Imperialismus im 19. Jahrhundert

Der Expansionsdrang Europas war im 19. Jahrhundert stärker als je zuvor: Der alte Kontinent setzte auf moderne Art die Tradition antiker Imperien, aber auch den spanischen, holländischen und portugiesischen Kolonialismus des 16. und 17. Jahrhunderts fort. Die Expansion im 19. Jahrhundert zielte vornehmlich auf überseeische Territorien. Erstmals wurde dabei eine sehr große Zahl fremder Rassen und Völker in ihren angestammten Regionen mit der europäischen Zivilisation konfrontiert. 1914 lebten schon 500 Millionen Menschen in imperialen Kolonialreichen.

Der Aufstieg Großbritanniens
Das holländische, das spanische und das portugiesische Imperium verloren im 18. und 19. Jahrhundert an Bedeutung. Rasch aufeinander folgende Revolten in den iberoamerikanischen Kolonien endeten mit der Gründung einer Anzahl unabhängiger Republiken, sowohl Spanien wie Portugal büßten dabei ihre wirtschaftliche Überlegenheit ein. Großbritannien war der lachende Sieger. Nach mehreren Kriegen im 18. Jahrhundert, die in der Niederlage des napoleonischen Frankreichs (1815) gipfelten, entwickelte sich Großbritannien zur stärksten Seemacht, nunmehr Besitzer zahlreicher großer Kolonien und kleinerer Inselreiche.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hielt sich die koloniale Expansion noch in Grenzen. Großbritannien war vor allem darauf bedacht, seine Herrschaft in den bereits erworbenen Kolonien zu festigen. Dabei beschritt es zwei Wege: Den am höchsten entwickelten, von englischen Kolonisten besetzten Gebieten, z. B. Kanada, wurde die Selbstverwaltung zugestanden. In unsicheren Regionen wendete man dagegen zur Durchsetzung der Herrschaftsansprüche militärische Gewalt an. Das spektakulärste Beispiel dieser Art war die Niederwerfung des Sepoy-Aufstandes in Indien (1857-58). Generell verfolgte Großbritannien aber um diese Zeit noch die Politik der nur »informellen Herrschaft«, d. h., es sicherte seine traditionellen oder neu erworbenen Handelsrechte lediglich ab, richtete aber keine Regierungsvertretungen ein. Solche Handelsrechte waren meist käuflich erworben worden, z. B. vom Sultan von Johore für Singapur (1819) oder von Dänemark für die Goldküste in Afrika (1850). Anders dagegen die Haltung Großbritanniens gegenüber Indien: Obwohl den Engländern allmählich klar wurde, dass auch die meisten ihrer »weißen« Kolonien eines Tages selbstständig würden, dachten sie nie daran, dass Indien einmal die Unabhängigkeit erlangen könnte.

Der Wettlauf um Afrika
Gegen 1870 begann der Kampf der Großmächte um jene Regionen der Erde, die noch nicht unter europäischem Einfluss standen, darunter Afrika. Missionare und Forscher waren die Wegbereiter bei der Eroberung des »schwarzen Kontinents«, neue Technologien bei der Herstellung von Waffen, neue Transportmittel so wie Fortschritte in der Tropenmedizin erleichterten seine Inbesitznahme. Ein regelrechter Wettlauf um afrikanische Territorien setzte ein, als Großbritannien zur Sicherung seines Seeweges nach Indien 1882 Ägypten besetzte. Danach dauerte es nur noch 20 Jahre, bis fast der gesamte Kontinent unter den Großmächten aufgeteilt war. Die Motive für diese Annexionen waren unterschiedlich, sie reichten von wirtschaftlichen über strategische Interessen bis zu einfacher Rivalität unter den Großmächten. Häufig wird die Rolle wirtschaftlicher Motive zumindest für den Zeitraum 1870-1914 überbewertet. Tatsächlich hatten sich die Verhältnisse in dieser Phase der Kolonisation im Vergleich zu früheren imperialen Epochen umgekehrt: Meist war der Handel nicht die Ursache, sondern die Folge der Annexion.

Strategische und politische Motive
Im Jahre 1865 war Großbritannien durchaus gewillt, sich aus den wirtschaftlich ergiebigen Gebieten Westafrikas teilweise zurückzuziehen, um dafür um so stärker Einfluss auf die ärmere, aber strategisch wichtigere Ostküste mit den Häfen am Indischen Ozean ausüben zu können. In Frankreich blieb der Kolonienerwerb vornehmlich Angelegenheit der Regierung, einer kleinen Gruppe von Geschäftsleuten, Militärs und Forschern. Ähnlich war es in Deutschland. Bismarck betrieb Kolonialpolitik aus außen- und innenpolitischen Gründen.

Da insbesondere nach 1870 Kolonien aus vorwiegend politischen Gründen erworben wurden, strömten europäisches Kapital und europäische Siedler nur zögernd in die neuen Gebiete. Das Handelsvolumen der Kolonien blieb ebenfalls gering, meist exportierten sie nur ein tropisches Produkt oder doch wenige, z. B. Edelhölzer, Kakao oder Kautschuk.

Der moderne Imperialismus war also anfangs davon bestimmt, die Herrschaftsbereiche der europäischen Großmächte durch den Besitz überseeischer Gebiete zu vergrößern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rechtfertigten die europäischen Staaten ihre Machterweiterung als zivilisatorische Mission: Durch die Kolonisation »primitiver Völker« wollte man diese am Christentum, am Handel und an den Verwaltungssystemen europäischer Prägung teilhaben lassen. Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die »Tonart« nochmals: Die neuen Massenpublikationen wurden zur Basis für die Verherrlichung des Imperialismus, sie versuchten vor allem, die Regierungen im Sinne einer aggressiven Kolonialpolitik zu beeinflussen. Bis 1914 kam es zwischen den europäischen Großmächten deshalb zu Spannungen, die aber stets diplomatisch beigelegt wurden, so dass bis zum Ersten Weltkrieg Großbritannien unangefochten die stärkste Kolonialmacht Europas sein konnte, gefolgt von Frankreich und Deutschland.



Den Streit der imperialistischen Großmächte Großbritannien, Deutschland, Russland, Frankreich und Japan um ein Überseeterritorium karikiert diese Zeichnung hier ist China gemeint. Am Ende des 19. Jh. entfachten die neuen Massenblätter überall in Europa eine proimperialistische Stimmung. Dieser neue »Hurrapatriotismus« hätte beinahe schon 1898 zu einem Weltkrieg geführt, als England und Russland um den Grenzverlauf in Nordwestindien, England und Frankreich um die Grenzen des Sudans stritten.

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Kategorie: Imperialismus
Artikel Nummer: 2613 - Imperialismus im 19. Jahrhundert (Referat)
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