Sturm über dem Frankenreich

Mehr Erfolg war den skandinavischen Seeräubern beschieden, die während des gesamten 9. Jahrhunderts das Karolingerreich heimsuchten. Nach den ersten Überfällen auf Aquitanien (799) und Friesland (um 800) sah sich Karl der Große genötigt, an den Nordwestgrenzen seines Reiches befestigte Stützpunkte (z. B. Itzehoe) anzulegen und eine ständige Küstenwache einzurichten. Während der Regierungszeit Ludwigs des Frommen (814-840) beschränkten sich die Wikinger im Wesentlichen noch auf blitzschnelle Beutezüge im Küstenbereich: Unvermittelt tauchten im Morgengrauen die Piraten auf, stürmten aus ihren Drachenbooten mordend und plündernd in die Hafenstädtchen oder Klöster und waren mit ihrer Beute verschwunden, noch ehe sich die überraschten Opfer zu einer wirksamen Gegenwehr aufraffen konnten. Zurück blieben geschundene oder getötete Menschen, entweihte Kirchen und schwelende Häuserruinen. Schon die Zeitgenossen erkannten, dass erst die Selbstzerfleischung des fränkischen Adels in den Bruderkriegen der Enkel Karls des Großen die verheerenden Überfälle der Wikinger möglich machte: »Man ließ die Wache an den Küsten des Ozeans im Stich, die auswärtigen Kriege hörten auf, innere tobten, die Zahl der Schiffe vergrößerte sich, und die Menge der Normannen wuchs ins Grenzenlose« (Ermentarius). Schon bald fuhren die nordischen Räuber auch in die großen Ströme ein und begannen, deren Uferbezirke zu verwüsten. Sie führten jetzt auch erbeutete Pferde auf ihren Booten mit und sandten Stoßtrupps selbst zu den entlegensten Klöstern, deren Beutewert sie rasch begriffen hatten. Gefangene mussten gegen hohes Lösegeld freigekauft werden, wenn sie nicht überhaupt als Sklaven verschleppt wurden. Im Jahre 845 sanken Nantes, Paris und der neugegründete Erzbischofssitz Hamburg in Schutt und Asche. Aber die eigentliche Welle der Normanneneinfälle setzte erst nach der Jahrhundertmitte ein: 853 ging St. Martin in Tours, das fränkische Nationalheiligtum, in Flammen auf, bald wurden Toulouse und Orleans überfallen, Arles und Lyon berannt, Pisa gebrandschatzt und die Küstenstadt Luna, die man fälschlich für Rom hielt, durch heimtückischen Vertragsbruch genommen und vollständig verwüstet. Vereinzelte Abwehrerfolge wie der im »Ludwigslied« überschwänglich gefeierte Sieg des westfränkischen Karolingers Ludwig III. bei Saucourt am 3. August 881, bei dem angeblich 9000 normannische Reiter auf der Walstatt blieben, schienen die Kraft der Feinde nicht im geringsten zu schwächen. Denn, so berichtet der Annalist aus dem Kloster Fulda, »nachdem diese ihr Heer erneuert und die Zahl ihrer Reiter vermehrt hatten, verwüsteten sie sehr viele Orte im Reich unseres Königs, nämlich Cambrai, Utrecht, den Haspengau und ganz Ripuarien, auch die vornehmsten Klöster daselbst, Prüm, Inde, Stablo, Malmedy und die Pfalz Aachen, wo sie die Kapelle des Königs zum Stall für ihre Pferde machten. Außerdem verbrannten sie Köln und Bonn mit Kirchen und Gebäuden«. In panischer Angst flohen Priester und Nonnen mit den Reliquienschätzen ihrer Kirchen nach Mainz, dessen verfallene Römermauern eilig erneuert wurden. 882 wurde Trier eingeäschert, und erst vor Metz und Reims entschlossen sich die Flusspiraten zur Umkehr. Scharen von Flüchtlingen und Bettlern bevölkerten in jenen unruhigen Jahrzehnten die Straßen, und die Not wurde so groß, dass die Menschen nach dem Bericht eines Chronisten gezwungen waren, ihr Mehl mit Erde zu vermischen, um daraus Brot zu backen, dessen Menge aber auch so noch nicht ausreichte. Schließlich war das Kernland des Reiches so sehr zur Wüste geworden, dass die Wikinger im Jahre 892 abzogen und sich für einige Jahre nach England wandten, um nicht selbst zu verhungern.

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Info 22.11.2017 17:28
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