Die kaiserlose Zeit 1250-1273

Im jahre 1256 gab es im Reich keine zentrale politische und administrative Gewalt, was den meisten Fürsten eigentlich recht war, da sie jetzt ihr durch Generationen zäh verfolgtes Ziel erreicht hatten: die volle, von nahezu jeder lehnsrechtlicher Fessel gelöste Selbstständigkeit als unabhängige Territorialherren, als »domini terrae« (lat., ›Herren des Landes‹), die sie ja juristisch bereits seit 1221 und 1231 durch die großen Privilegien Friedrichs II. geworden waren. Bedarf an einem König hatten sie schon noch, aber eben nur insoweit, als man ihn als Quelle neuer Privilegien, als Reichsnotar und -büttel benutzen konnte. Im Interregnum eine völlig rechtlose Epoche zu sehen ginge aber zu weit, es gab zwar noch kaum ein zentral und systematisch ausgeübtes königliches Recht, sehr wohl aber neben dem »Faustrecht« viele örtliche, freilich oft usurpierte »Rechte«, die ursprünglich nur der König ausüben und vergeben durfte. Auch widersetzten sich im Reich bestimmte Kräfte der »fürstlichen Anarchie« oder versuchten dies zumindest dort, wo es noch keine geschlossenen Territorialherrschaften gab, was immer noch in manchen Teilen des Reiches der Fall war. Ansonsten beschreibt ein rheinischer Chronist die Zustände folgendermaßen: »Damals stand es in Deutschland und besonders am Rhein so, dass der jeweils Stärkste den Schwächeren je nach Lust und Können in den Sack schob. Die Ritter und Edelleute besorgten sich ihren Unterhalt aus dem Sattel ihres Streitrosses, ermordeten, wen sie trafen, legten sich an Straßen und Hohlwegen in den Hinterhalt und warteten auf diejenigen, welche damals aus beruflichen Gründen reisen mussten.« Hier wird das soziale Absinken eines Teiles der Ritterschaft zu Straßenräubern, zum Raubrittertum beschrieben, eine der größten Landplagen dieser Zeit, wovon besonders der Reisekaufmann, aber auch der Bauer betroffen wurde – mitunter aber auch prominente Persönlichkeiten, so wurde 1254 die Gattin des deutschen Königs, Wilhelms von Holland, der auf dem Reichstag von Oppenheim gerade über das Raubritterunwesen verhandelt hatte, auf dem Heimweg im Pfälzer Wald von einem solchen Gesellen überfallen, ausgeplündert und mit der Forderung nach Lösegeld gefangengesetzt. Viele und wichtige handeltreibende Städte des Rheingebietes, Westfalens, aber auch Süddeutschlands, schlossen sich deshalb im sogenannten »Rheinischen Städtebund« zusammen und versuchten, zumindest in ihrem Bundesgebiet die wichtigen Königsaufgaben der Friedens und Rechtswahrung zu erfüllen, etwa zur selben Zeit entstand in Hamburg und Lübeck die Urzelle des später so mächtigen hanseatischen Städtebundes. Überhaupt waren ganz allgemein in den Städten, aber auch im Bauernstand die königstreuen Kräfte zu finden, da deren Lebensschicksal und ihr Gedeihen von einer Zentralgewalt abhing, welche im ganzen Reich geordnete Zustände und die Gangbarkeit der Handelswege garantieren konnte, letztere wurden nämlich nicht nur von den Raubrittern, einer verarmten Adelsschicht, die sich auf diesem Weg ernähren musste, sondern auch von den Territorialherren gefährdet, die ihre Herrschaftsgebiete aus engstirnigem Eigeninteresse durch willkürliche Zollschranken abschotteten und durch vielerlei Abgaben Handel und Wandel finanziell stark belasteten, ja zum Teil sogar unrentabel machten, von »Freihandel« hielten diese Fürstlichkeiten noch nicht viel – er ist erst eine Einrichtung des entfalteten Kapitalismus im 19. Jahrhundert! Jetzt, im Interregnum, wurde auch auf diesem Sektor so richtig offenbar, in welch exzessivem Maße die Fürsten seit Heinrich IV. königliche Rechte (Regalien), wie z. B. das der Zollerhebung, an sich gerissen hatten. Diese leidige Entwicklung konnte, solange das Reich bestand, nie mehr rückgängig gemacht werden, woraus auch resultiert, dass Deutschland niemals einen zusammenhängenden Wirtschaftsraum darstellte und seine ökonomische Entwicklung immer mehr gegenüber Frankreich und England ins Hintertreffen geriet. Erst im 19. Jahrhundert konnte Deutschland von der Last seiner Binnenzölle befreit werden, welche großzügige, überregionale Wirtschaftsaktivitäten sehr behinderten, ja oft ›abwürgten‹. Fürsten und Krone
Doch zunächst wurde das Königsamt von den deutschen Fürsten meistbietend versteigert: Durch generös bemessene »Handsalben«, d. h. Bestechungsgelder, an die Erzbischöfe von Köln und Mainz, den Herzog von Baiern und andere »interessante« Fürsten erreichte Graf Richard von Cornwall (1257-1272), der Bruder König Heinrichs III. von England, 1257 seine Wahl zum deutschen König, Richard galt als bedeutender und vor allem überaus reicher Fürst und war dazu über seine Gemahlin mit Friedrich II. verschwägert. Er investierte deshalb so hohe Summen in die deutsche Krone, die damals eigentlich nicht so viel wert war, weil er über sie zum römischen Kaisertum und somit zur Herrschaft über Italien kommen wollte, seine Familie, die Plantagenets, besaß England und einen großen Teil Westfrankreichs und wäre, hätte das deutsche Unternehmen Richards durchgeschlagen, zweifellos zur beherrschenden Dynastie Europas aufgestiegen. In Deutschland aber konnte sich Richard von Cornwall mit all seinem Reichtum, der ihm aus den Zinn- und Bleigruben Cornwalls zugeflossen war, nur im Rheingebiet als Herrscher etablieren – für die östlichen Reichsteile existierte er praktisch nicht, obwohl er immerhin 15 Jahre lang die Krone trug! Auch bekam der Engländer sehr schnell einen Konkurrenten im Amt, nämlich Alfons von Kastilien, über seine Mutter Beatrix ebenfalls mit den Staufern verwandt. Seine Kandidatur wurde von Frankreich gesteuert und gefördert, welches damals mit England um seine nationale Einheit kämpfte, in Deutschland favorisierte ihn der Erzbischof von Trier – dieser war vorher mit Richard über die Höhe seiner Handsalbe nicht einig geworden – sowie der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg. Allen diesen Fürsten hatte Alfons viel Geld versprochen, und 1258 wählte diese ›französische‹ Fürstenfraktion den Spanier tatsächlich zum König, sodass jetzt die Heimat der staufischen Dynastie schließlich zwei Ausländer als Herrscher hatte, ja sich in der Rolle eines Objekts der außenpolitischen Ambitionen Englands und Frankreichs wiederfand – dabei war Kaiser Heinrich VI. noch keine zwei Menschenalter tot! Die Möglichkeiten, die deutsche Königswahl vom Ausland her zu beeinflussen, waren inzwischen auch dadurch erleichtert worden, dass die Wahl zum Monopolrecht einiger weniger – nämlich sieben – »Kurfürsten« (Kur, Kür mhd. für ›Wahl‹) geworden war, die bereits vor dem Wahlakt ihren Kandidaten detaillierte Wahlbedingungen (sogenannte Wahlkapitulationen) zusammen mit diversen finanziellen ›Zugaben‹ abverlangten und die zukünftigen Könige auch programmatisch auf eine bestimmte, den Wählern genehme Politik festzulegen suchten. Im Ausland wusste man nun genau, an wen man sich zu halten hatte: Man brauchte sich ja jetzt nur noch der Mehrheit eines kleinen Kollegiums zu versichern, was sicherer war und auch per Saldo billiger kam! Für die Kurfürsten ihrerseits wurde das Wahlrecht zu einer fast regelmäßigen Einnahmequelle, die um so öfter sprudelte, je öfter man wählte – ganz abgesehen von den neuen Rechten, Privilegien und Regalien, die man dem Kandidaten dazu noch abpresste. Allmählich bildete sich für das Kurfürstenkollegium eine feste Zusammensetzung heraus: die Erzbischöfe von Mainz, Trier und Köln, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und ab 1289 der König von Böhmen.
Entwicklung der Königswahl: Zwischen dem 8. und dem 14. Jahrhundert änderten sich die Bedingungen grundlegend, unter denen ein neuer König gefunden und bestimmt wurde. Konnte der Herrscher anfänglich recht unabhängig einen Sohn zum Nachfolger auf dem Thron ernennen, so dauerte es nicht lange, bis die Herzöge sich ein gewisses Beratungs- und Zustimmungsrecht gesichert hatten. Diese Entwicklung ging im ausgehenden Mittelalter schließlich so weit, dass die Fürsten sich ein verbrieftes Recht der Königswahl erstritten hatten. Alfons von Kastilien blieb noch bedeutungsloser als Richard von Cornwall, denn der Trierer Kandidat kam überhaupt nie nach Deutschland. Gelockt hatte ihn ebenfalls die Kaiserkrone, an der das staufische Erbe in Italien zu hängen schien. Diese Doppelwahl von 1257/58 verschlimmerte die deutsche Misere noch insofern, als über ihr der Rheinische Städtebund in die Brüche ging, welcher sehr wohl zu einem politischen Kräftezentrum im Reich hätte werden können.

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Info 26.09.2017 - 00:13
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