Nachbarschaftshilfe, Gemeinschaftsaufgaben und Schutz der Schwachen

Im Hochmittelalter war der Hausvater bei dringender Hilfe auf die Nachbarn angewiesen, die (bedenkt man die zahlreichen Heiraten im oder nahe beim Heimatdorf durch Generationen) alle mehrfach, wenn auch entfernt verwandt waren. Ging es ums Aufrichten eines neuen Dachstuhls, die Erbohrung eines Brunnens oder um Saatgut, dann konnte man mit der Hilfe der Nachbarschaft rechnen, denn Zimmerer, Brunnenbauer und Saatguthändler arbeiteten in der Stadt, verlangten für Arbeit auf dem Lande zu viel. Natürlich revanchierte man sich dann reihum beim Kalben einer Kuh, half mit Geräuchertem aus und besorgte beim nächsten Markt- und Messebesuch die gewünschten Artikel fürs halbe Dorf. Gemeinschaftsleistungen wie Brandbekämpfung oder Herrichten der Dorfstraße gelangen bei gutem Einvernehmen leichter. Wer niemandem etwas schuldig blieb, konnte sonntags nach der Kirche ebenso unbekümmert mitreden wie beim Flurgang, der die alten Grenzen immer wieder ins Gedächtnis rief. Damit auch die nachfolgende Generation diese Marken merke, schrieben viele Dorfrechte vor, dass den Knaben an den Wendepunkten kräftige Maulschellen zu verabreichen seien. Verwandte wie Nachbarn sollten bei jähem Tod des Hofbauern die Witwe und die Halbwaisen schützen. Die Befürchtung, dass sich Verwandte aufs Erbe werfen würden, scheint groß gewesen zu sein, denn der Schutz der Witwen und Waisen ist nicht nur ein häufiges Predigtthema, sondern auch im Gelübde enthalten, das der Edelknappe vor dem Ritterschlag abzulegen hatte. Wer nämlich den Schutz der Familie verlor, wer aus seinem Vaterhaus vertrieben wurde, war recht- und wehrloser als ein Höriger, den sein Herr in der Regel wegen seiner Arbeitskraft vor ungerechten Angriffen in Schutz nahm. Der ebenso geläufige Hinweis auf die Werke der Barmherzigkeit, die Schilderungen von Krüppeln und Schwachsinnigen, die wie Bettler die Kirchentüren der Städte und großen Dörfer belagerten, lässt ebenfalls schlechte Behandlung der »Mühseligen und Beladenen« vermuten, doch kann man von dieser öffentlichen Schaustellung nicht auf alle Haushaltungen schließen. In der Regel wird man auch im Gebrechlichen den Verwandten gesehen haben, den man »um Christi willen« mitzuschleppen hatte, auch wenn dies schwer oder lästig fiel. Mit Gottes und der Nachbarn Hilfe gegen alle Gefahren des Lebens
Bei den kräftigen Abgaben, die viele leisten mussten, waren die Bauern auf gutes Wachstum und eine reiche Ernte angewiesen, denn Rücklagen konnten nur wenige anhäufen. Wochenlange Dürre oder wochenlanger Regen, Hagelschlag und Schädlinge konnten Familien an den Bettelstab bringen. Mit Flur- und Bittprozessionen wollte man Gottes Ohr erreichen, der doch nicht zulassen konnte, dass seine geplagtesten Geschöpfe in Not gestürzt würden. Die Quellen und Brunnen, das Vieh und die Scheunen, den Hof und die Felder ließ man segnen und mit geweihtem Wasser besprengen, denn wenn man fromm und gerecht war, konnten die Plagen nur von Dämonen, nur vom Teufel selbst angestiftet worden sein. Mit mehrfachem Gebet am Tage, mit Weihwasser und Amuletten, mit Gelübden und Anruf der Wetterheiligen versuchte man einen Damm gegen die Naturkatastrophen aufzubauen. Wendete sich ein Unheil, dann mussten alle Versprechen eingelöst werden, die von Wachsspenden bis zu dem Gelöbnis reichten, einen der Söhne in ein Kloster zu geben. Verheerender wirkten in Stadt wie Land Brände, die immer wieder an offenen Herdstellen, nicht nur bei Schmieden, ausbrachen und rasend um sich griffen, da die Häuser fast ausschließlich aus zundertrockenem Holz aufgerichtet waren, nur reiche Kaufleute sich steinerne Stadtburgen hatten bauen lassen, wie sie z. B. in Regensburg noch zu besehen sind. Mit seinem Haus verlor der Bauer wie Handwerker nicht nur seinen Wohnraum, sondern auch seine Betriebsräume. Nur mit Hilfe von Verwandten und Nachbarn konnte er beides wieder aufbauen, Geräte wie Vieh zum Start geliehen erhalten. Fehlte diese Hilfe, so konnte er nur noch die Gnade des Grundherrn anrufen, denn einen Bankkredit für einen Bauern gab es nicht. Daher waren die scharfen Strafen verständlich, die gegen Brandstifter und Plünderer, aber auch gegen Wettermacher verhängt wurden. Diese Strafen vollzog man durchweg öffentlich, damit sich schon die Jugend einprägte, wie mit existenzbedrohenden Verbrechern verfahren wird. Aber auch leichte Vergehen wie Beleidigung und üble Nachrede wurden durch stundenlanges Prangerstehen des Delinquenten jedermann kund. Das Vorgehen war in den einzelnen Dörfern verschieden, die Schuldsprüche wurden mündlich weitergegeben und erst im 14. Jahrhundert aufgezeichnet. Diese »Weisthümer«, von den Brüdern Grimm zwischen 1842 und 1878 veröffentlichte Dorfrechte, sind wohl die besten Zeugnisse für den Alltag des hohen Mittelalters.

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Info 18.12.2017 00:20
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