Das Theater der Ratten und Mäuse

Um die ausgeschriebene Stelle hatten sich mehrere Frauen bei der Stadtverwaltung beworben, aber nur eine einzige hatte schließlich zugesagt. Allen anderen schien die verlangte Arbeit nicht zu entsprechen. Frau Weismüller – sie war grauhaarig und kam schon ein wenig gebückt daher – schien die Absonderlichkeit, ein altes, verlassenes Theater zu betreuen, nichts auszumachen. Sie nahm den Bund mit der erstaunlichen Menge großer und kleiner Schlüssel entgegen und unterschrieb den Vertrag. Noch am gleichen Nachmittag wollte sie mit der Arbeit beginnen. Am Abend wartete ihre Schwester, mit der zusammen sie eine kleine Wohnung gemietet hatte, umsonst mit dem Essen. Als es immer später wurde, ohne dass die Erwartete heimkam, machte sich die Schwester selber auf den Weg. Sie kam eben in dem Augenblick am alten Theater an, als die neue Betreuerin das äußere Tor zusperrte. Sie tat es langsam und nachdenklich, wie jemand, der etwas erlebt hat und noch nicht mit sich darüber ins reine gekommen ist.
Erst zu Hause begann sie zu erzählen … Mein Geburtsjahr ist irgendeines im siebten Jahrhundert. Ich bin also schon sehr alt. Meine Heimat ist Indonesien, und mein Wert ist beträchtlich. Ich wurde einmal von einem Händler auf zwölftausend Mark geschätzt, aber mein Herr gab mich nicht einmal für den doppelten Betrag her. Er sagte, ich sei schon durch viele Generationen hindurch Familienbesitz und ich hätte die Aufgabe, böse Geister fernzuhalten. Aber den Einbrecher, der da eines Nachts ins Zimmer einstieg, sich nur flüchtig umsah und mich dann aus der kleinen Glasvitrine nahm, konnte ich leider nicht verscheuchen. Und ich konnte auch nicht verhindern, dass er mich wegwarf auf der Flucht. Aber zuvor hatte ich ihn noch in die Hand geschnitten. Es war ein ganz kleiner Schnitt, nicht der Rede wert. Aber ich trug Gift an meinem Stahl, und es ist möglich, dass der Dieb an der kleinen, unscheinbaren Wunde starb. Ein Junge hat mich gefunden. Ich musste aufpassen, dass ich ihm nichts zuleide tat. Ich war in eine Regenpfütze gefallen, und der Schmutz hatte mich ganz unansehnlich gemacht. Deswegen erkannten sie auch auf dem Fundbüro, wo mich der Junge abgeliefert hatte, meinen Wert nicht. Und da mich mein rechtmäßiger Herr, dem ich gestohlen worden war, natürlich nicht auf dem Fundbüro vermutete, blieb ich viele Monate dort liegen, von niemandem beachtet. Eines Tages wurde ich aber dann doch aus dem Regal geholt. Man versteigerte mich. Für zwölf Euro statt für zwölftausend nahm mich ein Herr mit, der noch viele andere Gegenstände billig erwarb: Kleider und Schuhe und Bücher. Er sagte, das könne er alles gut für sein Theater zu Hause gebrauchen. Die Reise war lang. Ich kann mich noch gut entsinnen, dass es ein trüber Vormittag war, als ich in dieser Stadt hier ankam. Zusammen mit anderen Gegenständen, die aus Metall waren, wurde ich in eine große Schüssel geworfen. Einen halben Tag lagen wir im Wasser, und ich habe ein wenig von meiner früheren strahlenden Schönheit eingebüßt. Auch das Gift, das ich durch Jahrhunderte mit mir getragen hatte, verlor ich dabei. Jedoch nicht alles. Hier, an der einen Stelle, dicht unter dem Griff, findet sich noch eine Spur. Eine winzige Menge tödlichen Giftes. Niemand weiß es. Aber wenn einer nicht gut zu mir ist, werde ich ihn verletzen. Es wird ein ganz kleiner Schnitt sein, und er wird denken: Nicht der Rede wert! Ich bin nur ein Stück Leinwand, ein abgerissener Fetzen aus der vorderen Seitenkulisse. Früher hatte ich mir manchmal gewünscht, mich schminken zu können, aber jetzt, wo ich alle Farben des Regenbogens trage, mehrfach übereinander, bin ich des Spiels ziemlich müde. Es muss einen auch müde machen, wenn man sein ganzes Leben lang mit jedem Winter ein anderer werden muss … Im ersten Jahr war ich ein Rosenstrauch. Ich hatte wildverschlungene Zweige mit Dornen aufgemalt bekommen, ich gebe es zu. Aber ich trug dafür auch einen ganzen Garten voll Rosen. Man spielte damals ein Märchen; es war so schön, dass viele Leute weinten. Aber am Schluss freuten sich alle. Ein Jahr später spielte ich in einer Oper mit. Auch sie war nur am Anfang traurig, aber die Leute weinten noch mehr, zum Beispiel bei dem Chor der Gefangenen. Doch am Schluss wurden die alle frei! Nur der Bösewicht Pizarro nicht. Ich selber spielte in dieser Oper ein Stück Mauerwerk. Dicke Quadern im Gefängnisgewölbe! Wer mich ansah, dem fror. Und dann spielte ich einmal ein Stück Wald. Und später eine Wiese mit Blumen, eine finstere Schlucht, ein Fenster, einen morschen Steg … ach, ich kann mich gar nicht mehr an alle meine Rollen erinnern. Die letzte jedoch, ehe ich hierher geschafft wurde, bleibt mir unvergesslich. Man sieht es ja noch, was ich da spielte: eine Blume! Aber nicht irgendeine, sondern eine, die so einen schwierigen, fremdländischen Namen hat und Fleisch frisst. Und nicht nur Tiere! Nur gut, dass rechtzeitig der Vorhang fiel und die Zuschauer im nächsten Akt nur aus den Worten der Spieler erfuhren, was ich angeblich angestellt hatte: Ich hatte nämlich den Begleiter des Pflanzenforschers verschlungen! Der war zwar ein unsympathischer Kerl, der nur die Freundschaft heuchelte und den Forscher in Wirklichkeit um Geld und Ruhm bringen wollte – aber ein so furchtbares Ende hatte er schließlich doch nicht verdient. Und ausgerechnet ich musste es sein, die die gespenstische Blume spielte! Dabei hatte ich das erste Mal doch ein Rosenstrauch sein dürfen in einem Märchen!