Die Fernhandelsbeziehungen des Frankenreiches

Bis zum 10. Jahrhundert blieb der Fernhandel allgemein recht schwach, den unbedingt nötigen Sakralbedarf der Kirche an Kerzen und Weihrauch z. B. deckte jene geschlossene Schicht jüdischer Kaufleute, deren Religions- und Familiengemeinschaften in nahezu den meisten Städten des Karolingerreiches nachweisbar sind. Wahrscheinlich waren sie eine Zeitlang überhaupt die einzigen Berufskaufleute mit überregionaler Betätigung. Seit der Mitte des 10. Jahrhunderts mehren sich in Europa jedoch die Anzeichen dafür, dass der Tiefpunkt der Stagnation überwunden war, denn der Fernhandel begann sich allgemein wieder zu regen. Diese ›Wiedergeburt‹ nahm ihren Anfang in zwei geografisch weit auseinanderliegenden Schwerpunkten: Der eine lag im Mittelmeer, genauer an der oberen Adria bzw. am Golf von Genua. An der Adria hatte besonders Venedig allen Widrigkeiten zum Trotz die Verbindung mit Byzanz und anderen östlichen Metropolen nie aufgegeben – im Gegenteil, bald entdeckten die Venezianer in den ›ungläubigen‹ Muselmanen gute Handelspartner: Nach Osten lieferte Venedig vor allem Sklaven aus den slawischen Ländern und Rohstoffe, importiert wurden in ständig steigenden Raten Luxuswaren und seltene Gewürze. Bereits im 10. Jahrhundert war diese eigenartige Handelsrepublik, deren Verfassung in manchem an die des alten Karthago erinnert, der mit Abstand reichste Staat des Abendlandes, im 11. Jahrhundert ist Venedig bereits imstande, seine wichtigsten Handelsrouten militärisch selbst zu schützen. Etwa zur selben Zeit schlugen sich im Tyrrhenischen Meer Pisa und vor allem Genua immer erfolgreicher mit den arabischen Flotten herum, ca. 1060 war dort die sarazenische Seeherrschaft gebrochen, und die dortigen Seestädte konnten sich nun auch voll auf den Orienthandel konzentrieren. Der andere Ausgangspunkt wirtschaftlichen Neubeginns lag im Nord- und vor allem im Ostseeraum. Dort nämlich hatten die Wikinger entdeckt, dass Fernhandel unter Umständen noch lukrativer sein konnte als reine Brandschatzung und Piraterie, zumal man je nach Situation durchaus beides miteinander verbinden konnte! So waren es die Normannen Schwedens und Norwegens, welche die alten Handelswege zwischen Ostsee und Schwarzem Meer wiederbelebten und so Nordwesteuropa wieder direkt mit den alten Zentren am östlichen Mittelmeer verknüpften. Die Stadt als neuer Lebens- und Wirtschaftsraum
Dieser großräumige, langfristige Aufschwung des Handels blieb nicht ohne tiefgreifende Auswirkungen auf Mittel- und Westeuropa: Sozusagen wieder voll an den Welthandel angeschlossen, entstanden dort seit längerer Zeit zum erstenmal wieder neue Städte und Häfen aus Ansiedlungen von Kaufmannsgilden und -familien, wenn auch diese Städte in ihren Anfängen sehr oft einem adeligen oder öfters noch bischöflichen Grund- bzw. Stadtherrn unterstanden, so trugen diese neuentstandenen Zentren des Fernhandels und des marktproduzierenden Gewerbes einen kräftigen Keim in sich, der sie zu etwas anderem als zu einem Abklatsch der spätantiken Residenz- und Bischofsstädte der galloromanischen Gebiete machte. Ihr »bürgerlicher« Kern bestand nämlich meist aus gildenmäßig organisierten, d. h. durch gegenseitigen Eid verschworenen Bruderschaften von Kaufleuten, einem selbstbewussten, unternehmenden Schlag von Leuten mit einem ausgeprägten Drang zur Unabhängigkeit. Diese Oberschicht war teilweise wirtschaftlich sehr leistungsfähig und reich, sie geriet deshalb oft auf Kollisionskurs zu dem jeweiligen Stadtherrn. Die daraus seit dem 11. Jahrhundert zunächst in Italien aufflammenden Konflikte brachten vielen Städten langfristig die Freiheit vom Stadtherrn. In diesen neuen Gemeinschaften bildete sich inmitten eines Meeres von Grundherrschaften eine neue Sozialordnung heraus, deren Rechtssystem oft seinen Ursprung in der Ordnung der tonangebenden Kaufmannsgilde hatte und häufig durch königliche Vorrechte und Privilegien abgesichert war, aus den Amtsträgern der Stadtherrn, dem ja eine solche Stadt einmal gehört hatte, wurden städtische Würdenträger und Beamte, die nicht selten ins städtische Patriziat, in die später adelige oder ritterliche Oberschicht der Stadt aufstiegen. Die Bürger einer solchen Stadt hatten ihren Bürgereid geleistet und lebten unter gleichem Recht nach dem Grundsatz »Stadtluft macht frei«, das war eine grundsätzlich andere Rechtssituation als auf dem flachen Lande, dessen Bewohner fast alle der Grundherrschaft unterlagen. Oft wurden die Städte durch ureigene Interessen zu Stützen der Zentralgewalt gegen die in Deutschland immer stärker werdende Tendenz der Zerstückelung des Reiches. Erst die Entstehung der mittelalterlichen Stadt machte West- und Mitteleuropa wieder zu einem Wirtschaftsraum von Gewicht und Dynamik und legte den Grundstein für die spätere, vor allem auf Wirtschaftskraft und Technik beruhende Weltgeltung des europäischen Kontinents.