Bauern – Nahrungsbedarf durch wachsende Bevölkerung

Aus den Knochenfunden in Abfallgruben frühmittelalterlicher Siedlungen hat man den Nahrungshaushalt einer Bauernfamilie erschlossen. Demnach benötigten die fünf bis sechs Personen etwa sechs Schlachttiere zu 520 Kilogramm, damit jede Person etwa 100 Kilogramm Fleisch pro Jahr verzehren konnte. Zusammen mit 1000 Litern Milch im Jahr ergab das aber erst 1600 Kalorien pro Tag. Die restlichen 1600 Kalorien mussten aus den Feldfrüchten gewonnen werden, denn Jagd und Fischfang wurden immer mehr eingeengt, im Binnenland gehörten sie schließlich zu den exklusiven Herrenrechten. Ferner musste ein Überschuss erzielt werden, da der Kauf von Geräten, fremdem Saatgut und anspruchsvollerer Kleidung nur gegen Naturalvorräte möglich war. Die Zunahme der Bevölkerung, die nach 750 einsetzte, zwang bald dazu, die Produktion auszuweiten und den Anbau wie die Viehhaltung zu intensivieren. Wie man aus Untersuchungen im Moselgebiet weiß, stieg nicht nur die Einwohnerzahl der Dörfer an, sondern es wurden auch neue Orte gegründet, die rasch auf 220 Einwohner anwuchsen, wie sie die Altorte zwischen 800 und 1237 auch besaßen. Das Moselgebiet hatte im Jahre 800 rund 100 Siedlungen, 900 schon 250, 1000 schon 350, 1100 an 590, 1200 gar 990 und im Stichjahr 1237 genau 1180. Dieser außerordentlich schnelle Landesausbau erklärt, weshalb die urige mitteleuropäische Landschaft aus Wald und Sumpf und eingestreuten Siedlungsinseln bald in eine dicht besiedelte Kulturlandschaft gewandelt worden ist. Zwischen 800 und 1100 wuchs die deutsche Bevölkerung mindestens auf das Doppelte, in manchen begünstigten Landstrichen an Rhein, Mosel, Main u. a. um das Sechsfache, ein Vorgang, der für England und Frankreich noch besser bezeugt ist. Rodungsinseln und neue Dörfer
Da in den Altsiedlungsgebieten der Boden vergeben war und durch neue Methoden nur geringfügig ergiebiger gehalten werden konnte, musste der Wald gerodet werden, um für Aussiedler Platz zu schaffen. Genügte es anfänglich noch, die alte Flur in den umgebenden Wald auszudehnen, so war es bald nötig, in den Wäldern selbst Orte mit ausreichender Flur anzulegen. Ohne auf die schwierigen Fälle der Datierung einzugehen, sei nur die hohe Zahl von Orten erwähnt, die sich als Rodungsorte zu erkennen geben, weil sie die Namensbestandteile -rode, -rade, -ingerode, -reuth, -rieth, -hagen u. a. tragen. Zur Altersbestimmung der Rodungsorte greift man besser auf Merkmale wie Lage, Flurverfassung, Gruppierung der Höfe, Gang der Kirchenverfassung und das Abgabewesen zurück. Als Beispiel für die mehrfachen Rodungsschübe wird gern die Landschaft um die Flüsse Diemel und Esse westlich des Reinhardswaldes mit dem Kernort Hofgeismar genannt, in der um 500 an die 17 Orte lagen, die zwischen vier und zehn Höfe hatten. Am Ende der Ausbauzeit um 1290 bedeckten über 100 Orte den Landstrich, in dem nur die Kerne des Reinhardswaldes ungerodet geblieben waren. Nun konnte der Rodungswille nicht irgendwo sein Werk beginnen, denn jeglicher Boden, auch der bewaldete und versumpfte, hatte einen Herrn, war trotz des formalen Obereigentums des Königs längst in Privatbesitz übergegangen. Zwar gestand man den Neusiedlern einige Persönlichkeitsrechte mehr zu, doch machte Rodung niemanden zum freien Mann oder völlig unabhängig von Bodenzins und Zehnten. Nur für eine Anlaufzeit konnten diese Abgaben ausgesetzt oder halbiert werden. Die grundherrschaftliche Rodung, die bei weitem an Fläche den Ausbau alter Dorffluren übertraf, ging in der Regel vom Adel, gelegentlich auch von Stiften und Klöstern aus. Die Grund-(Gerichts-, Landes-)Herren boten Schutz und Organisation, doch trug der Bauer oder die bäuerliche Genossenschaft die Hauptlast, denn sie hatten in der Regel Saatgut, Vieh und Geräte selbst zu stellen, die Gebäude zu errichten, wozu ihnen Bauholz aus den Wäldern reichlich zur Verfügung stand, schließlich den Boden für Pflanze und Tier vorzubereiten, was mühsam genug war: Der Wald durfte nicht niedergebrannt werden, weil das Holz zum Teil als Bauholz, Gestänge, Zaunwerk, Fassreifen oder Lohe verwendet werden sollte. So musste der Hochwald mit der Axt gefällt werden, da die schwer herzustellenden Sägen noch selten und teuer waren. Mit Hacke und Spaten, der nur eine Eisenschneide am Unterrand besaß, wurden Büsche und Stubben zur Seite geräumt, erst nach ihrem Austrocknen angezündet, um Asche als Dünger zu gewinnen. Als Rodungspioniere traten besonders die Zisterzienser hervor, die ihre Klöster in waldreichen Tälern der Mittelgebirge und den sumpfigen Niederungen des Flachlandes ansiedelten. Sie hatten ihre Mönche in Arbeitsgruppen eingeteilt: die »incisores« (von lat. succidere = fällen) fällten die Bäume, die »exstirpatores« (von lat. exstirpare = ausrotten) gruben Stubben und Wurzeln aus, die »incensores« (von lat. incendere = verbrennen) verbrannten das Ast- und Wurzelwerk, sofern es nicht für die Winterheizung brauchbar war. Die Wälder bestanden fast ausschließlich aus Laubbäumen: aus Eiche, Ahorn, Ulme, Linde und Esche, so hieß die westliche Rhön Buchonien. Die Fichte drang z. B. erst nach 1500 in den Frankenwald vor, selbst die Bezeichnung Fichtelgebirge meinte nur das zentrale Massiv, nicht den ganzen Bergstock, der bis zum Ochsenkopf hin Buchen trug wie der Schneeberg auch.