Grundherrschaft, Lehnswesen und Rechtsposition der bäuerlichen Bevölkerung

Eine Skizze frühmittelalterlicher Sozialverhältnisse wäre völlig unvollständig ohne einen Abriss über Entstehung und Natur der »Grundherrschaft«. Kurz definiert besagt dieser Begriff: Der Eigentümer eines Landstücks, das er selbst nicht mehr allein bebaut, ist auch der Herr derjenigen, welche auf diesem Lande leben und für den Herrn arbeiten. Oder anders: Wer nicht den eigenen Grund und Boden bebaut, ist – ohne Rücksicht auf seinen persönlichen Sozialstatus – in seiner Freiheit und je nachdem auch in seiner Freizügigkeit immer eingeschränkt, dazu kommt noch, dass große Grundherrn meistens auch die hohe, kleinere zumindest die niedere Gerichtsbarkeit auf ihrem Besitz besaßen und so, wie der Rechtshistoriker Otto Brunner meint, die private Herrschaft – d. h. die Grundherren – ein von Fall zu Fall sehr verschiedenes Maß öffentlichen, also nach heutigem Verständnis staatlichen Rechte an sich zu ziehen vermochten! Im Gerichtsverfahren selbst galt dann nahezu allgemein – mit Ausnahme der Ostgoten und Langobarden – das Prinzip der Personalität des Rechts, d.h., jeder wurde vom Gericht nach dem Rechtsstatus abgeurteilt, in den er hineingeboren wurde. Dieses Personalitätsrecht galt allerdings nicht für Gesandte, Juden und reisende Kaufleute, weil diese der königlichen Gerichtsbarkeit direkt unterstanden. Oft mussten die Gerichte auch noch nach verschiedenen Stammesrechten urteilen, was manchen Fall recht kompliziert machen konnte. Daher kommt es auch, dass in einigen uns überlieferten juristischen Handschriften aus praktischen Gründen mehrere Volksrechte nebeneinander aufgeführt sind. Grundherrschaft erzeugte also Unfreiheit oder zumindest Abhängigkeit, in deren Sog schon in der Antike, stärker jedoch im frühen Mittelalter, ein großer Teil der freien Bauern durch die Entwicklung des Lehnswesens geriet. Grundherrschaft bedeutete aber nicht »Sklavenwirtschaft« in großem Stil, wie wir sie aus der klassisch-römischen Antike herkennen, wenngleich in der modernen Forschung auch die Ansicht vertreten wird, dass es auf den großen Domänen des Karolingerreiches durchaus eine solche »Sklavenwirtschaft« gegeben habe, wobei der Sklave in antikem Sinne als »Sache« galt. Richtig ist, dass die Kirche in dieser Zeit die Sklaverei nicht grundsätzlich verdammte und bekämpfte – zumindest wenn es sich bei den Sklaven um Andersgläubige handelte. Die germanisch-heidnische Tradition, deren Sklavereibegriff dem römischen nahestand, müsste dann im 8. und 9. Jahrhundert noch sehr lebendig gewesen sein. Dem widerspricht aber die allgemein akzeptierte Erkenntnis, dass in der christlichen Gesellschaft des frühen Mittelalters sich die Grundherrschaft als die große Gleichmacherin in der Unfreiheit, nicht freilich in der Sklaverei, durchsetzte und die Unterschiede zwischen hörigen Grundholden, Leibeigenen, Sklaven und auch armen Freien weitgehend ausnivellierte. Das Grundherrschaftsprinzip war »Herrschaft über Land und Leute«, verpflichtete alle von ihm erfassten zu Abgaben und Diensten an den Grundherrn und erlaubte es, den Boden samt den zugehörigen Menschen, den Grundholden, zu verkaufen, zu vererben oder zu verschenken, miteingeschlossen war auch meist eine Einschränkung der Freizügigkeit, da ein ›Schollengebundener‹ ohne Zustimmung des Herrn seinen Grundherrschaftsbezirk nicht verlassen durfte. Freilich war der Herr seinerseits zum Schutz seiner Grundholden verpflichtet, ob dabei aber ein echtes Gegenseitigkeitsverhältnis von Schutz gegen Dienste und Abgaben herauskam, wie manchmal behauptet wird, ist mehr als zweifelhaft. Denn im Gegensatz zur Gefolgschaft beispielsweise trennte Grundherren und Grundholden eine überaus hohe soziale Schranke. Was beispielsweise die Freizügigkeit betrifft, finden wir jedenfalls schon in Gesetzen des letzten römischen Gesamtherrschers Theodosius ganz ähnliche Bestimmungen restriktiver, einschränkender Art. Aus einer Reihe anderer Belege wird klar, dass die Grundherrschaft, besonders im Westen eine Folge des germanischen »Hausherrschaftsprinzips« ist und ohne wichtige soziale Veränderungen in der Spätantike nicht entstanden wäre: So war es bereits spätestens im 4. Jahrhundert in Gallien zu grundherrschaftsähnlichen Verhältnissen gekommen, da ein großer – teilweise gar nicht unbegüterter – Personenkreis sich freiwillig mit all seinem Besitz unter den Schutz eines Mächtigen begeben und dafür auf seine persönliche Freiheit verzichtet hatte, um dem staatlichen Steuerdruck oder feindlichen Überfällen zu entgehen. Diese Leute standen dann, wie es germanisch hieße, unter der »Munt« ihres Grundherrn. Da die Germanen nach Gallien als Eroberer kamen, wurde hier ihr König zum größten Grundherrn des Landes, von seinen Ländereien, dem Königsland, gab er dann einen erklecklichen Teil an seine persönlichen Gefolgsleute ab, aus denen in Gestalt einer besonders reich begüterten Grundherrenschicht später der künftige Reichsadel heranwuchs. Allodialgut
(fränk. al [odis]: voll, ganz + od [?]: Besitz, Gut)
Adelsland: Frei verfügbar,im Gegensatz zum Lehnsgut (unten) Eigentum und deshalb verkäuflich und vererbbar. Vor allem war im Mittelalter Allodialgut, jedoch besaßen es auch die sächsischen Freien. Im 8. Jahrhundert war der dortige Adel bestrebt, dass sie sich dem Schutz der Kirche, des Königs oder eines Herrn unterstellten und den erbeigenen Besitz aufgeben sollten.
Lehnsgut: Karl Martell vergab Lehnsgut in größerem Umfang als Gegengabe für Rat und Hilfe im Krieg. Diese Landleihen sollten beim Tod des Belehnten wieder an den Lehnsherrn zurückfallen. Das oberste Prinzip dieses Vorgangs war die Zweiseitigkeit: Land oder Amt gegen Rat und Hilfe. Rechtliche Verfügungen (Vererbung, Verkauf, Tausch) waren nur mit Zustimmung des Lehnsherrn erlaubt. Der Begriff »Feudalismus« (von ahd.: fehu: Vieh, Besitz) weist noch auf die Bedeutung der dinglichen Seite des lehnrechtlichen Vorgangs hin. Erblichkeit der Lehen
Lehen fallen beim Tod ihres Inhabers automatisch an den König zurück. Dieser nimmt eine Neubelehnung je nach politischer Notwendigkeit vor. In Krisenzeiten Neubelehnung oft auf Wunsch des Inhabers, d. h. Lehen gehen faktisch oft vom Vater auf den Sohn über. König bleibt bis ca. 830 Zwischeninstanz, dann zieht die Gewohnheit der Erblichkeit ihre rechtliche Anerkennung nach sich: 877 anerkennt Karl der Kahle im Capitular von Quierzy prinzipiell die Erblichkeit der Lehen. 1037 wird auch den kleinen Vasallen Erblichkeit ihrer Lehen zugestanden.
Die Bindung der Vasallen an ihren Herrn wird dadurch abgeschwächt, Erblichkeit ist Vorstufe späterer Territorialisierung, d. h. Bildung von Landesherrschaft.

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Info 18.01.2018 05:00
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