Der Unsichtbare Benno

Es fing ganz harmlos an. An einem frühen Vormittag im Mai betrat ein gutgekleideter Herr das Kaffee am Markt, suchte sich einen Tisch am Fenster, langte im Vorübergehen nach einer Zeitung am Kleiderhaken, nahm nach einem kurzen Blick in die Runde Platz und fing an zu lesen. Nachdem er so eine Weile dagesessen hatte, schaute er über den Zeitungsrand nach dem Ober aus. Der bediente gerade einen Herrn am anderen Ende des Raumes und schien den neuangekommenen Gast überhaupt nicht gesehen zu haben. Und so war es nicht verwunderlich, dass sich dieser wieder in seine Zeitung vertiefte. Aber doch nur für wenige Minuten! Dann rollte er umständlich die Zeitung zusammen und legte sie rieben sich auf einen Stuhl. Er sah dabei zum Ober hin, der im Augenblick einer Dame das Frühstück servierte. Der Ober schien den Blick im Nacken nicht zu spüren. Und er kümmerte sich auch dann noch nicht um den Gast am Fenstertisch, als alle anderen Anwesenden längst bedient waren. Nun versuchte es der so schnöde übersehene Besucher mit Räuspern, dann mit leichtem Fingertrommeln auf die Glasplatte des Tisches, schließlich mit rhythmischen Klopfzeichen des Aschenbechers gegen die Blumenvase – der dienstbare Geist reagierte nicht. Es war, als sähe er den Gast am Fenstertisch nicht. Ja, es war gerade so, als sei dieser unsichtbar. Ich selber hatte einen Platz in der Nähe der Türe, gerade neben dem in die Wand eingebauten Aquarium. Es war mein Lieblingsplatz sozusagen, denn ich besuchte damals das Kaffee am Markt fast täglich. Mein Büro lag nämlich ganz in der Nähe. An jenem Morgen, von dem ich hier erzähle, hatte ich meinen Tee – ich trinke früh meistens Tee mit Zitrone – ich hatte ihn also schon getrunken, blieb aber doch noch sitzen, weil ich gerne von meinem Platz aus die Leute ein wenig studiere. Das ist so ein Sport von mir! Diesmal wollte ich gerne wissen, wie es der übersehene Gast anstellen würde, doch noch zu einem Frühstück zu kommen. Oder würde er gar aufstehen und das Lokal mit stillem Protest verlassen? Nein, er machte keine Anstalten dazu. Also würde er jetzt gleich nach dem Ober rufen! Oder vielleicht laut schimpfen? Ich hatte richtig geraten – oder doch nicht? Es begann nämlich plötzlich jemand zu schimpfen. »Zum Kuckuck, Hermann! Wie lange sollen wir denn noch warten?« hörte ich eine Stimme. Aber gleichzeitig sah ich auch, wie der unbediente Gast sich nach rechts wendete und beruhigend auf jemanden einsprach. »Hab noch ein wenig Geduld, Benno!« glaubte ich zu verstehen. Und dann noch etwas, das so ähnlich klang wie: »Wir kommen sicher gleich dran! Es kann nicht mehr lange dauern!« Dann war es am Tisch des seltsamen Gastes wieder still. Gleichzeitig mit mir waren jedoch auch ein paar andere Gäste in der Nähe auf das geheimnisvolle Zwiegespräch aufmerksam geworden, und ich sah, wie ich jetzt verstohlen in die Runde blickte, ziemlich verdutzte Gesichter. Also hatten auch die anderen den zweiten Sprecher nicht wahrgenommen und wussten nun ebensowenig wie ich, was sie von diesem unsichtbaren Gesprächspartner halten sollten. Lediglich der Ober schien immer noch nichts gemerkt zu haben. Ich war deshalb keineswegs überrascht, als sich die Szene wenige Minuten später wiederholte. Ein wenig lauter als vorhin!
»Ich warte jetzt aber nicht mehr lange!« rief der Unsichtbare auf dem rechten Stuhl. »Dann werfe ich dem Ober diesen Blumenstrauß ins Gesicht! Aber mitsamt der Vase!«
»Bitte, Benno«, neigte sich da der Gast, den ich von Anfang an beobachtet hatte, zu seinem unsichtbaren Begleiter, »reg dich nicht auf! Das schadet nur deiner Gesundheit! Und du weißt doch, was der Doktor erst gestern wieder gesagt hat!«
»Aber wenn’s doch wahr ist!« brummte der Unsichtbare und murmelte dann noch ein paar Sekunden leise vor sich hin.
Diesmal war auch der Ober aufmerksam geworden. Er kam herangeeilt.
»Oh, der Herr haben ja noch gar kein Frühstück!« sagte er.
»Nein, der Herr haben noch kein Frühstück«, äffte der Unsichtbare am Tisch ihn nach.
»Aber Benno!« wies ihn der Gast zurecht. »So etwas sagt man doch nicht!«
»Wenn’s aber doch wahr ist!« verteidigte sich der Unsichtbare wiederum.
»Entschuldigen Sie, Herr Ober«, sagte da der Gast, den der Unsichtbare vorhin mit Hermann angeredet hatte, »mein Freund wartet schon seit einer Viertelstunde und ist ein wenig ungeduldig geworden. Er hat einen empfindlichen Magen, Sie verstehen …«
Der Ober verstand durchaus nicht. »Ihr Herr Freund?« stammelte er und sah in die Runde. Ich merkte, wie er sogar unter den Tisch schielte; aber wenn sich da jemand versteckt gehalten hätte, würde ich ihn von meinem Platz aus gesehen haben. Nein, das war keine Erklärung.
Der Ober hob ein wenig verlegen die Schultern. »Und was wünschen der Herr?« fragte er schließlich.
»Ich hätte gerne eine Portion Tee«, sagte der Gast, »und mein Freund hier -« Er beugte sich leicht nach rechts und fragte leise: »Was möchtest du denn haben, Benno?«
»Ein Kännchen Kaffee, Hermann!« sagte der Unsichtbare. Seine etwas dunkle Stimme war so deutlich zu hören, dass der Ober unwillkürlich einen Schritt zurücktrat. Hier stimmte etwas nicht! Aber was?
Mittlerweile starrten fast alle Kaffeehausbesucher zu den seltsamen Gästen am Fenstertisch hin, und als der Ober dessen jetzt gewahr wurde, verbeugte er sich schnell. »Sehr wohl«, flüsterte er, und seine Stimme klang ein wenig brüchig. »Eine Portion Tee und eine Portion Kaffee. Wünschen die Herren auch Gebäck?«
»Das suchen wir uns schon selber aus, gell Hermann?« sprach der Unsichtbare. Und Hermann bestätigte. »Ja, gehen wir zur Theke!« Er stand auf und ließ seinem unsichtbaren Freund sogar den Vortritt.
Die Leute an den anderen Tischen schüttelten die Köpfe.
Ich hätte so gerne verfolgt, wie die Geschichte weiterging. Aber es war höchste Zeit für mich, ins Büro zurückzugehen. Ich beschloss jedoch, am nächsten Tag den Ober zu fragen …
Der Ober wurde rot bis hinter die Ohren, als ich auf den Fall zurückkam.
Schließlich erzählte er mir leise: »Ich wusste wirklich nicht, was ich von der Geschichte halten sollte. Beim Zahlen am Schluss stritten sich nämlich die beiden ziemlich heftig, weil angeblich jeder für den anderen mitzahlen wollte. Sogar unser Geschäftsführer, der im Hintergrund stand, hörte alles Wort für Wort mit. Aber wir hatten doch keinen Grund, die Polizei zu rufen! So blieb uns nur die Möglichkeit, zu tun, als ob alles in Ordnung wäre. Aber so geschwitzt wie in dieser Stunde hatte ich, glaub’ ich, noch nie in meinem Leben! Und eine solche Wut, wie eine Stunde später, hatte ich, glaub’ ich, auch noch nie gehabt. Wut auf mich selber! Da erfuhr ich nämlich von einem anderen Besucher, dass unser unheimlicher Gast, der mich so hereingelegt hatte, ein berühmter Bauchredner gewesen war!«

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Info 24.11.2017 14:17
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