amo

Hausherrschaft und Loyalität

Betrachtet man West- und Mitteleuropa zwischen dem 5. und dem 11. Jahrhundert, so wird man da zunächst einmal keinen sauberen Bruch gegenüber der Antike feststellen können: Westgotische und vor allem fränkische Könige regierten noch lange mit den Mitteln und dem Personal, das ihnen das Imperium Romanum hinterlassen hatte. Am besten ist dieser Übergangs- und Neuformungsprozess auf dem Boden der ehemals römischen Provinz Gallien zu beobachten, wo unter maßgeblicher Assistenz der römisch-christlichen Kirche im 6. Jahrhundert das fränkische Großreich entstand. Besonders im Süden und im Zentrum Galliens hatte die Völkerwanderung das romanische Bevölkerungselement zwar angeschlagen, aber nicht grundlegend verändert, hier gab es noch Städte und Stadtkultur, eine zahlenmäßig gar nicht so geringe mittlere Beamtenschicht aus Laien, auf dem Lande hatte manche luxuriöse Villa, einst Herrensitz eines senatorischen Großgrundbesitzers, samt ihrem fortschrittlichen Meierhofsystem die Zeitläufe überstanden, nach wie vor kursierte die römische Edelmetallwährung in Gold und wurde auch von den fränkischen Königen nachgeprägt – manche von ihnen nannten sich bezeichnenderweise »Augustus«! Es gab das römische Straßennetz, und auch Ansätze des alten Steuersystems waren noch vorhanden. Zwischen den ansässigen Romanen und den germanischen Eroberern bestanden in der Rechts- und Sozialordnung sicher deutliche Unterschiede, aber auch so manche Berührungspunkte: So besaß die Familie in beiden Bevölkerungsteilen eine zentrale Stellung, wobei der Familienbegriff erheblich umfassender als heute war: Bei den Romanen, deren Einfluss rechts des Rheins freilich sehr viel schwächer war, wie bei den Germanen umfasste die Gewalt und Schutzpflicht des Familienvaters (ahd. munt: Rechtsschutz, vgl. Vormund) nicht nur Frau und Kinder, sondern buchstäblich alles lebende und tote Inventar des Hauses, dazu gehörten auch eventuell Verwandte mit ihren Kindern, die Leibeigenen und selbstverständlich die Sklaven. Das Haus stellte schon bei den Römern, noch weit mehr aber bei den Germanen ein fest gefügtes, nahezu eigenständiges Rechtsgebiet dar, wo der »Hausherr« als oberste juristische Instanz waltete und auch für das Tun und Lassen der Hausangehörigen außerhalb des Hauses gegenüber Fremden verantwortlich war. Auch für sehr schwere Vergehen innerhalb des Hauses war der »Staat« als Strafverfolgungsbehörde nicht zuständig. Bei den Franken spielte der König die Rolle eines Hausvaters im Großen, was man aber keinesfalls mit spätantikem oder gar orientalischem Despotismus verwechseln darf, weil er eben Oberhaupt eines Stammes bzw. Staates war, der selbst aus vielen »Häusern« – großen, mächtigen und kleinen – bestand, in denen allen wiederum das Prinzip der »Hausherrschaft« galt, wodurch die staatlichen Zugriffsmöglichkeiten sehr stark eingeschränkt wurden. Den indogermanischen Stämmen ist der Glaube an die göttliche Abkunft ihrer Könige gemeinsam – dies gilt somit für die griechischen Könige der Zeit Homers, den persischen Großkönig, für die sagenhaften Könige Altroms und ebenso für die Herrscher der germanischen Stämme, welche an der Schwelle zum Mittelalter auf römischem Reichsboden zu siedeln begannen. Unter dem Einfluss des Christentums wurde bei den Germanen aus dem göttlichen, mit glück- und siegverheißenden »Heil« begabten Königtum ein von Gott verliehenes Amt, das der Herrscher als König und Priester zugleich in göttlichem Auftrag ausfüllt. Obwohl er aufgrund seines göttlichen Charismas verehrt und überhaupt erst als König anerkannt wurde, war doch auch dieser »Priesterkönig« an Recht und Herkommen gebunden. Allerdings musste das Recht keineswegs schriftlich niedergelegt und das Herkommen aufs Jota genau festgelegt sein. Diese Bindung galt für den König wie für den Untertan, wobei nicht so sehr der Gehorsam als die Treue der Angelpunkt des Verhältnisses zwischen beiden war – der Gehorsam kam von der Treue, nicht umgekehrt! Gehorsam ohne Treue war knechtisch, ja sklavisch! Verletzte nun der König diese Treue, stieß er sich sozusagen selbst vom Thron, da er damit auch seine Untertanen von der Treue zu ihm entband. Der Widerstand gegen einen »treulosen« König ist sozusagen das gute alte Recht des Untertanen, ja fast dessen moralische Pflicht! Loyalität gibt es nur auf Gegenseitigkeit. Eine solche Denkweise harmonierte mit der tief eingewurzelten Überzeugung, dass dem freien Mann, besonders aber dem Adeligen, ein selbstverständliches Naturrecht auf Selbsthilfe zustand, wenn es dann galt, sich sein gutes altes Recht zu verschaffen – oder was man eben dafür hielt. Das konnte auch einmal Rache sein, man trennte hier nicht so genau. Nach dem Prinzip der Hausherrschaft konnte der Familienvater derartige Fragen regeln. Hier liegt wohl auch die Quelle zu dem im Hochmittelalter geradezu ritualisierten Fehderecht, das sich als klassisches, ungeschriebenes Adelsrecht hielt, bis schließlich der lückenlose, bürokratische Staat des 17. und 18. Jahrhunderts dieses Recht brach, prinzipiell Ähnliches geschah ja auch mit der Sitte des Duells, welches ursprünglich etwas mit dem Gottesurteil zu tun hatte.

emu