Freizeit, Lebenszeit, Kindheit und Alter

Im Unterschied zum heutigen Arbeitnehmer, der in der Regel durch Leistungssteigerung oder Übernahme größerer Verantwortung auch ein höheres Entgelt erzielen kann, war der Bauer des Hochmittelalters den Umweltbedingungen völlig ausgeliefert. Landstrich und Klima, Bodengüte und Wetter bestimmten den Erfolg seiner Mühen. Ein einziger Hagelschlag konnte die kostbare Getreideernte vernichten, eine Viehseuche den Stall leeren, Schädlinge seinen Obstgarten oder Weinberg vernichten. Keine Versicherung sprang da ein. Das Risiko konnte er nur etwas durch den Anbau vieler Früchte mindern, sodass nach dem Verlust des Getreides z. B. wenigstens Rüben und Hülsenfrüchte gediehen, das Kleinvieh von einer Rinderseuche verschont blieb. Diese Mischkultur erforderte aber den Einsatz aller auf dem Hof Lebenden, deren Arbeitskraft täglich so beansprucht war, dass eine Freizeit nicht entstand. Die Abende wie auch der arbeitsfrei gehaltene Sonntag wurden in der Regel zum Ausschlafen benutzt, sofern nicht das Vieh gefüttert, die Milchkühe gemolken werden mussten. Die freie Zeit mit Unterhaltung, Bildung oder Wirtshausbesuch zu füllen, fehlten die Mittel, denn es gab keine Vergnügungsindustrie, die Bauern waren Analphabeten und tranken ihren Obst- und Traubenwein zu Hause. An Urlaub, gar in fernen Ländern, war nicht zu denken, denn Arbeit fiel das ganze Jahr an, und die Abgaben waren in der Regel so reichlich, dass keine Ersparnisse gebildet werden konnten und dass jeder schon froh war, Dürre und Hitze, Dauerregen und Hagel, späten Frost und frühen Wintereinfall überlebt zu haben. Hinzu kam, dass Bildung damals kein ›Wert‹ an sich war wie heute und Reisen wegen ihrer Beschwerlichkeit und Gefährlichkeit sowieso fast so sehr gefürchtet wurden wie die Pest. Der frühe Arbeitseinsatz der Bauernsöhne, weniger der Töchter, ließ die Kindheit nach vier bis sechs Jahren enden, denn dann mussten sie als Hirten oder Stalljungen zu arbeiten beginnen. Die ›Jugend‹ dauerte dann nur weitere acht bis zehn Jahre. Nach dem salischen (fränkischen) Recht war man mit 14 Jahren volljährig, konnte in ein Kloster eintreten oder durfte heiraten. Die etwas verächtlich als »Kinderheiraten« abqualifizierten Ehen unter Jugendlichen waren nicht nur in Fürstenhäusern zur Wahrung und Mehrung des Besitzes und Einflusses üblich, sondern auf dem Lande gang und gäbe, denn auch hier konnte so durch Mitgift und Schwägerschaft Boden und Ansehen hinzugewonnen werden. Fügt man zur frühen physischen Arbeitsleistung und zur frühen Ehe mit zahlreichen Kindbetten der Frauen noch die zahlreichen Krankheiten, die man nicht zu bekämpfen wusste, dann überrascht nicht, dass das durchschnittliche Lebensalter für das 12./13. Jahrhundert mit 34 bis 37 Jahren angegeben wird. Wer dieses Alter überschritt, gar 50 oder 70 Jahre alt wurde, dem sollte man nicht nur Achtung aus der Pflicht des vierten Gebotes heraus, sondern weil er, dank längerer Lebenszeit, mehr beobachtet, erlebt und erfahren hatte als die Generation seiner Söhne und Enkel. Wissenschaftliche Erkenntnisse und deren technische Umsetzung für die Landwirtschaft gab es nicht, nur die überlieferte und durch eigenes Tun erworbene Erfahrung, die kostbar war, von der eigenen Familie und den Nachbarn beansprucht wurde. Die Großmutter wurde in Ehren gehalten, denn sie verstand sich auf die Krankheiten der Menschen wie des Viehs, sammelte Heilkräuter, mästete die Gänse, kümmerte sich um die Erziehung der Enkel, kannte vor allem Verwandtschaft und dörfliche Sitten ausgezeichnet. Die Großeltern, von schwerer Arbeit entlastet, kramten nahe und ferne Geschichten aus ihrem Gedächtnis, vermittelten der Jugend ohne Schule etwas allgemeine Kenntnisse, die bestenfalls in der Sonntagspredigt erweitert wurden. Alte Leute allerdings gab es wenige, denn man starb damals früh – der Spruch von Großmutter, Mutter, Tochter und Kind ist eine sehnsuchtsvolle Wunschvorstellung des 19. Jahrhunderts. Die mittelalterliche »Großfamilie« war nie so komplett, da viele Frauen schon im Kindbett sterben mussten.

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Info 18.11.2017 13:08
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