Als ich noch ein Burggeist war

Der naseweise Günther war in letzter Zeit ein paar Mal richtig frech gewesen zu dem alten Mann, der in dem kleinen Gartenhaus auf dem Nachbargrundstück wohnte! Der war wirklich schon sehr alt; er ging am Stock und hatte viele Falten im Gesicht. Günther sah nicht die freundlichen, friedlichen Augen, sondern nur das unrasierte Kinn, und lachte: »Genau so sieht der Burggeist in meinem Bilderbuch aus!« Bis jetzt hatte der alte Nachbar zu den unschönen Redensarten von Günther immer geschwiegen, aber diesmal meinte er, dem Knirps doch eine kleine Lehre geben zu müssen. »Du weißt ja nicht«, begann er das Gespräch, »vielleicht bin ich einmal ein Burggeist gewesen?« Günther sperrte den Mund auf und brachte ihn eine Weile nicht mehr zu.
»Sie – ein Burggeist?« stammelte er schließlich. »Das ist nicht wahr!«
»Ich binde braven Kindern doch keinen Bären auf!« sagte der alte Mann und erzählte ausführlich, wie er vor seiner Pensionierung als Burggespenst zum Spuken auf der Burg Zitterstein eingeteilt gewesen sei; wie er dort bei Vollmond von einem Turm zum anderen hätte schweben müssen; wie schwer die Kette gewesen sei, die er jede Mitternacht vom Turm in den Hof hinuntergeworfen und dann wieder polternd alle Stufen bis in den Speicher hinaufgeschleppt habe; wie er es angestellt habe, dass die Leute, vor allem die Fremden, die die Burg besuchten, richtig erschraken … Das und vieles andere erzählte der Alte. Und noch einmal wagte Günther zu fragen, ob denn das auch alles wirklich wahr sei. Und noch einmal wiederholte der alte Mann schmunzelnd, was er am Anfang gesagt hatte: »Ich binde braven Kindern doch keinen Bären auf!« – »Übrigens«, fuhr er fort, »es ging nicht immer so harmlos zu bei uns! Einmal scheuchten wir eine ganze Reisegesellschaft, die sich über uns lustig gemacht hatte, in den Keller und sperrten die Tür zu. Und einem Jungen, der frech zu mir war, dem habe ich einfach meinen Kopf vor die Füße gerollt. Wie er geschrien hat und zu seiner Mutter gelaufen ist – soll ich es dir einmal vormachen?« »Nein, nein!« rief Günther. »Lieber nicht! Und ich muss übrigens jetzt auch heimgehen. Papa wird gleich kommen!« Und schon wollte er davonspringen. Aber der Alte fasste ihn fest bei der Hand und sagte, diesmal ganz ernst: »Und vergiss nicht, dass ich zu dir gesagt habe, dass ich braven Kindern keinen Bären aufbinden würde!« Da verstand Günther plötzlich. Und er schlich an diesem Abend ziemlich beschämt nach Hause. EVA WEISS WAS …
Die Geschichte, die in unserem Dorf erzählt wird, ist eigentlich gar keine richtige Spukgeschichte. Erst kürzlich habe ich nämlich etwas Ähnliches in der Zeitung gelesen. Da war ein junger Bauer, der am Hang pflügen wollte.
Aber nach wenigen Metern schon blieben die Pferde stehen und waren durch nichts zu bewegen, weiterzugehen. Schließlich ging der Bauer nach vorne, um die Tiere zu führen – aber da erschrak er so sehr, dass er eine Zeitlang unfähig war, sich von der Stelle zu rühren. Vor ihm gähnte ein Loch in der Erde: Die Seitenlängen entsprachen etwa den Ausmaßen eines kleinen Hauses – die Tiefe aber war nicht abzumessen. Als er später einen Stein hinunterwarf, dauerte es geraume Zeit, bis man den Aufprall vernahm. Es hörte sich an, als sei der Stein in ein seichtes Wasser gefallen. Ein paar Tage später war das Loch von den nachpröckelnden Gesteins- und Erdmassen fast wieder zugeschüttet. Nur eine kleine Mulde zeigte noch an, wo sich der Boden so gespenstisch aufgetan hatte. Die Leute brachten die seltsamsten Dinge mit diesem Naturereignis in Verbindung. Bei dem ähnlich lautenden Zeitungsbericht stand am Schluss als Erklärung, es würde sich um ein Doline handeln, also um den Einbruch eines unterirdischen Hohlraumes.