Ein Jahrmarkt-Erlebnis: Der Kopf auf dem Teller

Benno ging durch den Jahrmarkt. Eine Bude fand er in der Mitte, die war das letzte Mal bestimmt nicht dagewesen. »Der Geist auf der Bühne« verkündete ein grellrotes Plakat. Und auf die Leinwand neben dem Eingang war ein Kopf gemalt, der über einem Tisch schwebte. Daneben sah man einen Ritter, den ein anderer mit dem Schwert glatt durchschlägt – aber dem Ritter scheint das gar nichts auszumachen. Er ist eben auch ein »Geist«. Das gruselige Abenteuer lockte Benno so sehr, dass er seine letzten fünfzig Pfennig opferte. Der Geisterkopf, den er drinnen zu sehen bekam, schwebte zwar nicht über dem Tisch, aber – wie gruselig! – er lag (oder müsste man besser sagen: stand?) auf einem Teller auf der Tischplatte. Benno bekam eine Gänsehaut. Freilich redete er sich ein, dass das irgendein Trick sein müsse aber erklären konnte er es sich nicht. Dabei war die Sache gar nicht so schwer. Auf der Bühne stand ein Tisch, von dessen rechtem vorderem Bein ein großer Spiegel zum linken hinteren Tischbein reichte. In ihm spiegelte sich das linke Vorderbein mit der ganzen linken Vorderhälfte des Tisches und erschien den Zuschauern als rechte hintere Hälfte des Tisches. Man glaubte also, den ganzen Tisch zu sehen, und sah doch nur zweimal die nämliche Hälfte. Hinter dem Spiegel kniete ein Mann, der seinen Kopf durch ein Loch in der Tischplatte steckte. Der Teller bestand in Wirklichkeit nur aus einem biegsamen Rand und war dem Mann geschickt um den Hals herumgelegt, sodass man nicht einmal die Ränder des Loches in der Tischplatte entdecken konnte. Die Täuschung war vollkommen. Benno kam freilich noch lange nicht hinter dieses Geheimnis. Er hatte auch gar nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn eben traten die beiden Ritter auf. Der eine zog sein Schwert und schlug einmal, zweimal, dreimal durch den anderen hindurch. Aber der lachte ihn nur höhnisch aus. Natürlich handelt es sich auch hier wieder um einen Spiegeltrick; er sieht folgendermaßen aus: Der gespenstische Ritter steht diesmal vor einer schräggestellten Glasplatte und wird von Scheinwerfern angestrahlt. Eine Wand schirmt ihn zum Zuschauerraum hin ab. Weil nun die Bühne nach hinten hin schwarz verhangen ist, können die Zuschauer auf der Bühne – hinter der Glasscheibe – nur das Spiegelbild des Geistes sehen. Und weil der Geist auf der Bühne aufrecht erscheinen soll, muss er in Wirklichkeit eine geneigte Stellung einnehmen. Der zweite Ritter, der mit dem Schwert, tritt nun auf die Bühne, und zwar hinter der großen Glasscheibe. Er sieht das Spiegelbild des Geistes natürlich nicht. Deshalb muss es vorher gut eingeübt worden sein, wohin er mit seinem Schwert zu schlagen hat. Vom Zuschauerraum aus sieht man nun beide Bilder, das Spiegelbild des Geistes und das wirkliche des Ritters mit dem Schwert. Und wenn die einstudierten Bewegungen beider gut zusammenharmonieren, ist auch diesmal die Täuschung vollkommen. Benno jedenfalls verließ das Zelt mit klopfendem Herzen und ziemlich weichen Knien.