Die Villa des Onkels

So hatte sich Jürgen den Einzug in die Villa nicht vorgestellt! Und sein Bruder Klaus maulte schon, man hätte doch die Ferien nicht dazu erfunden, dass einem die Nerven noch mehr zersägt würden als bei den dauernden Schulaufgaben! Aber alles Schimpfen und Seufzen half nichts; sie mussten die freiwillig übernommene Aufgabe zu Ende führen. Diese Aufgabe bestand darin, die Villa eines entfernt verwandten Professors während dessen Urlaubswochen, die er wahrscheinlich wieder an einem anderen Ende der Welt verbringen wollte, zu bewachen. Seit seinem netten Einladungsbrief sprach man dann von nichts anderem mehr als von ihm, von seiner furchtbaren Gescheitheit und natürlich auch von seiner oft belächelten Zerstreutheit. Diese Zerstreutheit war wohl auch schuld daran gewesen, dass er in seinem Brief nur von den Vorzügen der Villa geschrieben hatte, von der ruhigen Lage und dem großen Garten, den roten Geranien vor den Fenstern und den Apfelbäumen hinterm Haus. Von dem Geist jedoch, der in der Villa spukte, hatte er kein Wort verlauten lassen. Es hatte ziemlich harmlos angefangen. Jürgen und Klaus waren spät am Abend angekommen. Mit dem übersandten Schlüssel hatten sie das Gartentor geöffnet und ihre Fahrräder unter das Vordach gestellt. Dann hatten sie die Haustüre aufsperren wollen – aber der bezeichnete Schlüssel passte nicht. Sie waren um die Villa herumgelaufen und hatten nach einem anderen Eingang gesucht – aber sie konnten nur noch eine schmale Türe bei der Terrasse ausfindig machen. In deren Schloss konnte man jedoch von außen überhaupt keinen Schlüssel hineinstecken. Sie gingen also wieder zur ersten Türe zurück und versuchten es noch einmal. Und siehe da! Diesmal sperrte der Schlüssel ohne Schwierigkeiten. Jürgen hatte nur den Kopf geschüttelt, und Klaus hatte ihn von der Seite her angegrinst: Nicht einmal die Tür kann der Kerl mehr aufsperren! Jürgen fühlte den Spott, aber er schluckte ihn wortlos hinunter. Die hundertsechzig Kilometer weite Fahrt hatte ihn wirklich ziemlich mitgenommen. Nicht einmal etwas zu essen wollte er noch. Nur schlafen. Nichts als schlafen. Klaus erging es nicht besser. Wenn sie nur das Schlafzimmer gefunden hätten! Der Onkel Professor hatte zwar geschrieben, dass in seinem Schlafzimmer noch ein Sofa stünde; Bettwäsche und Decken lägen ebenfalls für sie beide bereit. Ach, er hätte lieber schreiben sollen, wo das Schlafzimmer lag! Die Bettwäsche hätten sie dann schon sicher gefunden! Jürgen und Klaus gingen zum zweiten Mal alle Türen im ersten Stock ab: Diese und die nächste Tür führten in die Bibliothek. Die andere ins Laboratorium. Hier war ein Abstellraum, dort ein Bad, ein Blumenzimmer – das Schlafzimmer des Onkels schien jedoch weggezaubert zu sein. Jürgen schaute Klaus an, und Klaus schaute Jürgen an. Dabei kam ihnen beiden offenbar der gleiche Gedanke. Sie stiegen in den zweiten Stock hinauf. Und siehe da, hier führte gleich die erste Tür ins Schlafzimmer des Onkels. »Wer hat denn behauptet, dass es im ersten Stock liegen soll, he?« brummte Klaus. »Du hast doch selber genauso verbissen gesucht wie ich!« wehrte sich Jürgen. »Wir haben es uns eben eingebildet und gar nicht mehr an eine andere Möglichkeit gedacht!« Es ging ihnen an diesem Abend noch mehrmals so, dass sie etwas suchten und nicht fanden; dass sie Geräusche zu hören glaubten, die sicher gar nicht da waren; dass sie mitten im Wort plötzlich schwiegen und auf den Gang hinausrannten, um dann zurückzukehren und so zu tun, als hätten sie sich niemals eingebildet, dass da draußen jemand den Gang entlang kam. »Es ist doch schwierig, eine fremde Villa zu bewachen«, seufzte Klaus, als sie schließlich das Licht im Schlafzimmer löschten.
»Ja, vor allem, wenn man sich fürchtet!« spottete Jürgen.
»Wer fürchtet sich?« fuhr Klaus auf.
»Na, du! Wer denn sonst?«
»Du!«
»Wieso ich? Du bist -«
»Du!«
»Nein, du!«
Kopfkissen flogen, und schließlich flogen auch die beiden, die sie geworfen hatten, in der Dunkelheit aufeinander zu. Es gab eine richtige Rauferei.
Aber als sie schließlich voneinander abließen und noch einmal das Licht anknipsten und sich unter die Brause stellten, lachten sie wieder. »Alles in Ordnung?« fragte Klaus.
»Alles in Ordnung!« wiederholte Jürgen. »Ganz bestimmt auch in der Villa! Wenn es hier nämlich Spukgeister geben würde, hätten wir sie jetzt bestimmt aufgeweckt. Laut genug waren wir ja!« Und furchtlos schliefen sie ein.