König Ottokar II. und seine Rolle als Reichsfürst

Das ganze Interregnum über hatte das Reich unter seinen Fürsten einen Königskandidaten von europäischem Rang, nämlich Ottokar II. König von Böhmen, mütterlicherseits ebenfalls ein Stauferabkömmling. Er überragte bereits Ende der fünfziger Jahre alle Fürsten an Besitz und Reichtum und hatte im Jahre 1260 durchaus reelle Chancen, noch erheblich dazuzubekommen. Bereits 1251 – damals war er noch Markgraf von Mähren – war er in Wien als Landesherr Österreichs und Nachfolger der Babenbergerherzöge eingezogen, gerufen vom Adel des Landes, und 1261 gewann er auf dem Schlachtfeld an der March das Herzogtum Steiermark dazu und wurde 1268 vom kinderlosen Herzog von Kärnten, der bereits 1269 starb, als Erbe eingesetzt. 1270 herrschte der »Goldene König«, wie er genannt wurde, über Böhmen, Mähren, Österreich, Steiermark und Kärnten, er war Vogt des Erzbistums Salzburg und Vikar aller rechtsrheinischen Länder. Besonders in Böhmen tat er sehr viel für den Landesausbau, rief deutsche Siedler ins Land, welche in ihren Städten nach magdeburgischem Stadtrecht lebten, unter ihnen blühte der Silberbergbau in Kuttenberg und Iglau auf. Ottokars II. Machtbereich erstreckte sich vom Riesengebirge bis an die Adria vor die Grenzen der venezianischen Republik und erbrachte sehr große Einkünfte. Hier zeichneten sich bereits ganz deutlich die Umrisse des künftigen Reiches der Habsburger ab, dessen Vorläufer Ottokar II. ohne Zweifel war – auch, was das komplizierte Verhältnis zwischen den österreichischen Habsburgern und dem Königreich Ungarn betraf, denn Ottokars II. Aufstieg vollzog sich in ständigen Auseinandersetzungen mit der Stephanskrone. Die Hofhaltung des Böhmenkönigs war wohl die glänzendste in Europa, hatte deutsches Gepräge und war ein Hort der ritterlichen Kultur, dynastisch bestanden Beziehungen zu vielen führenden deutschen Fürstenhäusern. Wenn man nun die Karriere Ottokars II. betrachtet, der sicher zu den fähigsten und erfolgreichsten Herrschergestalten seines Zeitalters zählte, auf dessen Impuls hin im Südosten ein neuer, tragfähiger Machtkern entstand, fragt man sich unwillkürlich: warum wurde dieser glänzende Reichsfürst nicht deutscher König? Ihn zu wählen, war öfters versucht worden, doch nie wurde etwas daraus: 1255/56 griff Ottokar II. bei einem Angebot nicht zu, weil er seine guten Beziehungen zu Rom nicht gefährden wollte: Der Papst war, wie Ottokar II. sehr wohl wusste, gegen eine böhmische Kandidatur, und ohne den Heiligen Stuhl im Rücken hätte der Böhmenherrscher 1251 auch nicht die Babenberger beerben können, auch war dem Przemysliden klar, dass sein Anhang unter den übrigen Reichsfürsten nicht gerade dicht gesät war. Vielmehr schien dem Böhmen damals der Ausbau seiner Stellung im Südosten lohnender und ertragreicher, was ihn aber nicht daran hinderte, zwischen 1262 und 1266 im Zusammenspiel mit der Kurie »alle Pläne zu einer Königswahl zu hintertreiben, die ihn nicht selbst getroffen hätte«, mutmaßt der Historiker Richter zu Recht. 1272, nach dem Tod Richards von Cornwall, schien Ottokar II. schon eher geneigt, ein entsprechendes Angebot anzunehmen, da sich hinsichtlich der deutschen Frage in der päpstlichen Politik eine Schwenkung abzeichnete: Rom war nun wieder an einem handlungsfähigen deutschen König interessiert, da die Machtpolitik des Hauses Anjou in Süditalien dem Papsttum ebenso gefährlich wurde wie einst der Normannen- und Stauferstaat, auch im Kardinalskollegium drohte ein französisches Übergewicht – kurz, der Papst benötigte jetzt eine Balance gegen den wachsenden Einfluss Frankreichs, musste jedoch einsehen, dass die deutschen Kurfürsten ihren übermächtigen Kollegen aus Böhmen nie wählen würden. So schied Ottokar II. auch diesmal und damit für immer aus dem Kreise der Bewerber aus. Es ist müßig, aber doch interessant, darüber zu spekulieren, wohin die weitere Entwicklung Deutschlands, Böhmens und Europas gegangen wäre, hätte 1273 der König von Böhmen den deutschen Thron bestiegen, die Länder der Krone Böhmens wären vielleicht voll in Deutschland integriert worden und die Geschichte, auch die neueste, des Kontinents hätte einen ganz anderen Verlauf nehmen können.