Der gesunde und der kranke Mensch

Vor vielen tausend Jahren lebten die Menschen als Jäger, die ihre Beute verfolgten und sie mit Steinäxten angriffen. Bei Sturm und Kälte suchten sie in Höhlen Schutz. Für dieses beschwerliche Leben waren die Menschen besser ausgerüstet als andere Säugetiere: Sie konnten längere Hungerperioden und die Strapazen der Jagd ertragen und in Notsituationen schnell und vernünftig reagieren. Die Gefahren der Bequemlichkeit
Äußerlich unterscheidet sich der moderne Mensch nur wenig von seinen Vorfahren, doch wächst er unter ganz anderen Bedingungen auf. Nahrung gibt es im Überfluss, körperliche Betätigung ist seltener und psychischer Stress – zumindest bei der Großstadtbevölkerung – an der Tagesordnung. Unsere Urahnen liebten den Geschmack süßer Beeren und versorgten sich dabei gleichzeitig mit wichtigen Vitaminen. Die Vorliebe für Süßigkeiten besteht weiterhin – sie wird mit Schokolade, Zucker und anderen Kohlenhydraten befriedigt, die den Bedarf des Körpers oft weit übersteigen. Das Leben in der sogenannten Wohlstandsgesellschaft führt oft zu Übergewicht bei gleichzeitiger seelischer und geistiger Anspannung. Um dem Stress zu begegnen, raucht der moderne Mensch Zigaretten, trinkt Alkohol und nimmt Beruhigungsmittel, was auf die Dauer schwere Gesundheitsschäden verursachen kann. Ursprünglich geschaffen, um den Widrigkeiten des Lebens in der freien Natur zu begegnen, lebt er nun in einer Umwelt, die er selbst mit Hilfe seines Intellekts zu dem gemacht hat, was sie ist. Unser Organismus ist für dieses Leben nur schlecht geeignet. Die in hochentwickelten Ländern häufigen Krankheiten lassen sich auf eben diese Diskrepanz zwischen der körperlichen und der sozialen Entfaltung des Menschen zurückführen. Lebensgefährliche Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Pocken oder Cholera sind in unseren Breiten fast ausgerottet. Stattdessen verursacht falsche Ernährung einen zu hohen Cholesterinspiegel, Dauerte kann zu Blutdruckanstieg führen. Diese Faktoren erhöhen zusammen mit Übergewicht und Nikotinabusus die Gefahr einer Herzerkrankung ganz wesentlich. Der Begriff »Gesundheit« ist schwer zu definieren. Man könnte Gesundheit als die subjektive Fähigkeit, mit dem Leben fertig zu werden, bezeichnen. Erst wenn sich jemand subjektiv krank fühlt, geht er zum Arzt. Dabei lässt man jedoch außer acht, dass manche Krankheiten über lange Zeit gar keine Symptome hervorrufen. Deshalb neigt man in den Industrieländern dazu, die Bevölkerung von Zeit zu Zeit unabhängig vom jeweiligen Befinden zu untersuchen, um etwaige Erkrankungen im Anfangsstadium zu erfassen. Vorbeugende Medizin
Regelmäßige Untersuchungen können nicht nur die Verbreitung von Infektionskrankheiten verhindern, sondern auch die Sterblichkeit durch Infarkt oder Krebs reduzieren. Kann man diese Krankheiten im Frühstadium erkennen, so ist eine Therapie natürlich viel erfolgversprechender. Amerikanische Studien haben gezeigt, dass die Sterblichkeit gerade unter Leuten, die sich regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen unterziehen, geringer ist. Eine in den USA durchgeführte Kampagne zur Erkennung von Herzerkrankungen scheint die Zahl der tödlichen Herzkomplikationen bereits herabgesetzt zu haben. Die Gegner der Vorsorgeuntersuchungen behaupten, dass eine Krankheit erst beginnt, wenn sich Symptome zeigen, und dass andererseits ein überängstliches Verhalten erst zu Erkrankungen führt. Eine neuere englische Untersuchung hat ergeben, dass sich unter 25 000 auf Zuckerkrankheit getesteten Personen mehr bisher unerkannte als bereits diagnostizierte Diabetiker befanden. Erstere waren großenteils beschwerdefrei. Ferner ist zu bedenken, dass Krankheit und psychische Belastung eng verknüpft sind. Einem Herzinfarkt beispielsweise geht in vielen Fällen ein äußerst stress reiches Dasein (sogenannte Managerkrankheit) voraus, oft wird das Ereignis sogar durch eine extreme geistig-seelische Belastung ausgelöst. Die Beziehung von Krankheit und Stress ist so klar definiert, dass sich die Chancen etwa für ein Infarktgeschehen ungefähr vorausberechnen lassen. Den Ereignissen im Leben eines Menschen wird eine bestimmte Wertigkeit zugeordnet: Ganz oben auf der Gefahrenliste steht ein Todesfall in der Familie oder nahen Verwandtschaft, gefolgt von häuslichen Auseinandersetzungen, Ärger im Berufsleben usw. Die Gefährdung des einzelnen wird durch Zusammenzählen aller Punkte abgeschätzt. Eine neuere, an Seeleuten durchgeführte Studie hat die Zuverlässigkeit dieser Methode bestätigt. Modekrankheiten
Auch die Medizin ist dem Wandel der Mode unterworfen. Krankheitsbilder und Symptome wechseln genau wie die Methoden der Behandlung. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte es zum guten Ton, an einer milden Form von Hysterie zu leiden. Keine Handtasche war damals vollständig ohne ein Fläschchen mit Riechsalz, um die häufigen Ohnmachten zu kurieren. Heute sind Depressionen an der Tagesordnung, gekennzeichnet durch Müdigkeit, Verlangsamung, Unlustgefühle und ein Sich zurückziehen vor der Wirklichkeit. Der Zustand wird mit Antidepressiva oder Tranquilizern bekämpft. In den vierziger Jahren wurden fast jedem Kind die Mandeln entfernt, heute wird der Eingriff nur noch in wirklich notwendigen Fällen durchgeführt. Auch wechselt die medizinische Mode von Land zu Land: In Amerika ist im Gegensatz zu Europa die Beschneidung der häufigste operative Eingriff.