Naturheilmittel

Mit der fortschreitenden kulturellen Entwicklung der Menschen wurden die verwendeten Heilmethoden und Medikamente allmählich klassifiziert und schriftlich festgehalten. Das war der erste Schritt auf dem Weg zu einer wissenschaftlich fundierten Medizin. Nur so konnte man nach und nach feststellen, welche der natürlichen Heilmittel über längere Zeit mit Erfolg angewandt wurden und welche sich als unwirksam erwiesen. Doch erst im 19. Jahrhundert begann man, den Wirkungsmechanismus bekannter Pflanzenheilmittel zu durchschauen. Inzwischen nämlich hatte sich die Chemie so weit entwickelt, dass molekulare Strukturen identifiziert, in Laboratorien künstlich hergestellt (synthetisiert) und dann klinisch getestet werden konnten. Die ältesten Naturheilmittel
Eine der frühesten »Arzneimittellisten« wurde von Dioskurides (im 1. Jh. n.Chr.), einem griechischen Arzt in römischen Diensten, zusammengestellt. Während seiner Reisen machte er Aufzeichnungen über die in verschiedenen Ländern üblichen Medikamente. Diese Notizen legten den Grundstein für eine Tradition, die zwar mit dem Römischen Reich untergegangen schien, aber im 15. Jahrhundert durch die Araber in Europa wiedereingeführt wurde. Zu jener Zeit nannte man die Arzneimittelverkäufer Aromatarii, weil sie hauptsächlich aromatische Pflanzenextrakte feilboten. Daneben gab es Medikamente aus tierischen oder anorganischen Grundstoffen. Der Schweizer Arzt und Naturphilosoph Paracelsus (1493-1541) wurde durch seine Quecksilber- und Opiumtherapie berühmt. Die Arzneimittelkunde als Wissenschaft wurde dann durch das Zusammenspiel verschiedenster Faktoren ein gutes Stück weitergebracht. Obwohl man bereits einige Tausend »Medikamente« für die unterschiedlichsten Leiden kannte, behaupteten manche der Alchimie verschriebenen Ärzte, dass es ein – noch unentdecktes – Mittel geben müsse, mit dem man alle Krankheiten besiegen könne. Die Vorstellung vom Allheilmittel entspricht anderen damals bei Alchimisten üblichen Anschauungen: So suchte man den »Stein der Weisen«, mit dessen Hilfe man andere Elemente in Gold verwandeln wollte, und den sogenannten Alkatest, ein Lösungsmittel für alle nur denkbaren Substanzen. Bei ihren Experimenten stießen die Alchimisten mehr oder weniger zufällig auf einige brauchbare Resultate. Raimundus Lullus (1235-1315) etwa soll herausgefunden haben, wie man reinen Alkohol herstellt. Die Verwendung reinen Alkohols erwies sich als äußerst vorteilhaft bei der Zubereitung von Tinkturen und Essenzen, weil sich viele Pflanzenwirkstoffe in Alkohol leichter lösen als in Wasser. Als dann die Europäer mit der Entdeckung fremder Erdteile begannen, lernten sie viele neue Pflanzen kennen. Diese wurden mit in die Arzneimittellisten eingefügt und mit anderen bereits bekannten Stoffen in alkoholischer Lösung gemischt. Die Isolierung der wirksamen Bestandteile
Das Hauptproblem bestand darin, herauszufinden, welche Substanzen in einer »Medizin« wirksam waren und welche nicht. Ein Beispiel von vielen: Als der englische Arzt William Withering (1741-99) wissen wollte, warum eine bestimmte Mischung aus Pflanzenextrakten einer alten Kräuterfrau bei Herzinsuffizienz so erfolgreich war, musste er 20 verschiedene Bestandteile dieses Saftes untersuchen, bevor er herausfand, dass die wirksame Substanz aus den Blättern des Fingerhutes stammte. (Dass es sich dabei um Digitalis-Glykosid handelt, wurde erst wesentlich später klar.) Als man dann schließlich die ganze Erde einigermaßen erforscht hatte, kannte man eine Unzahl von pharmakologisch wirksamen Pflanzenstoffen. Dazu zählte das aus Mohn gewonnene Opium, Emetin (ein Mittel gegen Amöbenruhr) aus der Brechwurzel, Chinin aus der Chinarinde, Rizinusöl aus Rizinussamen und Salizin aus Weidenzweigen. Eine starke Wirkung auf den menschlichen Organismus haben auch Belladonna, Strychnin und Curare, die schon vor langer Zeit, als Gifte gebräuchlich waren, in der richtigen Dosierung aber nützliche Medikamente darstellen. Allerdings mussten die wirksamen Bestandteile erst isoliert werden. Naturheilmittel im 19. und 20. Jahrhundert
Während des 19. Jahrhunderts machte die Chemie als exakte Wissenschaft rapide Fortschritte, und es gelang ihr, viele pflanzliche Wirkstoffe in kristalliner Form darzustellen. Sie wurden als organische Substanzen klassifiziert. Erst 1826 entdeckten Wissenschaftler, dass man solche Substanzen im Labor chemisch synthetisieren kann. 1828 stellte Friedrich Wöhler (1800-1882) Harnstoff aus Ammoniumcyanat her und gab damit der organischen Chemie eine neue Richtung. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man angenommen, dass organische Stoffe nur in lebenden Organismen entstehen können. Allerdings sind einige pflanzliche Medikamente in ihrer chemischen Struktur so kompliziert, dass es selbst heute noch wirtschaftlicher scheint, sie aus den Pflanzen zu extrahieren, statt sie synthetisch herzustellen. Die komplexe Struktur einiger Pflanzenheilmittel wurde erst im 20. Jahrhundert entschlüsselt, als bessere Methoden der Analyse zur Verfügung standen. Andererseits muss man, um eine chemische Substanz abzuwandeln, ihre Molekularstruktur gar nicht vollständig erforscht haben. Durch immer neue Experimente gelang es den Chemikern nach und nach, die Pflanzenheilmittel zu verbessern, indem sie verwandte Substanzen herstellten, die in der Wirkung sicherer oder stärker waren oder die weniger Nebenwirkungen hatten. Das war der Anfang der heutigen pharmazeutischen Industrie.

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Info 26.09.2017 - 00:07
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