Arbeitszeit, Arbeitstag, Nahrung, Kleidung und Hausarbeit

Da um 1200 mindestens neunzig Prozent der Bevölkerung auf dem Lande wohnte, direkt oder indirekt als Schmiede, Müller und Wagner zur agrarischen Produktion beitrugen, wozu auch die in den Kleinststädten tätigen Ackerbürger zu zählen sind, wird der Alltag dieser erdrückenden Mehrheit geschildert. Da der Adel eigens behandelt wird, bleiben hier nur Seitenblicke auf die Handwerker und den Kaufmannstand übrig, um das gesamte mittelalterliche Gesellschaftsgefüge kennenzulernen und einen Eindruck vom täglichen Leben in dieser Zeit zu gewinnen. Eine nach Stunden geregelte Arbeitszeit für den Tag oder die Woche war im Unterschied zu heute gänzlich unbekannt, denn Arbeit, was in dieser Zeit wörtlich »Mühe, Plage« hieß, war nur während der Tageshelligkeit möglich, die im Hochsommer bis zu 16 Stunden, im tiefsten Winter aber nur sechs bis sieben Stunden betrug. Dass die Nutzung der Sommerstunden nicht bis zur totalen Erschöpfung des Bauern und seines Knechtes oder Sohnes führte, hing damit zusammen, dass die Arbeit nicht in messbare Aufwandszeiten zerlegt war, sondern vom Wachstum seiner Pflanzen und vom Lebensrhythmus seiner Tiere abhängig war. Zwischen den Tagen und Wochen, da er pflügen, eggen, säen, jäten, ernten und dreschen musste, gab es auch Zeiten, da nur Arbeiten im Viehstall und Obst- oder Weingarten anfielen, die weniger Zeit erforderten. Nach Stunden wurde nie gerechnet, dazu fehlten schon die Kirchturmuhren. Nur in den Klöstern waren Tag und Nacht durch die regelmäßig zu verrichtenden Gebete gleichmäßig gegliedert. Für den Bauern galten Essenspausen als Tagesmarkierungen. Die harte Arbeit mit einfachem Gerät wie Hacke, Spaten und Sichel erforderte neben warmem Mittag- und Abendessen drei kleinere Mahlzeiten, wie den Morgenbrei nach Sonnenaufgang, auch die Stärkung auf dem Feld und das Vesper am Nachmittag, nach dem Läuten der Vesperglocke so genannt. Wo Schmalhans Küchenmeister war, fielen die Zwischenmahlzeiten knapp aus oder wurden übersprungen. Wenn nicht gerade durch die Ernte unmöglich gemacht, nahmen alle auf dem Hof Lebenden an den großen Mahlzeiten gemeinsam teil. In kleineren Betrieben saßen Bauernfamilie und Gesinde an einem Tisch, aßen mit dem Löffel gemeinsam aus den Schüsseln, die nach und nach aufgesetzt wurden. War die Hofhaltung von größerem Zuschnitt, dann saßen Bauer und Knecht getrennt, aßen jedoch dasselbe, nur dass das Familienoberhaupt als erster sich schöpfte und die Bratenstücke vorschnitt. Die Vorbereitung des Essens war Sache der Hausfrau, der ihre Töchter oder auch Mägde zur Hand gingen, schon um Wasser zum Kochen vom Ziehbrunnen oder der gefassten Quelle zu holen. Da Brot und Brei die wichtigsten Nahrungsmittel waren (erst später wurde der Fleischverzehr größer), hatte die Hausfrau rechtzeitig für das Ausbacken der Brotlaibe zu sorgen, die in der Regel sechs Pfund schwer waren, was gerade für zwei Personen pro Tag ausreichte. Kleinbauern buken schon damals ihren Wochenvorrat im Gemeindebackofen aus. Frauensache waren der Unterhalt von Hühnern, Gänsen und Enten, deren Hut man vier- bis sechsjährigen Knaben anvertraute. Im Viehstall wurde Fütterung und Mistung von Männern besorgt, Melken, Buttern und Käsebereitung aber von den Töchtern und Mägden. Beim Schlachten der Rinder, vor allem der Schweine, hatten alle zuzugreifen und erhielten, ein seltener Fall durchdachter Arbeitsteilung, verschiedene Aufgaben zugeteilt. Schlachtungen, Höhepunkte des Alltags, gab es in der Regel im November, um genügend Fleisch und vor allem Fett für die kalte Jahreszeit zu haben, und im April, wo allerdings die Hauptmasse des Fleisches gepökelt oder geräuchert werden musste, damit es in der Sommerhitze nicht verfaulte. Die ganze Vorratshaltung war Sache der Frau, die genügend Sauerkraut einzuschneiden, Eier in Kalk einzulegen, Obst zu dörren, Wein zu keltern, Honig zu schleudern hatte, damit die Familie bis zur nächsten Ernte ausreichend ernährt werden konnte. An den Wintertagen wurde dann Flachs gesponnen oder Stoff für die Kleidung gewebt, oft von solcher Qualität, dass zwei Generationen die Gewänder trugen, ehe sie zerschlissen waren. Abendlieder, Gesang und Kurzweil in den Spinnstuben gehören einer viel späteren Zeit an, denn im Hochmittelalter waren Kerzen aus Wachs oder Talg zu rar, als dass man sie dutzendweise für Unnützes verbrannt hätte. Für die wenigen Tätigkeiten in Stall und Haus nach Einbruch der Dämmerung genügten blakende, rußende Öllämpchen. Mit den Hühnern ging man schlafen, mit ihnen stand man auch wieder auf.

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Info 18.01.2018 04:59
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