Auftrag und Ziel der Nachfolger Ottos des Großen

Die üblichen Hilfeleistungen für den Papst erweckten zunächst den Eindruck, als bewege sich der mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu vermählte Sohn Ottos I. ganz in den überkommenen Bahnen der väterlichen Politik. Aber eine Siegelumschrift Ottos II. markierte bald deutlich die Wende: »Kaiser der Römer« – damit verkündete der junge Herrscher weltweit seinen Absolutheitsanspruch und stellte sich als legitimer Nachfolger der römischen Cäsaren dar. Er interpretierte das Kaisertum also gerade in der Art und Weise, die Otto I. stets vermieden hatte. Die militärischen Aktionen Ottos II. gegen Byzanz waren ein unzweideutiger Ausdruck seines Kurswechsels. Sie führten zur Niederlage bei Cotrone und vielleicht auch zum frühen Tod des Kaisers, dessen kluge Gattin seine Politik allerdings kontinuierlich in seinem Sinne fortsetzte. Was waren die Gründe für das Vordringen der römischen Kaiserkonzeption? Zum einen war die Verwandtschaft mit dem byzantinischen Herrscher nach dem Tod des Schwagers Nikephoras Phokas weniger eng. Die Rivalität zwischen dem östlichen und dem westlichen Kaiserhaus entstand fast zwangsläufig und musste von dem deutschen Kaiser, der in den Augen der traditionsbewussten, altehrwürdigen byzantinischen Kaiser ja ein Aufsteiger, ein Emporkömmling war, durch eine griffige Formel zumindest verbal entschärft werden. Die Urkunden der Zeit geben Anlass anzunehmen, dass diese Überlegung nicht ganz falsch ist. Das Finden einer schlagkräftigen Selbstinterpretation wurde dadurch erleichtert, dass Otto II. andererseits Kontakt zu Vertretern einer geistigen Strömung hatte, die die römische Kaiserkonzeption wiederbeleben wollten. Chefideologe dieser »Renovatio«-(d. h. Wiederbelebungs-)Politik war ein Geistlicher in Frankreich, nämlich Gerbert von Aurillac, der größte Gelehrte seiner Zeit, vertraut wie kein anderer mit der Welt der Antike. Bald sollte er als Papst Silvester II. noch größere Möglichkeiten zur Realisation seiner Idee vom Kaisertum bekommen. Es war der Sohn Ottos II., der Gerbert auf den Papstthron setzte und damit dessen Vorstellung vom Kaisertum allgemein sichtbar zu der seinen machte. Unter Otto III. erfuhr die ›römische‹ Konzeption des Imperiums ihre höchste Steigerung, sie zeigte aber auch ihre Grenzen. Er trat von Anfang seiner Regierung mit dem Plan auf, das römische Kaisertum wiederherzustellen, begriff deshalb sein Königtum nur als eine Vorstufe zum Kaisertum, maß dem deutschen Königreich weitaus weniger Bedeutung bei, als seine Vorgänger dies getan hatten, und umgab dafür das Imperium mit dem Glanz einer Gottunmittelbarkeit, die in den Urkunden der Zeit fast selbstverständlich für Ottos III. Herrschaft in Anspruch genommen wurde. Gegenüber dem Papst nahm er eine klar umrissene Führungsposition ein: Er setzte zunächst seinen Vetter Brun als Gregor V. auf den Papstthron und entwickelte damit ein ganz anderes Vorgehen als sein Großvater, der stets ausschließlich Römer aufgestellt hatte. Er erneuerte das Pactum Ottonianum nicht und erklärte rundheraus, die Konstantinische Schenkung sei eine Fälschung. Er hatte ganz andere Vorstellungen von den kaiserlichen Rechten in Rom als seine Vorgänger und zeigte dies sehr deutlich. Da er mit seinen Päpsten auf freundschaftlichem Fuße stand, konnte der italienische Rhetor und Rechtsgelehrte Leo von Vercelli die große Harmonie zwischen dem weltlichen und dem geistlichen Oberhaupt besingen. Dieser Einklang zeigte sich bei gemeinsamen Synoden und beispielsweise in der Tatsache, dass der Kaiser päpstliche Urkunden unterzeichnete und umgekehrt. Aber auch auf außenpolitischem Gebiet setzte Otto III. die angestrebte enge Verquickung von Römischem Reich und römischer Kirche immer entschiedener und mit weitreichenden Folgen durch: Mit der Errichtung von Erzbistümern in Gnesen und Gran löste er diese aus dem Zuständigkeitsbereich der deutschen Kirche, gestand ihnen eine eigene kirchliche Organisation zu und verband sie unmittelbar mit der römischen Kirche. Entsprechend veränderte er auch die politische Ordnung im Reich: die Herzöge von Polen und Ungarn wurden zu »Freunden des römischen Volkes« erhoben und damit aus der bisherigen quasi lehnsrechtlichen Bindung an das deutsche Regnum entlassen – ein Vorgang, den einige Zeitgenossen gar nicht positiv aufnahmen, denn damit würden aus Tributpflichtigen wahre »Herren« gemacht. So klingt zumindest bei dem Otto III. sonst sehr wohlgesonnenen Thietmar von Merseburg die Kritik an. Otto III. dagegen wollte -so sah er selbst es – Polen und Ungarn lediglich enger in die ›höhere‹ Ordnung des Imperium Romanum einbeziehen. Dies war eine Maßnahme, die schließlich zur staatlichen Verselbstständigung Polens und Ungarns führte, andererseits aber auch unmittelbar eine gute Seite für das Deutsche Reich hatte, insofern der Osten Europas gegenüber byzantinischen Expansionsgelüsten gestärkt wurde. Weitere Aktionen des jungen Herrschers mussten auf manche Zeitgenossen geradezu revolutionär gewirkt haben: Er band Deutschland und Italien organisatorisch enger zusammen, indem er statt der bisherigen getrennten nun eine gemeinsame Verwaltung durch einen einzigen Kanzler einrichtete, er verlegte die Reichsresidenz von Aachen nach Rom – also in die Stadt, die bisher nur den Aposteln und Päpsten vorbehalten war, er ließ sich wieder nach altem römischen Zeremoniell huldigen und verwendete römische und byzantinische Titel, die über lange Zeit ganz aus der ›Mode‹ gekommen waren. Denkt man noch an die spektakuläre Öffnung des Grabes Karls des Großen, so kann man zusammenfassend für Ottos III. Politik sagen, dass er karolingische, ottonische, römische und antike Traditionen aufgefasst, verschmolzen, insgesamt gesteigert und in den Dienst kaiserlicher Selbstdarstellung genommen hat. Die Gefahren dieser durch rasche Erfolge kurzfristig glanzvollen Politik machten sich auch schon bald bemerkbar: Ottos III. allzu starke Konzentration auf Rom (d. h. konkret: lange Abwesenheit des Kaisers und Königs aus seinem deutschen Reich) minderten den Grad der Beherrschung dieses Reiches. Denn Herrschaft ist im Mittelalter stets an die Person des Herrschers gebunden. Ist er zu häufig abwesend, fehlt das sichtbare Symbol für Herrschaft – Macht und Ansehen können dann an die Herzöge übergehen. Ottos III. Außenpolitik – man kann sie imperial nennen – musste labil bleiben, da die ungarischen und polnischen Könige nicht wie bisher durch das Lehnsrecht persönlich an den deutschen König gebunden und somit zur Loyalität verpflichtet waren. Und schließlich scheiterte sein politisches Ziel an der Unwilligkeit der Römer, auf dem Aventin, dem früheren Regierungssitz der römischen Cäsaren, Ottos Kaiserpfalz zu dulden – sein Imperium, das Roma, Germania, Gallia und Sclavinia überspannen sollte, wurde nur auf einem berühmten Bildnis des jungen Herrschers Wirklichkeit. Nach Ottos III. Tod kehrte sein Onkel Heinrich II. bei seinem Regierungsantritt sofort betont zu den Traditionen Ottos I. zurück, ohne jedoch die Politik seines Vorgängers, den er als ganz großen Kaiser schätzte, in irgendeiner Weise zu kritisieren. Heinrich II. wandte sich lediglich mit ganzer Energie wieder dem deutschen Regnum zu, das er vor allem durch die feste Einbindung Baierns und die Sicherung der Ostgrenzen innenpolitisch konsolidierte. Fast ein wenig skrupellos und allzu systematisch betrieb er die Reichskirchenpolitik, erweiterte den Reichskirchenbesitz, erhöhte aber auch die Abgaben und Aufwendungen recht drastisch, die ihm die Reichskirche zu leisten hatte. Nur ein Indiz soll als Beweis für Heinrichs II. kraftvolle politische Handschrift genügen: er behandelte Reichskirchenbesitz einfach wie Reichsgut – man kann sich hier unschwer ausrechnen, dass Heinrich II. von dieser wirtschaftlich und politisch soliden Grundlage aus nicht auf das Kaisertum zu verzichten brauchte: Die ökonomischen Probleme aus dem Wege geräumt, weltliche und geistliche Herren eng an die Krone gebunden, konnte er wiederum ganz in karolingischer und ottonischer Tradition 1004 den Titel »König der Langobarden« mit der entsprechenden Krone erwerben und sich 1014 zum Kaiser krönen lassen. Dabei ist nicht unwesentlich, dass er sofort das Ottonianum wieder erneuerte. Ein dritter Italienzug führte ihn wie auch Otto I. nach Süditalien: 1022 konnte er nach Kämpfen mit Ostrom sogar die entlegenen Regionen Capua und Salerno dem Reich zumindest lose anschließen. Bei seinem Tod hatte Heinrich II. die Devise seiner Politik voll und ganz erfüllt: Wiederherstellung des Frankenreichs. Damit war seine Kaiserkonzeption erfolgreich realisiert worden, wenngleich die praktische Politik Heinrichs II. ganz anders aussah als die des bewunderten und in der Siegelumschrift imitierten Karl. Bei aller erfolgreichen Politik des letzten Sachsenkönigs dürfen wir nicht vergessen, dass die königlich-kaiserlichen Triumphe ohne die gleichzeitige Schwäche der römischen Kirche nie in dieser Form möglich gewesen wären und vermutlich auch die Chancen zur Durchsetzung bestimmter Kaiserkonzeptionen unter anderen Bedingungen geringer ausgesehen hätten. Bei allem kaiserlichen Glanz der deutschen Könige darf man nicht vergessen, dass diese Jahre von der Kirche als ›saeculum obscurum‹, als dunkles Jahrhundert, empfunden wurden, das man bald überwinden sollte.

Forum (Kommentare)

Info 26.09.2017 - 00:15
Noch keine Kommentare zu diesem Artikel vorhanden.