Indien im 19. Jahrhundert

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Indien in der Vorstellung vieler Engländer ein ebenso fester Bestandteil Großbritanniens wie die Grafschaften des Mutterlandes. Sie betrachteten das indische Imperium als wichtigsten Erwerb des letzten Jahrhunderts, als die Basis der britischen Großmachtstellung. Die Eroberung Indiens
Nach 1800 begannen die Briten die Gebiete, die Robert Lord Clive (1725-74) ein halbes Jahrhundert zuvor in Indien erobert hatte, konsequent zu erweitern. Um 1820 verfügten sie bereits über ausgedehnten Besitz in Südindien und hatten ihre Position gegenüber feindlich gesinnten indischen Fürsten wie Tipu Sahib festigen können. Im Norden verlief der Annexionsprozess zwar langsamer, aber ebenso unaufhaltsam. 1849 verloren die Sikhs den Pandschab an die Briten, 1856 folgte die Annexion der Oudh-Region. Hinter allen Eroberungen und Annexionen dieser Epoche stand stets die Absicht der britischen Ostindienkompanie, ihren ausgedehnten Handel auf dem Subkontinent zu schützen. Die Handelsgesellschaft – seit 1784 unter der Aufsicht der Regierung – war das wichtigste britische Machtinstrument in Indien, bis die Regierung 1858 die Herrschaft in Indien direkt übernahm. Nach dem Niedergang des Mogulreiches um 1700 war in Indien eine Reihe neuer Staaten entstanden, die sich zum Teil gegen die Aktivitäten der Ostindienkompanie wehrten. Die Kompanie stellte daraufhin zu ihrem eigenen Schutz Eingeborenentruppen auf, deren Unterhalt aber zusätzliche finanzielle Belastungen brachte. Um diese Geldmittel aufzubringen, dehnte die Gesellschaft ihre Herrschaft über neue Gebiete aus, deren Steuern ihr dann zuflossen. So kam es ununterbrochen zu Kriegen und weiteren Annexionen. Sobald die britische Herrschaft in Indien gefestigt war, setzten die Engländer die wirtschaftlichen Mittel des Subkontinents und die vom indischen Steuerzahler finanzierten Eingeborenentruppen zum weiteren Ausbau der britischen Machtposition in Asien ein. China wurde gezwungen, seine Häfen dem britischen Handel zu öffnen. Indien war einerseits unentbehrlicher Bestandteil des britischen Weltreiches, andererseits sollte aber seine Verwaltung mit möglichst geringem finanziellen Aufwand betrieben werden. Diese Aufgabe war in vielerlei Hinsicht schwierig, denn noch nie hatten so relativ wenige englische Verwaltungsbeamte ein so großes Territorium mit einem derart verschiedenartigen Völkergemisch regieren müssen. So wurde für die Engländer die Kooperation mit einheimischen Instanzen unumgänglich. Indische Beamte leiteten die Dorfverwaltungen, die größeren Grundbesitzer sorgten wie vorher für Recht und Ordnung in den ländlichen Gebieten. Damit blieben auch alte Sozialstrukturen erhalten, kleinere Verstöße gegen die britischen Ordnungsvorstellungen mussten die Engländer allerdings großzügig übersehen. Der indische Aufstand: Ursachen und Folgen
Trotz mancher Kompromisse stieß die sich ausweitende britische Herrschaft in Indien auf Widerstand. 1857/58 entfesselten die Sepoys (einheimische Soldaten in britischem Dienst) einen Aufstand, dessen Ausmaß nicht mehr mit dem unmittelbaren Anlass zu erklären war: Die Sepoys hatten sich nämlich geweigert, Patronen, die mit tierischem Fett geölt waren, mit den Zähnen zu öffnen, denn tierisches bzw. Schweine-Fett ist für Hindus und Moslems tabu. Tatsächlich richtete sich die Empörung generell gegen die »Kompanie-Herrschaft«, gegen Steuererhöhungen, gegen die Entmachtung indischer Magnaten und gegen den Versuch, agrarische Besitzverhältnisse und Sozialstrukturen zu ändern. Vorübergehend geriet die britische Herrschaft in Nord- und Zentralindien in ernste Gefahr. Lakhnau fiel, Kanpur wurde belagert. Die Autorität der Briten konnte schließlich durch den Einsatz starker Truppenkontingente, die Zerschlagung rebellischer Sepoy-Einheiten und die drakonische Bestrafung der Rebellenführer wiederhergestellt werden. Dennoch wurde die britische Kolonialpolitik in Indien revidiert: Die Engländer begriffen die Furcht der Inder vor tief greifenden Änderungen religiöser Bräuche und Praktiken, sie sahen die eigenen Fehler in der Behandlung der landbesitzenden Schichten ein. Nach dem Aufstand ging die Verwaltungsoberhoheit in Indien von der Ostindienkompanie auf die britische Regierung über. Eine Reihe von Gesetzes- und Steuerreformen wurde modifiziert oder ganz zurückgenommen, die Auflösung der noch verbliebenen Fürstentümer nicht weiterbetrieben. Leisteten die Radschas und Fürsten Königin Viktoria (1819-1901) den Treue-Eid, so sicherte ihnen England – gleichsam als Gegenleistung – den Fortbestand ihrer Position und ihres Besitzes zu. Erste Unabhängigkeitsbestrebungen
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich der britische Regierungsstil in Indien grundlegend. Man sah ein, dass auch erzwungene Veränderungen im Gesellschafts und Erziehungsbereich aus den Indern noch keine »braunen Engländer« machten. Die englische Indienverwaltung beschränkte sich nunmehr auf die Erhaltung des Status quo. Doch selbst dieser Taktik war keine lange Zukunft mehr beschieden. Indien war durch die Engländer für englische Waren, aber auch für englisches Gedankengut zugänglich geworden. In den großen Städten wuchs eine neue geistige Elite unter dem Einfluss englischer Ideen heran, die bald nach stärkerem Einfluss auf die Regierungsgeschäfte strebte. 1885 wurde ein indischer Nationalkongress gegründet, der erste – noch unsichere – Schritt zur Unabhängigkeit.
Während des Aufstandes der Indischen Sepoy-Truppen 1857/58 kam es zu harten Kämpfen, ehe die Briten Verstärkung erhielten und die Revolte ersticken konnten. Der Aufstand kam für die Briten überraschend. Nach diesem Ereignis begannen die Engländer doch zu bezweifeln, ob die Methoden der in Indien betriebenen Kolonialpolitik wirklich richtig waren.

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Info 21.02.2018 18:30
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