Der gespenstischste Augenblick meines Lebens

Ich flog damals, als mir die unheimliche Sache passierte, als Stewardess die Strecke London-New York. Wir hatten noch etwa vier Stunden Flugzeit, als mir der Reisende auf dem letzten Passagiersitz so sonderbar vorkam. Er saß da, hatte die Augen zwar offen, lehnte aber ganz steif gegen die Kabinenwand und bewegte sich nicht.
Ich sah ihn, während ich die anderen Passagiere bei ihrem kurzen Imbiss zu Ende bediente, immer wieder verstohlen an, und schließlich wurde es mir zur Gewissheit, dass er einem Herzschlag erlegen sein musste. Er hatte schon beim Einsteigen eine Bemerkung gemacht, aus der ich nachträglich herauszuhören glaubte, dass ihm das Herz Schwierigkeiten machte.
Als gerade niemand mehr nach mir verlangte, setzte ich mich neben ihn. Ich griff nach seiner Hand und fühlte den Puls. Kein Zweifel – ich saß neben einem Toten.
Wer wie ich so viel Zeit zwischen Himmel und Erde verbrachte, musste sich mit dem Tod vertraut gemacht haben. Die Luft hat nun einmal keine Balken, und der ausgeklügeltste technische Wunderapparat kann einmal versagen. Ich fürchtete mich auch keineswegs vor diesem Toten im Passagierraum, aber ich hatte ein wenig Angst vor der Reaktion der anderen Fluggäste. »Alles, nur keine Panik aufkommen lassen!« hatte man uns im Unterricht immer wieder eingeprägt.
So blieb mir nichts anderes übrig, als mich immer wieder einmal neben den Toten – dieser Platz war nicht belegt worden – zu setzen, ja ich redete sogar halblaut auf ihn ein, sodass es den Reisenden in der Reihe vorher, wenn sie aufmerksam wurden, vorkommen musste, als wären wir alte Flugbekannte, die Erinnerungen aufwärmten.
Dem Piloten sagte ich zwischendurch Bescheid, und der Funker veranlasste, dass man im Zielflughafen wusste, dass wir einen Toten an Bord hatten. Von den Passagieren ahnte keiner etwas. Selbst beim Aussteigen bat ich den Toten, doch Platz zu behalten, bis die anderen ausgestiegen wären, und ich blieb ganz gegen die Vorschrift neben ihm stehen.
Noch einmal: Gefürchtet habe ich mich bestimmt nicht, wovor auch! Aber unheimlich waren diese Stunden doch, vor allem, weil ich immer wieder laut mit dem Mann plaudern musste, der doch in Wirklichkeit tot war. Für mich war der gespenstischste Augenblick meines Lebens damals, als ich mit einem Freund an einem Wochenende nur eben mal kurz zu einem Ballonflug über unserer Stadt gestartet war und wir in tausend Meter Höhe plötzlich von einem so dichten Hochnebel umgeben wurden, dass wir die Orientierung verloren. Zunächst ließen wir uns treiben. Aber nachdem wir es volle sieben Stunden ausgehalten hatten, beschlossen wir, tiefer zu gehen. Als wir Land erkannten, ließen wir langsam Gas ab. Wir kamen gut auf und das übrige war nicht mehr sonderlich aufregend. Wir waren von einem starken Höhenwind über die Alpen abgetrieben worden. Aber wie gesagt, das war nicht mehr das Unheimliche, sondern unheimlich waren die ersten Sekunden, als wir erkannten, dass wir dem Wetter ganz und gar ausgeliefert waren. Auch in meinem Leben gibt es eine Szene, die etwas so Unheimliches an sich hatte, dass ich sie nicht mehr vergessen kann. Ich hatte mich damals noch nicht lange in einem Landstädtchen als Ärztin niedergelassen, als ich zu einem Verunglückten gerufen wurde. Der Mann hatte in seinem Neubau an der elektrischen Leitung hantiert und dabei einen Schlag bekommen, der ihn ohnmächtig zusammenbrechen ließ. Eile tat not.
Ich stürzte also aus dem Wagen, in den Vorgarten hinein, wo der Verunglückte lag. Die Staffelei, auf der er gestanden hatte, lehnte noch an der Lampe am Eingang.
Ich war schon bis auf wenige Meter herangekommen, da richtete sich der Hund des Verunglückten, eine riesige Bulldogge, plötzlich auf und knurrte bösartig zu mir her. Ich fühlte, das Tier würde mir an die Kehle springen, wenn ich noch einen einzigen Schritt wagte.
Ein Nachbar kam. Noch andere Leute kamen. Aber die Bulldogge ließ keinen an den bewusstlosen Mann heran. Sie verteidigte ihren Herrn gegen jeden.
So etwas war mir in meiner Praxis wirklich noch nicht vorgekommen. Dazustehen und zusehen zu müssen, wie die Chancen für den Verunglückten von Minute zu Minute geringer wurden, war furchtbar.
Schließlich sah man keinen anderen Ausweg mehr, als den treuen Hund zu erschießen. Ein Polizist übernahm die undankbare Aufgabe. Und es war die höchste Zeit! Hätten wir nur noch eine Viertelstunde gewartet, wäre dem Mann nicht mehr zu helfen gewesen. Wenn ihr nach meinem »Gespensteraugenblick« fragt, so steht der für mich fest auf meinem Kalender. Es war vor drei Jahren. Ich wollte auf meiner Farm die Kühe melken. Einhundertundzehn gute Milchkühe hatte ich damals. Personal war auch bei uns schon rar, und so hatte ich mir eine elektrische Melkanlage angeschafft. Ziemlich teuer, das Ding, aber an sich eine gute Sache!
Ich hatte die ersten vierundzwanzig Kühe angeschlossen und bediente den Schalter – da stürzten sämtliche Tiere zu Boden. Dreizehn waren sofort tot, die übrigen elf mussten notgeschlachtet werden.
Wie eine Untersuchung ergab, war der Motor defekt gewesen und hatte einen Kurzschluss verursacht. Nun, auch diesen Verlust – die Summe ging über sechzehntausend Mark hinaus – habe ich inzwischen verkraftet, aber das Bild, dieses unheimliche Bild der niederstürzenden Tiere überfällt mich auch heute noch manchmal im Traum. Ich bin noch jung, und mein Freund, der neben mir sitzt, ist nicht älter. Dennoch haben auch wir recht gespenstische Augenblicke erlebt, und sogar die nämlichen, denn wir waren auch damals beisammen in dem Höhlenlabyrinth des Yorkshiremoores.
Wir waren zu sechst, und unsere kleine Expedition wäre glücklich verlaufen, hätten uns nicht plötzlich Felsstürze und Hochwasser von der Außenwelt abgeschnitten. Unsere Uhren und unsere Ersatzbatterien hatten wir verloren; mit dem Licht unserer Grubenhelme mussten wir sparsam umgehen. Das Wasser ging uns bis an die Knie.
Schließlich trennten wir beide uns von den anderen, um einen Ausgang zu suchen und Rettungsmannschaften zu alarmieren. Aber die waren schon längst am Werk. Mehr als zweihundert Höhlenexperten, Rettungsmannschaften und Froschmänner, so erfuhren wir später, kämpften verbissen um unser Leben. Sie holten uns auch rechtzeitig heraus. Aber jenes Bild, wo wir beisammenstanden: über uns Felsen und unter uns Wasser und ringsum stockdunkle Nacht, die unsere Lampen nur auf wenige Meter erhellten – dieses gespenstische Bild werden wir unser Leben lang nicht vergessen. Der gespenstischste Augenblick in meinem Leben? Ich brauche nicht lange zu überlegen, denn er hätte mich schier das Leben gekostet, und er ist schuld daran, dass ich vor Jahren meinen Beruf gewechselt habe. Ich musste ihn wechseln, aber Sie werden gleich erfahren warum.
Damals war ich als Artistin bei einem Zirkus verpflichtet. Mein Künstlername stand auf jedem Plakat. Man spricht nicht gerne von seiner eigenen Leistung, aber ich darf wirklich sagen, dass ich eine gute Artistin war. Ich hatte von klein auf geübt, und ich hatte mich dem Drahtseil ganz verschworen.
An jenem Abend stand ich wieder im Scheinwerferlicht. Das Drahtseil war in fünf, sechs Meter Höhe gespannt. Ich hatte gerade eine schwierige Figur mit voller Wendung hinter mich gebracht und konzentrierte mich auf den nächsten Schritt – da wurde es um mich plötzlich Nacht. Stockfinstere Nacht.
Ich glaube, mein Herz setzte einen Schlag lang aus. Wenn man aus dem grellen Licht der Scheinwerfer plötzlich ins Dunkel geworfen wird, sieht man auch nicht mehr den leisesten Schatten. Kein Glitzern des Seiles. Nichts. Und ich war schon mitten in der Bewegung eines neuen Schrittes gewesen.
So kam es, dass ich danebentrat. Ins Leere. Ich stürzte in die Arena.
Die beiden Clowns waren die ersten, wie ich später erfuhr, die sich um mich kümmerten, als das Licht wenige Sekunden später wieder anging.
Ich selber hatte das Bewusstsein verloren. Ich lag ziemlich lange im Krankenhaus, bis alle Brüche und Quetschungen wieder verheilt waren.
Meinen Beruf habe ich aufgeben müssen, obwohl mein Herz – Sie lächeln jetzt vielleicht – am Drahtseil hing. Aber wenn es einmal nicht gehen will und mir alles so schwer fällt, denke ich an jenen gespenstischen Augenblick plötzlicher Dunkelheit – ja, und dann geht alles wieder viel leichter. Der gespenstischste Augenblick, den ich je erlebt habe, war mir vor Jahren am Mihara beschieden. Ein wolkenloser herrlicher Sommerhimmel dehnte sich über der Insel, und mehr als tausend Ausflügler befanden sich auf dem Gipfel und an den Hängen des Vulkans, der zu den beliebtesten Ausflugsorten Japans zählt.
Plötzlich hörte man ein fernes Dröhnen, das deutlich anschwoll. Es klang etwa so, als würde die Luft immer mehr mit wildjagenden Düsenflugzeugen erfüllt. Plötzliche Erdstöße, stärker und stärker – und jetzt schoss ein Pilz aus Staub, Steinen und Rauch gegen den Himmel, und glühende Lava quoll über den Kraterrand.
Ich weiß nicht, ob die Leute in meiner Nähe geschrien haben; ich weiß es nicht einmal von mir selber. Ich sehe nur immer noch vor mir dieses unheimliche Bild: Alles schien leblos erstarrt zu sein, nur die Unheilssäule wuchs noch immer bedrohlich in den Himmel hinein, tausend Meter hoch, schrieben die Zeitungen am nächsten Tag.
Aber jetzt kam plötzlich Bewegung in die Menschen, und sie rasten talwärts, im Rücken den glühenden Strom der Lava, der unaufhörlich über den Kraterrand quoll. Ich hatte die Kinder an der Hand, von denen immer wieder eines im Lauf zu stürzen drohte. Als uns der Atem ausging, hielten wir ein wenig an. Wir waren erst beim Aufstieg gewesen und daher rasch aus dem Gefahrenbereich gekommen. Aber all die anderen über uns …
Da hörten wir erneut ganz in der Nähe Dröhnen und Dröhnen. Aber diesmal war es nicht der gespenstische Lärm der Vernichtung, sondern das willkommene Signal der Rettung: Hubschrauber auf Hubschrauber flog an die Hänge heran. Die Maschinen waren von den Flugplätzen in Tokio gestartet und zur Insel Oshima herübergeflogen, um die Abgesprengten, Eingeschlossenen zu bergen.
Es gab, wie man später erfuhr, eine ganze Reihe Verletzter, aber wer selber dabei war, hätte niemals gedacht, dass der unerwartete Vulkanausbruch nicht größere Opfer forderte. Das gespenstische Bild werde ich jedenfalls mein ganzes Leben lang nicht vergessen, und ich sehe den Berg in meiner Erinnerung immer wie durch einen schwefelgelben Schleier. Jene Stunde, die zu den gespenstischsten meines Leben gehört, kehrt selbst in meinen Träumen noch manches Mal wieder. Ich hatte auf meiner Pflanzenexpedition eine noch unbekannte Sumpfblume entdeckt, von der ich noch einige Exemplare ausgraben wollte. Sie kam nur vereinzelt vor, und ich musste einen langen Tag mühsam suchen. Aber in meiner inneren Erregung gab ich gar nicht auf die Zeit acht. Erst als ich merkte, dass ich nicht mehr die Richtung wusste, erst als ich auf meiner verzweifelten Suche immer tiefer ins uferlose Gelände geriet und schließlich überhaupt keinen festen Boden mehr unter den Füßen spürte, sah ich meine Unvorsichtigkeit ein. Aber nun war es zu spät.
Schließlich kamen meine eingeborenen Begleiter, die mich suchten, mit Booten und holten mich heraus. Aber die Angst zuvor! Die wünsche ich keinem. Ich glaube, ich habe damals sämtliche Moorgespenster kennengelernt, von denen unsere Dichter erzählen.
Wenn ich behaupte, dass ich den gespenstischsten Augenblick meines Lebens in einem Vergnügungspark erlebte, dann wird jeder denken, mir sei die Geisterbahn nicht gut bekommen. Aber mit der war ich gar nicht gefahren! Ich hatte mich vielmehr auf das Riesenrad gefreut, vor allem wegen der schönen Aussicht. Aber ehe ich sie noch hätte genießen können, trat etwas Unheimliches ein. Das Riesenrad neigte sich plötzlich zur Seite. Es blieb sofort stehen, aber die Neigung war so groß, dass man jeden Augenblick den Einsturz befürchten musste.
Mit Tatütata war die Feuerwehr schon wenige Minuten später zur Stelle und stützte das Rad ab. Aber bis alle Fahrgäste aus den Gondeln befreit waren, verging doch noch eine mit Angst gefüllte Stunde. In meinem Leben gibt es mehrere Augenblicke, die gespenstisch genannt werden müssten. An der Spitze aber, meine ich, liegt jene Episode, wo wir im Krieg das deutsche Unterseeboot U-505, das jetzt im Chicagoer Industrie-Museum gezeigt wird, enterten. Die Besatzung hatte das Boot bereits verlassen, und unsere Aufgabe bestand darin, U-505 vor dem Sinken zu bewahren. Es wurde ein dramatischer Wettlauf mit der Zeit. Wir wussten, dass in deutschen Unterseebooten Zerstörungsladungen mit Zeitzünder eingebaut waren, damit kein Boot in Feindeshand fallen könne.
Vierzehn Anlagen, gut versteckt, so hatte es unsere Spionage herausgebracht. Dreizehn Zeitbomben fanden wir schließlich, aber von der Vierzehnten nicht die Spur. Freunde, das waren kribbelige Minuten! Aber es passierte nichts. Die vierzehnte Anlage war nämlich gar nicht scharf gemacht – doch das entdeckte man erst zwei Wochen später.
Jetzt hört sich das freilich recht harmlos an, aber damals!