amo

Die Entwicklung der modernen Chirurgie

Unter Chirurgie versteht man die operative Behandlung von Verletzungen, Missbildungen und anderen Erkrankungen, die sich mit konservativen Methoden allein nicht heilen lassen. Bereits unsere Urahnen praktizierten eine einfache Form von Chirurgie: Sie schienten gebrochene Glieder, verbanden Wunden, öffneten Abszesse oder zogen Zähne. Darüber hinaus hat es den Anschein, dass sie auch schon kompliziertere Eingriffe mit gewissem Erfolg vornahmen. Der Erwerb anatomischer Kenntnisse Schon vor 10 000 Jahren waren die Medizinmänner in der Lage, eine Trepanation durchzuführen, d. h. ein Stück des Schädelknochens zu entfernen, offenbar um Kopfschmerzen oder Wahnsinn zu kurieren, wobei man annahm, der »böse Geist« würde durch das Loch im Schädel entweichen. Die Römer konnten bei Geburtshindernissen bereits Kinder mit dem sogenannten Kaiserschnitt aus dem Mutterleib holen. Im Allgemeinen jedoch war die Chirurgie auf einfache äußere Handgriffe beschränkt. Jeder Chirurg muss über Aufbau und Funktion des menschlichen Organismus genauestens Bescheid wissen. Bis ins späte Mittelalter war die Chirurgie aber nichts weiter als ein primitives Handwerk (oft vom Bader, also dem Friseur, nebenbei ausgeübt), weil kein Arzt über ausreichendes anatomisches Wissen verfügte. Um dieses zu erwerben, muss man Leichen sezieren was von Kirche und Staat jahrhundertelang streng verboten war. Erst seit dem 15. Jahrhundert konnten die Mediziner nach und nach Anatomie betreiben und so Lage und Struktur der inneren Organe erforschen. Der Franzose Ambroise Pare, der oft als »Vater der Chirurgie« bezeichnet wird, machte von den neuerworbenen Kenntnissen als einer den ersten praktischen Gebrauch. Im frühen 17. Jahrhundert folgte die Entdeckung des Blutkreislaufs durch den Engländer William, Harvey (1578-1657). Der Kampf gegen Schmerzen und Infektionen
Auch die umfassendsten anatomischen Kenntnisse konnten nichts zur Lösung der beiden Hauptprobleme beitragen, die sich für Arzt und Patient bei jeder Operation stellten: Schmerz und Infektion. Erst das 19. Jahrhundert brachte hier  den  großen Umschwung. Den ersten Schritt in dieser Richtung tat der amerikanische Zahnarzt Horace Wells (1815-1848). 1844 benutzte er erstmals Lachgas, um seine Patienten beim Zähne ziehen zu betäuben. Schon ein paar Jahre später wurden Äther und Chloroform als Narkotika bei größeren Eingriffen verwendet. Wells’ Landsmann William Morton (1819-69) erwarb sich besondere Verdienste um die Äthernarkose. Als nächstes wurde die Chirurgie durch die Entdeckung der Antisepsis revolutioniert. Bis ins Viktorianische Zeitalter hinein nämlich waren – meist tödliche – postoperative Wundinfektionen an der Tagesordnung. Die Ursache dieser Wundinfektionen blieb lange rätselhaft, bis der Franzose Louis Pasteur (1822-95) nachweisen konnte, dass sie durch Bakterien hervorgerufen werden. Der erste Chirurg, der Sinn und Konsequenzen dieser Entdeckung voll erfasste, war der englische Wissenschaftler Joseph Lister (1827-1912). Er fand heraus, dass antiseptische Lösungen, z. B. Karbolsäure, Bakterien töten und damit die Infektion von Operationswunden verhindern können. Lister legte seine Instrumente in antiseptische Lösungen und deckte die Wunden mit sterilen Verbänden ab. Die postoperative Todesrate nahm wesentlich ab. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die antiseptische durch die aseptische Chirurgie verdrängt. Das Ziel dabei ist es, die Bakterien von vornherein soweit als möglich vom Patienten fernzuhalten. Die Chirurgen entwickelten ein aseptisches (bakterienfreies) Verfahren, bei dem das Operationsfeld durch voroperatives Waschen mit bakteriziden (bakterientötenden) Lösungen gesäubert wird. Sterile Tücher, Mäntel und Masken wurden eingefühlt, und Operateur und Assistenten begannen, sich vor jeder Operation mindestens 5 Minuten lang die Hände mit Desinfizientien zu reinigen. Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme erfand William Halstead (1852-1922) in den USA die sterilen Gummihandschuhe. In den zwanziger Jahren begann man mit Bluttransfusionen, die es ermöglichten, Volumenverluste während einer Operation auszugleichen. Um dieselbe Zeit gelang es durch weitere Fortschritte auf dem Gebiet der Anästhesie zum ersten Mal, erfolgreich den Thorax (Brustkorb) zu öffnen und an der Lunge zu operieren. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wagten es Thoraxchirurgen bereits, einen Finger ins Herz zu stecken, um stenosierte (verengte) Herzklappen zu erweitern. Dann fand man Wege, um die Körpertemperatur des Patienten bei der Operation so weit zu senken (Hypothermie), dass das Herz für kurze Zeit ausgeschaltet und operativ behandelt werden konnte. Die jüngsten Fortschritte der Chirurgie
Die Einführung der Herz-Lungen-Maschine, die die gesamten Kreislauf- und Atemfunktionen übernimmt, ermöglichte es den Chirurgen, längere und kompliziertere Eingriffe durchzuführen und schließlich sogar, Herzen zu verpflanzen. In den sechziger und siebziger Jahren begann man in größerem Umfang mit dem Transplantieren von Organen (Nieren, Lungen usw.). Allerdings schlagen diese Eingriffe noch immer häufig fehl, vor allem wegen Abstoßungsreaktionen. Trotzdem lassen uns die Fortschritte der modernen Chirurgie auf eine Zeit hoffen, wo man ohne besondere Schwierigkeiten jedes verletzte oder sonstwie geschädigte Organ durch ein neues, intaktes wird ersetzen können.

emu