Die Ausbreitung des Christentums

Der christliche Glaube breitete sich schrittweise aus: In den ersten Jahrhunderten durchdrang die neue Religion, von ihrer Geburtsstätte Palästina ausgehend, das römische Weltreich. Die zweite Phase ist das frühe Mittelalter, als der größte Teil Europas christlich wurde. Die dritte begann im 15. Jahrhundert, als sich die europäischen Mächte den Weltmeeren und überseeischen Ländern zuwandten. Zeitalter der Eroberungen und Entdeckungen
Durch die Gründung von portugiesischen und spanischen Besitzungen in Nord- und Südamerika, entlang der afrikanischen Küste, im indischen Raum und im Pazifik drang der römische Katholizismus auch in diese Länder ein. Die päpstliche Bulle von 1493 teilte die Welt in zwei Interessensphären auf, und zwar zugunsten der katholischen Mächte Portugal und Spanien, die Kirche selbst wurde Werkzeug der Eroberung und Kolonialisierung. Zum Teil wurden ganze Völker in den neu entdeckten Ländern gewaltsam bekehrt, auch andere Unrechtmäßigkeiten der Kolonialmächte häuften sich. Die katholischen Missionen kritisierten diese Missstände oft, allen voran Bartolome de Las Casas (1474-1566), ein spanischer Dominikaner, der sich für die Rechte der Indianer in Mittelamerika einsetzte. Ein hervorragender Missionar war der spanische Jesuit Franz Xaver (1506-52), der in Indien und Südostasien tätig war und der auch nach Japan gelangte, wo er als erster Europäer missionierte. Ein anderer Jesuit, der Italiener Matteo Ricci (1552-1610), brachte den Katholizismus nach China. Ricci stand zeitweise unter dem Schutz der Kaiser und bekehrte viele Chinesen zum christlichen Glauben. Erst im 18. Jahrhundert brachten innerkirchliche Streitereien den Katholizismus in Verruf, so dass er zurückgedrängt wurde. Der Missionserfolg in Japan war weniger eindrucksvoll. Von 1587 an wurde die Kirche 50 Jahre lang grausam verfolgt. Nur wenige Christen überlebten. Auf den Philippinen gelang es den spanischen Missionsorden, den größten Teil der Bevölkerung zu bekehren. Die Philippinen sind die erste und einzige christliche Nation in Asien. Der protestantische Glaube wurde insbesondere in jene Gebiete der Welt getragen, in denen sich europäische Auswanderer niedergelassen hatten, vor allem nach Nordamerika, später dann nach Südafrika, Australien und Neuseeland. Der neue Aufbruch durch die Erweckungsbewegungen
Gegen Ende des 18. und während des ganzen 19. Jahrhunderts erlebte die christliche Mission eine neue Blütezeit. Die Impulse gingen vor allem von den pietistischen Erweckungsbewegungen wie der Herrnhuter Brüdergemeine aus. Das persönliche Bekehrungserlebnis rief in ihnen ein sozial-humanitäres Engagement sowie ein starkes Sendungsbewusstsein hervor: Auch den nicht christlichen Völkern musste das Heil verkündet werden. Eine Reihe gut organisierter Missionsgesellschaften entstanden: 1792 die Baptistische Missionsgesellschaft, 1795 die Londoner, 1815 die Basler, 1824 die Berliner, 1828 die Rheinische Missionsgesellschaft. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es mehr als 300 solcher Vereine in Europa und Nordamerika. Es entstanden auch zahlreiche katholische Missionsorden, so die vorwiegend französischen Weißen Väter (1868) und die Steyler Missionare (1875). Neben der Evangeliums-Verkündigung bot die christliche Mission konkrete Lebenshilfe an: Sie betreute die Kranken, kümmerte sich um die Waisen, errichtete Schulen. Pioniere der Missionstätigkeit waren u. a. der Deutsche Bartholomäus Ziegenbalg (1683-1719) in Indien, der Schotte David Livingstone (1813-73) und die Deutschen Bruno Gutmann (1876-1966) in Afrika sowie Christian Keyßer (1877-1961) in Neuguinea. Sie leisteten außerdem wichtige Arbeiten zur Erforschung der fremden Sprachen, der Kulturen, Religionen und der Geografie. Die christliche Missionsarbeit war in jenen Gebieten wenig erfolgreich, in denen andere Weltreligionen vorherrschten. Diese gerieten zwar durch die Konfrontation mit westlicher Zivilisation und Technik in eine Krise, antworteten darauf aber mit Reformversuchen und erstarkten – wie der Islam in Indonesien und Afrika. Im 20. Jahrhundert breitete sich das Christentum weiter kontinuierlich aus. Doch musste es auch Rückschläge hinnehmen, so durch die beiden Weltkriege und den Sieg des Kommunismus in China, Nord-Vietnam und Nord-Korea, der dort das Ende christlicher Missionstätigkeit bedeutete. Ebenso erwies sich der Nationalismus der neu entstandenen Staaten der Dritten Welt manchmal als kirchenfeindlich. Aus den einstigen Missionsstationen sind mittlerweile selbstständige Kirchen geworden, mit eigenem Priesterstand und eigener Mission. Die Zeit, in der europäisches Glaubenstum in überseeische Gebiete verpflanzt wurde, ist vorbei. Unter dem Begriff der Indigenisierung fasst man jenes Programm, bei dem sich die überseeischen Christen bemühen, ihrem Glauben Ausdruck zu verleihen: im Kirchenbau, im Liedgut, in der religiösen Kunst, in der Theologie. Dies schließt oft die Einbeziehung des vorchristlichen Erbes und der fremdreligiösen Umwelt ein. Es geht hier um die Zuordnung verschiedener Lebenskräfte auf die im Glauben ergriffene universale Herrschaft Jesu Christi. Die Universalität dieser Herrschaft kann sich im geschichtlichen Prozess nicht als Uniformität, sondern nur im Spiegel vielfältiger Zeugnisse dokumentieren. Erst durch die Ausbildung einer eigenständigen Theologie und Kirche in Gestalt verschiedener Kulturen ist das Christentum in seine weltgeschichtliche Phase eingetreten. Nach Japan gelangte das Christentum mit den Portugiesen um 1550. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte gerieten seine Anhänger in den Verdacht der Verschwörung. 1637 wurden Tausende christlicher Konvertiten umgebracht. Erst als die Selbstisolierung Japans 1858 gebrochen worden war, setzte die Missionstätigkeit wieder ein. Die Missionare leisteten Beachtliches auf dem Erziehungssektor. Hugh Foss [links im Bild mit Vertretern des einheimischen Klerus], einer der frühen Missionare, wurde 1899 Bischof von Osaka.