Japan: Die Medschi-Ära (1867 bis 1912)

Um 1850 lagen mehr als 200 Jahre strenger Abriegelung gegenüber der übrigen Welt hinter Japan. Nur wenige chinesische und holländische Kaufleute hatten in dieser Epoche von Nagasaki aus in beschränktem Maße Handel treiben dürfen. Erst als Commodore Matthew Calbraight Perry (1794-1858) 1854 mit einem amerikanischen Geschwader vor der japanischen Küste erschien und die Sperren gewaltsam durchbrechen wollte, erklärte sich der letzte shogun, Joschinobu, bereit, amerikanischen Handelsschiffen die Häfen Schimoda und Hakodate zu öffnen. Japan schloss mit den USA Handelsverträge ab, später auch mit vielen europäischen Staaten. Binnen weniger Jahre war die selbst gewählte Isolation beendet. Der Bürgerkrieg
Diese erzwungene Öffnung für den Handel mit westlichen Staaten versetzte dem Tokugawa-Regime den Todesstoß. Der shogun Joschinobu hatte unter Druck Verträge unterzeichnet, die den Ausländern exterritoriale Rechte und Handelsprivilegien einräumten. Daraufhin formierte sich am Kaiserhof in Kioto eine Samurai-Gruppe, die sich vornehmlich aus Lehnsfürsten und Kriegern der südwestlichen Provinzen rekrutierte und energisch auf der Ausweisung aller »Barbaren« bestand. Aus dieser fremdenfeindlichen Bewegung entwickelte sich 1861 ein Bürgerkrieg, durch den Joschinobu zum Rücktritt gezwungen wurde. Die Feudalherren hatten diesen Bürgerkrieg im Namen des noch jugendlichen Kaisers Mutsuhito (Medschi Tenno, 1852-1912) geführt. Seit 1868 ließen sie Mutsuhito im shogun-Schloß der Stadt Edo residieren, Edo wurde damals in Tokio (»Osthauptstadt«) umbenannt und damit zur Hauptstadt Japans gemacht. Die Medschi-Ära wird auch als Medschi-Restauration bezeichnet, da der Kaiser zumindest nominell die Regierungsgewalt wiedererhielt, die die shogunen jahrhundertelang ausgeübt hatten. Unter Mutsuhito entwickelte sich Japan von einem halbmittelalterlichen Polizeistaat zu einem modernen Rechtsstaat. Der Kaiser wurde von jungen Samurai unterstützt, die Japan rasch auf den technologischen Stand des Westens bringen wollten. Das Kaiserreich rief ausländische Lehrer und Spezialisten nach Japan, die ihr technisches Wissen an die Jugend weitergeben sollten. Viele Japaner konnten außerdem nach der Aufhebung der Ausreiseverbote (1871) ein Auslandsstudium aufnehmen. Alle diese Anstrengungen führten in den folgenden 20 Jahren zu einer bemerkenswerten Modernisierung der japanischen Wirtschaft: Besonders gut entwickelten sich die Baumwollspinnereien, die um 1870 etwa 2000 Ballen pro Jahr produziert hatten, 1889 schon 142 000 Ballen und 1900 750 000 Ballen lieferten. Japan verzichtete beim Aufbau seiner Wirtschaft weitgehend auf ausländische Gelder, so dass die Agrarregionen die schwere finanzielle Belastung allein tragen mussten. Bei Ausbruch des I. Weltkrieges war die Umwandlung Japans in einen Industriestaat im Wesentlichen vollzogen. Parallel dazu liefen die Bemühungen um eine Verwaltungsreform. Die neue Verfassung von 1889 gab Japan den Charakter einer konstitutionellen Monarchie, mit einem Parlament aus Oberhaus und Abgeordnetenhaus. Dem Wesen nach blieb die neue Regierung aber autoritär. Oberhausmitglieder waren Adlige, die nicht gewählt, sondern ernannt wurden, das Wahlrecht blieb auf bestimmte Gruppen beschränkt. Die Minister waren nur dem Kaiser, nicht dem Parlament verantwortlich, und im Kriegs- und Marineministerium wirkten Männer, die noch die Samurai-Tradition verkörperten. Allerdings huldigte auch die breite Volksmasse diesem Ideal. Die militärische Stärke Japans
Im Chinesisch-Japanischen Krieg (1894/95) und im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) überraschte Japan die Welt mit seinen Siegen zu Lande und zu Wasser. Die spektakulärsten Erfolge waren der Landsieg über die Russen bei Mukden (Schenjang) und die Vernichtung der russischen Flotte vor Tsuschima (Koreastraße) durch Admiral Heihatschiro Togo (1847-1934), Ereignisse, die Russlands Stellung in Fernost empfindlich schwächten. Der Chinesisch-Japanische Krieg war das Ergebnis von Rivalitäten um Korea. Im Frieden von Schimonoseki 1895 trat China an Japan Formosa (Taiwan) ab und erkannte die Unabhängigkeit Koreas an. Der Anlass für den Krieg zwischen Russland und Japan war wiederum Korea, das inzwischen politisch und wirtschaftlich von Japan abhängig war. Im Frieden von Portsmouth/USA erhielt der Sieger Japan Port Arthur und das Protektorat über Korea sowie Südsachalin. Korea wurde 1910 voll annektiert. Kaiser Mutsuhito starb 1912, und sein kränklicher Nachfolger Joschihito (Taischo Tenno, 1879-1926) konnte das höchste Amt im Staat nur nominell ausüben. Durch das 1902 mit Großbritannien geschlossene Schutzbündnis trat Japan an der Seite der Gegner Deutschlands in den Ersten Weltkrieg ein. Japan besetzte den von Deutschland gepachteten chinesischen Hafen Tsingtao, übernahm nach dem Krieg die deutschen Pazifikinseln nördlich des Äquators als Völkerbundmandate und erweiterte seinen Einfluss im politisch schwachen und gespaltenen China. Bei der Versailler Friedenskonferenz von 1919 erhielt auch Japan einen Sitz in der neuen internationalen Organisation, dem Völkerbund. Das Ziel war erreicht, das sich die ersten Reformer der Medschi-Ära gesetzt hatten: die Anerkennung Japans als Weltmacht. Darüber hinaus erzielte Japan territoriale Gewinne: Kiautschou wurde dem Kaiserreich einverleibt, außerdem wurde ihm die Mandatsverwaltung über die Karolinen, die Marianen und die Marshallinseln zugesprochen.
Japans Angriff auf die russischen Streitkräfte im Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) sowie das Vertrauen Japans auf ausländische Hilfe ist Thema dieser russischen Karikatur (1904). Großbritannien leistete Japan Waffenhilfe und diplomatische Unterstützung, der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt (1858-1919) vermittelte 1905 zwischen den Gegnern. Trotz des hier gezeigten Selbstvertrauens wurde die russische Flotte von den Japanern besiegt.