Der Niedergang und die Erneuerung des Kaisertums

Nach langjährigen Wirren, in deren Verlauf die reale Macht und der Einfluss der Kaiser immer geringer wurden, entwickelte sich der Kaisertitel nach der Absetzung des unfähigen Karolingerkaisers Karls des Dicken 887 zum Streitobjekt oberitalienischer Herzöge und Grafen. Parallel dazu setzte sich auch die päpstliche Vorstellung vom Kaisertum durch, wonach ja der Papst als Verwalter der kaiserlichen Würde verstanden, Ablehnung oder Durchführung einer Krönung in sein Ermessen gestellt wurde. Ein Indiz dieser Stärkung der kirchlichen Seite: Ab ungefähr 850 setzten die Päpste die Krönung in Rom durch – nicht die Selbstkrönung, sondern die Krönung durch den Papst wird damit in den kommenden Jahren zur Regel. Trotzdem blieb es nicht sehr lange so schlecht um das Kaisertum bestellt, denn der Kirchenstaat verfügte über wenig wirkliche Macht: er hatte keine Truppen und auch kein Geld, um arabische, normannische und stadtrömische Übergriffe selbstständig abwehren zu können – und nach den letzten schwachen Karolingerkaisern kam mit Heinrich I. ein König, dem der Sieg über die Ungarn so viel Ansehen als Sieger über die Heiden verliehen hatte, dass er, wie uns sein Biograf Widukind berichtet, eine Romfahrt plante. Und was außer der Kaiserkrone konnte das Ziel einer solchen Fahrt sein? Die innenpolitische Konsolidierung in seinem Reich war Anlass genug für Heinrich I., nach einer, und zwar nach der überlieferten, ideellen Überhöhung seines Königtums zu streben. Seine Herrschaft war ja fest genug in den vier Stämmen verankert, der König und die Stammesherzöge waren durch das Lehnsrecht persönlich eng verbunden, die Einflusssphären waren damit abgesteckt. Die Unteilbarkeit des Königreichs hatte sich außerdem mittlerweile durchgesetzt und somit mögliche Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt. Die gewonnene Unabhängigkeit gegenüber dem Westfrankenreich und die Reichskirche gaben dem Regnum ausreichende Stabilität. Trotzdem war eine Königskrone nur wenig mehr wert als ein Herzogshut. Denn im Grunde ihres Herzens strebten die Stammesherzöge immer – wenn auch mehr oder weniger offen – nach der Vergrößerung eigener Selbstständigkeit und nach Ausweitung ihrer Machtbefugnisse. Zur dauerhaften Unterordnung dieser Kräfte, die es darauf angelegt hatten, die Reichseinheit zu sprengen, waren weitere Weihen nötig, nämlich spektakuläre, publikumswirksame Feiern im Stil von 800. Der Tod vereitelte jedoch Heinrichs I. Plan. Otto I. setzte diese Weihen zielstrebig in Szene. Er kannte die karolingische Überlieferung genau genug, um diese Tradition souverän Wiederaufleben zu lassen. So erwarb er sich zunächst Einfluss in Oberitalien, ließ sich dort von den Großen huldigen und trug wie Karl fortan den Titel »König der Franken und Langobarden« – die erste Hürde zum Kaisertum war genommen, der Papst zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht auf einen fränkischen Helfer angewiesen: Ottos I. Anfrage in Rom, wie es denn mit einer Kaiserkrönung stünde, wurde von dort abschlägig beschieden. Für Otto I. und seine Reisebegleiter war dies sicher eine herbe Enttäuschung, weil man bereits vor der Anreise nach Italien fest mit der Kaiserkrönung gerechnet und eine herrliche Krone in die Koffer gepackt hatte. Erst der spektakuläre Sieg über die Ungarn – man feierte Otto I. daraufhin stürmisch und rief ihm schon den Ehrentitel »Imperator« zu – und die Bedrängnis des Papstes durch den so kriegslustigen, oberitalienischen Markgrafen Berengar II. machten den Weg frei nach Rom. Der Sieg über die »Heiden« war, so deutete es jedenfalls der Papst, Anlass und Grund dafür, dass Otto I. von seiner Hand nun endlich zum Kaiser gekrönt werden konnte. Dagegen bewegte sich die ottonische Vorstellung vom Wesen des gerade erneuerten Kaisertums ganz in karolingischen Bahnen. Dies machte schon der äußere Ablauf des Krönungszeremoniells sichtbar. Wie an Weihnachten 800 war es eingeteilt in die Etappen Sicherheitseid, Salbung und Krönung durch den Papst, Beifallsrufe der Römer. Fest in der karolingischen Tradition verwurzelt, nannte Otto I. sein Kaiserreich auch »Reich der Franken« und erneuerte ganz folgerichtig alle Verträge, die bisher zwischen den Päpsten und den Kaisern geschlossen worden waren. Gleichzeitig baute er aber in einen berühmten Vertrag, das »Ottonianum«, auch Sicherungen ein, um den päpstlichen Einfluss auf das Kaisertum möglichst gering zu halten: danach durften die Römer keinen Papst ohne kaiserliche Zustimmung wählen, und die gewählten Päpste mussten jedem Kaiser von nun an den Treueid schwören. Neben dieser intensiven Wiederbelebung karolingischer Traditionen wies Ottos I. Imperium jedoch auch deutliche Unterschiede zu dem seines verehrten Vorgängers auf dem Thron auf: Otto I. war nur Herr eines einzigen Königreiches, seine territoriale Basis war mit Deutschland, Burgund und Italien weitaus schmaler, dafür aber auch straffer durchorganisiert. Der Kaisertitel war fortan mit der deutschen Königskrone gekoppelt. Er setzte die konkrete Machtbasis in den drei Regna voraus und überwölbte diese ideell. Die Krönung in Rom leitete eine relativ feste Verbindung mit dem Papst und vermehrtes Italienengagement ein. Dies wiederum hatte eine oft jahrelange Abwesenheit der Kaiser zur Folge. Otto I. hielt sich ganze zehn Jahre in Italien auf, und es gehört nicht allzuviel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, dass die Herzöge in den Perioden kaiserlicher Abwesenheit in Deutschland machten, was sie wollten. Als Resümee lässt sich festhalten: Obwohl man sich bemühte, ein vom Papst unabhängiges Kaisertum zu errichten und dafür besonders die karolingischen Traditionen mitunter fast bis zu einem wahren Karlskult betonte, war das ottonische Kaisertum doch weitaus mehr mit dem Papst verbunden, als es das karolingische Imperium jemals gewesen war. Die problematischen Folgen ließen auch nicht lange auf sich warten: Wenn man das Kaisertum als ein von Gott verliehenes Amt mit sakralem, d. h. heiligem Charakter versteht, so ist es dennoch genausowenig wie der Inhaber dieses Amtes selbst heilig. Der Papst konnte sich mit dem Kaiser also nach dieser Definition zumindest gleichrangig fühlen. Bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts war die Unterordnung der Päpste unter die deutschen Kaiser jedoch relativ unproblematisch – eine veränderte Machtkonstellation sollte sich erst im Investiturstreit entladen, dessen Höhepunkt, der Gang nach Canossa 1077, inzwischen fast sprichwörtlich geworden ist.