einen Wutanfall. »Hinweg mit dir!« schrie es das verschüchterte kleine Gespenst an. »Aus dir wird in zehntausend Jahren kein richtiges Gespenst werden! Schau, dass du weiterkommst oder -«. Es wusste nicht, welche Drohung es ausstoßen sollte, und knirschte darum mit den Kieferknochen; Zähne hatte es bei seinem Alter nämlich keine mehr. Da rannte das kleine Gespenst wie um sein Leben. Es rannte zum offenen Kamin, schwebte schnell den Schornstein hinauf, traf dort das Eulenkind, das inzwischen so groß geworden war, dass ihm der Nachtwind nicht mehr schadete, und ließ sich von ihm zum Dorf tragen. Und dann saß es also auf dem Eisengitter, das den Friedhof umgab, und weinte. Und seine Tränen waren groß. Wo sie hinfielen, entstand eine Wasserlache. Bei jedem neuen Tränentropfen, der in die schwarze Lache fiel, gab es einen leisen Knall. Bei Gespenstertränen ist das so. Aber je größer und dunkler die Lache wurde, desto winziger und heller wurde das kleine Gespenst. Und auf einmal war es überhaupt nicht mehr da. Dafür saß jetzt eine Nachtigall auf dem Gitter und sang. Sie sang sehr schön und so laut, dass der Schlossverwalter oben auf dem Schloss überm Dorf es noch hörte. Er machte das Fenster ganz weit auf, und seine Frau trug das Büblein, das wieder einmal wegen der Zahnschmerzen nicht einschlafen konnte, ans Fenster und sagte: »Horch, eine Nachtigall!« Und das Bübchen lauschte, ohne noch einmal zu weinen, so lange, bis es auf den Armen seiner Mutter eingeschlafen war.