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Reichsteilungsprinzip und Unteilbarkeitsgedanke

Nach fränkischem Brauch wurde ein Königreich beim Tod eines Herrschers gewöhnlich auf dessen Söhne aufgeteilt. Dagegen galt das Kaisertum nach römischer Tradition von jeher als unteilbar. Aus dieser widersprüchlichen Sachlage mussten von den Herrschern Auswege gesucht werden, die stets unterschiedlich ausfielen. In der Reichsteilung von 806 (»Divisio Regnorum«) hatte Karl, wie wir schon gesehen haben, jedem Sohn einen eigenen Reichsteil zugesprochen. Alle drei sollten Zugang nach Italien haben und gemeinsam den Schutz der römischen Kirche übernehmen. Eine Verfügung über das Kaisertum traf Karl nicht. Man darf aber deshalb nicht annehmen, Karl hätte nicht den Wunsch gehabt, einen seiner Söhne auf dem Kaiserthron zu sehen. Der Tod zweier Söhne klärte die Lage und erhielt die Reichseinheit, sie wollte auch Ludwig der Fromme wahren. In einer Art Erbfolgeregelung von 817 (»Ordinatio Imperii«) ordnete er an, dass der Einheit der Kirche die Einheit des Kaisertums entsprechen müsse. Deshalb ließ er seinen ältesten Sohn Lothar zum Mitkaiser wählen, gab den jüngeren Söhnen Teilreiche an den Rändern des Reiches und setzte sie dort zu Unterkönigen ein, die dem Kaiser streng untergeordnet waren. Ludwig der Fromme hatte damit den konsequenten Versuch einer Synthese zwischen römischer Einheitsidee und fränkischem Teilungsprinzip gemacht, den er jedoch kurz darauf wieder aufgab und damit das Reich in kriegerische Wirren, von denen ein früheres Kapitel dieses Buches ausführlich gehandelt hat, stürzte. Sie fanden ihren Abschluss im Vertrag von Verdun 843, der in der Folge den Verfechtern des Teilungsgedankens die Oberhand gab: Das Imperium war damit sozusagen mit dem Reichsteil Lothars I. gleichgesetzt – der schmalen »Kegelbahn« von der Nordsee bis Rom -, die Teilreiche Ludwigs II. und Karls II. entzogen sich zunehmend der kaiserlichen Gewalt und entwickelten allmählich ihr ›nationales‹ Eigenleben. Der Teilungsgedanke überflügelte den der Einheit. Lothar hatte als Kaiser vor den anderen Königen nur noch einen ideellen Vorrang, denn die territorialen Grundlagen seiner Macht waren auf einen schmalen Streifen in der Mitte Europas zusammengeschnurrt. Dass dies weniger Untertanen und damit kleineres Heeraufgebot bedeutete, ist nur ein Aspekt für die schwindende Stärke des Kaisers. Nach seinem Tod 855 wurde sein Reich, das Mittelreich, noch einmal geteilt – und nun überwölbte das Imperium nicht mehr das Regnum Francorum, auch nicht mehr das Mittelreich, sondern einzig und allein nur noch Italien. Es war damit aus dem alten Frankenreich ganz und gar ausgeschieden. Aachen, die Stadt Karls des Großen, verlor ihre zentrale Stellung. Hincmar von Reims, ein Chronist, konnte den neuen Kaiser, Ludwig II., leicht verächtlich als den »sogenannten Kaiser Italiens« bezeichnen.

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