Albrecht I. – Fürsten- und Städtepolitik

Die Krönung Albrechts I. zum König im Jahre 1298 in Aachen war einstimmig gewesen, auch Böhmen hatte ihm die Stimme gegeben, obwohl die Kurfürsten wussten, dass mit Albrecht I. ein Mann mit ganz anderen Ambitionen und mit ganz anderer, besserer Ausgangsposition den Thron besteigen würde. Doch nach Albrechts I. Krönung herrschten zwischen dem neuen König und den Kurfürsten Wonne und Einigkeit – man hatte sich ja auch von Albrecht I. kräftig die Hände vergolden lassen, besonders über Böhmen ergoss sich eine Flut königlicher Gnade, neuer Rechte, Privilegien und territorialer Zugeständnisse. Doch dauerte dieser ›Wonnemond‹ nicht lange. Als Albrecht I. erneut die Fäden der Weltpolitik aufnahm, die den schwachen und ungeschickten Händen seines Vorgängers entglitten waren, kam es bereits zu Reibereien, besonders mit den geistlichen Kurfürsten am Rhein. Albrecht I. war nämlich mit Philipp IV., dem Schönen, von Frankreich zu einer Art ›Gipfelkonferenz‹ bei Toul zusammengetroffen, in der nahezu alle zwischen dem Reich und Frankreich strittigen Gebietsfragen behandelt wurden, dabei war die Verhandlungsposition Albrechts I. nicht allzu stark, da sich die Machtverhältnisse an der Westgrenze Deutschlands eindeutig zugunsten Frankreichs entwickelt hatten. Albrecht I. hielt sich an die nüchterne Maxime seines Vaters, nur das zu halten, was tatsächlich zu halten war, und ansonsten für Besitztitel weder Energie noch Geld zu verschwenden, wenn sie nur auf dem Papier standen. Wichtig schien Albrecht I. eine grundsätzliche Übereinkunft mit Frankreich, die auch durch eine Familienbindung mit dem französischen Königshaus bekräftigt wurde. Albrechts I. Sohn Rudolf heiratete 1300 die Schwester des französischen Königs, in dessen Freundschaft Albrecht I. nicht zu Unrecht eine Garantie für den Weiterbestand der habsburgischen Dynastie und ein wirksames Gegengewicht zu den Kurfürsten sah. Es ist klar, dass man diese fein eingefädelte Politik in den Kurländern (d. h. in den Territorien der Kurfürsten) mit höchstem Misstrauen und Missfallen beobachtete. Bald wurde daraus offene Auflehnung und Rebellion, als der Habsburger versuchte, Holland als erledigtes Reichslehen einzuziehen und an ein Mitglied seiner Familie zu verleihen. König, Kurie und Kurfürsten im Kampf um Einflusssphären
Die Kurfürsten beschlossen nun Albrechts I. Absetzung, hatten hier aber ihre Rechnung buchstäblich ohne den Wirt gemacht: Albrecht I. war nicht Adolf I. und verstand es, zurückzuschlagen. Die erste, schon empfindlich treffende Gegenmaßnahme des Königs bestand darin, alle von den Kurfürsten an der wichtigen rheinischen Wasserstraße seit 1250 widerrechtlich eingerichteten und erhobenen Zölle und Abgaben für ungültig zu erklären. Das traf einerseits die fürstlichen Geldbeutel schwer und brachte andererseits die rheinischen Städte nahezu geschlossen auf die Seite des Königs. Im Jahre 1301 ging er dann militärisch gegen seine Wähler vor, noch im gleichen Jahr mussten der Pfalzgraf und der Mainzer Erzbischof vor dem König kapitulieren und tatsächlich Gehorsam schwören! Die einträglichen Zölle aber blieben abgeschafft. 1302 mussten sich die Erzbischöfe von Köln und Trier unterwerfen und erhebliche Zugeständnisse an Albrecht I. machen. Bei den Handelsstädten und ihren Bürgern am Rhein, wo Auseinandersetzungen mit dem bischöflichen Stadtherrn schon eine lange Tradition hatten, löste der königliche Sieg großen Jubel aus, da der Rhein nun wieder für alle Schiffe als wichtiger Verkehrsweg offen und ein großes Hindernis für die ökonomische Entwicklung der Städte dadurch beseitigt war. Diese ganze Entwicklung war eine echte Sensation und schien die Tendenz der Reichsentwicklung umzudrehen: Albrecht I. hatte es jetzt in der Hand, das deutsche Königtum aus der Abhängigkeit von den Kurfürsten zu befreien und vielleicht sogar den Weg zum ›Einheitsstaat‹ einzuschlagen, auf dem Frankreich und England sich längst mit großem Vorsprung befanden. Doch blieb dies alles mehr oder minder ein Traum, den später wohl auch einmal ein Wallenstein träumte und dafür mit dem Leben bezahlte. Es gab nämlich noch einen Papst Bonifatius VIII., von dem Albrecht I. genau wusste, dass dieser eine Zerschlagung des Kurkollegiums niemals zulassen würde, und zur Zeit seines Sieges befand sich der König gerade in delikaten Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhl zwecks seiner Anerkennung – so konnte er seinen Sieg keineswegs voll nutzen und musste zurückhaltend taktieren. 1303 wurde Albrecht I. mit dem Papst handelseinig, indem er große Zugeständnisse machte. In einer dieser königlichen Konzessionen, nämlich dass der Papst bestimmten geistlichen und weltlichen Fürsten das Recht übertragen habe, den deutschen König zu wählen, saß versteckt ein gefährlicher Widerhaken: Die Kurfürsten hätten damit ihre Wahlbefugnis vom Papst verliehen bekommen. Konnte der Papst, wie schon öfters geschehen, deutsche Könige durch die Kurfürsten ›machen‹ lassen, so konnte er damit erst recht auch Kurfürsten einsetzen oder sie ihrer Kurwürde entkleiden! Besonders zupass kam dem Papst auch, dass Albrecht I. als Preis für seine päpstliche Approbation (lat., Bestätigung) als König auch das so aussichtsreiche Bündnis mit Frankreich aufgeben musste. Bonifatius VIII. lag nämlich in einem erbitterten Kampf mit dem französischen König Philipp IV., dem Schönen, wobei es letztlich um nichts anderes ging als um die Souveränität der französischen Krone. Zu diesem Zeitpunkt war Philipp IV. zusammen mit seinen im Römischen Recht versierten ›bürgerlichen‹ Räten dabei, Frankreich in einen nach klaren, einheitlichen Rechtsgrundsätzen organisierten und somit zentralistischen Königsstaat umzuschmieden, in dem allein der König ohne adelige oder kirchliche Konkurrenz Staat und Gesetz verkörpern sollte. Zu diesem Zweck betrieb Philipp IV. einerseits eine rücksichtslos zugreifende Finanz- und Steuerpolitik, welche auch gegenüber der Kirche keine Ausnahmen vorsah, während er andererseits den Handel und das produzierende Gewerbe gezielt förderte, also so etwas wie staatliche Wirtschaftspolitik versuchte. Dieser Monarch, im Guten wie im Bösen seiner Zeit weit voraus und gleichsam ein mittelalterlicher Vorläufer Richelieus, hatte erkannt, dass eine starke Monarchie künftig auf ihrer Finanzkraft und somit auf der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes beruhen würde. Rudolf I. und sein Sohn Albrecht I. wussten das auch, doch hatten sie nie die Möglichkeit zur Verwirklichung dieser Erkenntnis besessen, wofür viele französische Könige durch Jahrhunderte hindurch unauffällig in zäher Kleinarbeit die Voraussetzungen geschaffen hatten. In diesen spannungsgeladenen Monaten des Jahres 1303 konnte Albrecht I., so weitblickend und kühl rechnend er als Politiker auch war, nicht wissen, dass der Weltherrschaftsanspruch des Papsttums kurz vor dem Zusammenbruch stand: Als nämlich Bonifatius VIII. drauf und dran war, Philipp IV. von Frankreich mit dem Kirchenbann zu belegen, was die Lösung der französischen Untertanen von der Gehorsamspflicht bedeutet hätte, und dem Herrscher Frankreichs das Schicksal Friedrichs II. bereitet hätte, da wehrte sich der französische König mit einem überraschenden, wie sich schnell zeigen sollte, äußerst erfolgreichen Schlag. Einer seiner vertrautesten Amtsträger, Wilhelm von Nogaret, hob den Papst samt Hofstaat im italienischen Städtchen Anagni aus und brachte ihn in französische Gewalt. Das übersteigerte Machtbewusstsein des Papstes verkraftete diesen rücksichtslosen, Philipps IV. Interessen jedoch sehr dienlichen Coup nicht, Bonifatius VIII. starb kurz danach als gebrochener Mann. Hierdurch erfuhr die politische Szenerie Europas eine abrupte Änderung: Albrecht I. hatte seinen Hebel gegen die Kurfürsten verloren und Philipp IV. nutzte machtpolitisch klug und skrupellos die Situation, indem er – des Bündnisses mit Albrecht I. nun nicht mehr bedürftig – geheime Verbindungen mit dem König von Böhmen anknüpfte, dem er große Summen versprach, wenn er Albrechts I. Sturz unterstützte. Doch wurde aus diesem Vorhaben Frankreichs, das langfristig den Plan verfolgte, einen Angehörigen seines Königshauses auf den deutschen Thron zu bringen, zunächst nichts.

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Info 23.11.2017 19:21
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